Münchner Rakete erreicht den Erdorbit

Als die drei Gründer des Start-ups Isar Aerospace ihr Unternehmen am 20. März 2018 beim Amtsgericht München anmeldeten, da ließen sie die „Entwicklung, industrielle Herstellung und Qualifizierung von Raketenmotoren und Komponenten für Raketen-, Raumfahrt- und Industriesysteme“ als Geschäftsziel eintragen. Knapp achteinhalb Jahre später hat es die Firma um Daniel Metzler geschafft, eine 28 Meter lange zweistufige Trägerrakete in den Erdorbit zu schießen – und damit die erste deutsche Rakete überhaupt. Es ist nicht übertrieben, von einem historischen Tag für die deutsche Raumfahrt zu sprechen.

Der zweite Testflug der Spectrum-Rakete stand unter dem Motto „Onward and Upward“ – vorwärts und aufwärts. Am Samstag hatte das Team am späten Nachmittag damit begonnen, die Rakete auf der Startrampe im norwegischen Andøya, fast 300 Kilometer nördlich des Polarkreises, zu betanken. Gegen 22.12 Uhr deutscher Zeit konnte die Spectrum dann in den Nachthimmel abheben, wie im Livestream zu sehen war. Insgesamt 40 Tonnen flüssiger Sauerstoff und Propan befeuerten die neun Triebwerke der ersten Stufe.

Isar-Aerospace-Gründer Metzler

:„Brauchen wir zwei, drei, vier, fünf Versuche? Wir werden es rausfinden“

Das Start-up Isar Aerospace steht vor dem zweiten Testflug und nimmt die größte Raketenfabrik Europas in Betrieb. Gründer Daniel Metzler spricht über undichte Heliumtanks, größere Raketen und ihre Wiederverwendbarkeit.

Anders als beim ersten Flug, der Ende März vorigen Jahres nach einer halben Minute wegen der Panne mit einem Ventil beendet war, stieg die Rakete am Samstagabend immer weiter gen Weltraum. Nachdem die Abtrennung der oberen Stufe mit der Nutzlast geklappt hatte, passierte die Spectrum mit der Kármán-Linie in 100 Kilometern Höhe die Grenze zum Weltraum und erreichte nach rund sieben Minuten den Erdorbit. Dies ist die Voraussetzung für Flüge um die Erde. Ob die Satelliten erfolgreich in die Umlaufbahn ausgesetzt wurden, war zunächst unklar. Nach zehn Minuten war die Videoübertragung zum Boden abgerissen, nachdem die Rakete die maximale Reichweite der Verbindung überschritten hatte. In der Nacht bestätigte Isar Aerospace aber, dass auch dies geklappt habe. „Heute hat Isar Aerospace den Weltraum aus Kontinentaleuropa geöffnet“, so Gründer Daniel Metzler in einer Mitteilung. „Launch ist weiterhin der größte Engpass in der globalen Space-Industrie, ab dem heutigen Tag steht privaten und öffentlichen Kunden eine echte Alternative zur Verfügung.“ Nun wolle die Firma die „Produktion hochfahren, Aufträge abarbeiten und der weltweit wachsenden Nachfrage gerecht werden“.

Nach früheren Angaben Metzlers soll schon der nächste Flug rein kommerziell werden. Beim jetzigen Testflug waren fünf Kleinsatelliten und ein wissenschaftliches Experiment von Hochschulen und Firmen an Bord der Rakete, die insgesamt eine Tonne Nutzlast fasst. Die Kunden seien sich des Risikos bewusst, sagte Metzler. Sie hatten den Mitflug bei einem Wettbewerb des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) gewonnen, der Isar Aerospace auf diese Weise gemeinsam mit der europäischen Raumfahrtagentur Esa unterstützte.

Viel Glück hatten die Gründer beim zweiten Testflug ihrer Kleinrakete vorher nicht gehabt. Ende Januar gelang der Start wegen eines defekten Ventils nicht, im März wegen eines Fischerbootes in der Sperrzone und Anfang April wegen eines Lecks in einem Druckbehälter. Mitte Juni musste das Team dann den Start wegen eines undichten Heliumtanks erneut verschieben.

Eine Langzeitbelichtung zeigt den Feuerstrahl der „Spectrum“-Rakete auf ihrem Weg ins All.

Eine Langzeitbelichtung zeigt den Feuerstrahl der „Spectrum“-Rakete auf ihrem Weg ins All.

Isar Aerospace/dpa

Firmenchef Metzler hatte sich im Vorfeld trotzdem optimistisch gegeben: „Wir haben schon beim zweiten Flug das Gefühl, dass wir relativ weit kommen können. Am Ende müssen dafür trotzdem mehr als 100 000 Teile, verschiedene Systeme und Software ineinandergreifen.“ Wenn nicht, dann klappt es eben beim nächsten Mal. Schließlich sei es „deutlich billiger und schneller, dass wir eine Rakete einfach fliegen, aus den Ergebnissen lernen und sie in die nächste Trägerrakete mit einfließen lassen“, sagte Metzler. „Wir müssen einfach neue Dinge ausprobieren, die uns schneller machen können, weniger reden, weniger analysieren, da müssen wir mutig sein.“ Die Frage sei nur: „Brauchen wir zwei, drei, vier, fünf Versuche? Wir werden es herausfinden“, sagte Metzler vor einer Woche im SZ-Interview.

