Stand: 11.08.2026, 06:00 Uhr
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In Hessen gilt ab dem neuen Schuljahr der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Erstklässler bis 17 Uhr. Zwei Fachkräfte müssen sich dabei um bis zu 28 Kinder pro Gruppe kümmern – früher waren es höchstens 20.
Frankfurt – Mit dem Beginn des neuen Schuljahrs startet in Hessen auch der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in den ersten Klassen. Jede Familie hat damit ein Recht darauf, dass das Kind in der ersten Klasse bis 17 Uhr betreut wird. Dafür sieht sich die Stadt gut aufgestellt. Schon zum Start des vergangenen Schuljahrs sei das Ziel erreicht worden, genügend Betreuungsplätze zu schaffen.
„Die stadtweite Versorgungsquote an Betreuungsplätzen in der Schule und im Hort beträgt zum Schuljahr 2025/26 rund 105 Prozent“, teilt das Bildungsdezernat mit. Dabei erfülle eine Versorgungsquote von 94 Prozent den gesetzlichen Anspruch. Für 81 Prozent der Kinder werde das Ganztagsangebot in Anspruch genommen. Ein Drittel der Plätze werde durch Horteinrichtungen bereitgestellt. Zwei Drittel durch den Pakt für den Ganztag und die Erweiterte Schulische Betreuung (ESB). Dennoch haben viele Pädagogen Sorgen. Sie fürchten, die Horte und ESB könnten zu Verwahranstalten werden. Orte, an denen Kinder nicht altersgerecht gefördert werden, sondern mehr als zehn Stunden in lauten Räumen ausharren müssen. Orte, wo es kaum Rückzugsräume gibt und an denen sie sich womöglich wegen negativer Schulerfahrungen ohnehin elend fühlen.
Qualität nicht sichergestellt
Sorgen um die Qualität der Betreuung macht sich etwa Konrad Zaniewski, Leiter der ESB der Pestalozzischule im Riederwald. Schon vor dem Start des Rechtsanspruchs sei die Lage im Stadtteil angespannt gewesen. Um die zwei Gruppen mit je 28 Kindern und die eine mit 27 