Mit dem jetzigen Erfolg war Isar Aerospace sogar schneller als die Konkurrenz von Space-X, die vor 18 Jahren bei der Falcon 1 vier Flüge gebraucht hatte, um den Orbit zu erreichen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gratulierte dem Unternehmen: „Das ist der Beginn einer neuen Ära“, sagte er. „Deutschland kann Raumfahrt“, teilte Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) mit. Dass erstmals eine deutsche Trägerrakete den Erdorbit erreicht habe, sei ein Meilenstein, der die Innovationsfähigkeit und das technische Wissen Deutschlands unter Beweis stelle. „Er zeigt, dass deutsche Ingenieurskunst nicht nur national, sondern auch international – hier in enger Zusammenarbeit mit unseren norwegischen Partnern – neue Wege im Weltraum eröffnet.“ Sie lobte das Zusammenspiel von Forschung und Industriepolitik sowie die grenzüberschreitende Kooperation.

Bei Isar Aerospace sind die Raketen für die Flüge drei bis sieben in der Produktion, bis 2028 sei das Start-up „ausgebucht“, sagte Metzler zuletzt. In diesem Jahr wollte die Firma noch mehrmals starten, 2027 sind sechs bis acht Starts geplant. Isar Aerospace zieht derzeit in eine neue Fabrik östlich von München. Sie ist mit 40 000 Quadratmetern achtmal so groß wie bisher in Ottobrunn. Isar Aerospace will dort Platz für den Bau von 40 Raketen im Jahr schaffen. Die Firma ist gut finanziert und das erste deutsche Raumfahrt-Einhorn, wird also mit mehr als einer Milliarde Euro bewertet. Das Start-up hat gerade weitere 270 Millionen Euro eingesammelt. Damit soll die Serienproduktion der Spectrum ausgebaut werden. Zu den neuen Investoren gehören Island Green Capital (USA) und Molten Ventures (Großbritannien). Zusätzlich zu dem Startplatz in Norwegen ist der Aufbau einer weiteren Startmöglichkeit ‌in der ostkanadischen Provinz Nova Scotia geplant. Jüngst hat Isar Aerospace zudem rund 200 Millionen Euro von der Esa für Raketenentwicklung und Startaufträge bekommen.

Mehr als 60 Prozent der Anfragen kommen aus dem Defense-Bereich

Metzler zufolge kommen mittlerweile mehr als 60 Prozent von Anfragen potenzieller Kunden aus dem Defense-Bereich. Dies ist auch eine Folge der unsicheren Weltlage und der Ankündigung von Verteidigungsminister Boris Pistorius, bis Ende des Jahrzehnts 35 Milliarden Euro für Weltraumsicherheit zu investieren. Erklärtes Ziel ist es, Deutschland und Europa in der Raumfahrt unabhängiger zu machen. Der jetzige Start sei „ein deutliches Zeichen für den aufstrebenden kommerziellen Raumtransport in Europa“, sagte Esa-Generaldirektor Josef Aschbacher im Vorfeld. Isar Aerospace trage dazu bei, „ein widerstandsfähiges und autonomes Europa im Weltraum“ voranzubringen.

Bisher flogen nur die Esa-Raketen Ariane und Vega. Sie können allerdings größere Satelliten mitnehmen und haben eine Nutzlastkapazität von bis zu 20 respektive drei Tonnen, Spectrum eine Tonne. Metzler weist auch darauf hin, dass es mit Andøya nun den ersten kontinentalen Startplatz gebe. Dies sei auch strategisch wichtig, weil die Raketen von dort aus sogenannte Polarorbits erreichen können – dies sei für die Erdbeobachtung wichtig.

In Europa gibt es mehrere Firmen, die mit solchen Kleinraketen – im Fachjargon Microlauncher – Geld verdienen wollen. Das britische Start-up Orbex musste allerdings erst kürzlich Insolvenz beantragen. In Deutschland will auch die OHB-Tochter Rocket Factory Augsburg ihren Microlauncher RFA One in einigen Monaten erstmals starten. Von Saxavord auf den Shetlandinseln aus. Der dritte deutsche Raketenbauer Hyimpulse hatte bereits im Mai 2024 mit seiner kleineren Höhenforschungsrakete SR75 von Australien aus etwa 50 bis 60 Kilometer Höhe erreicht. Ein weiterer Start der SR75 ist für das zweite Halbjahr geplant, diesmal auch von Saxavord aus. Der eigentliche Microlauncher SL1 soll voraussichtlich im kommenden Jahr erstmals abheben.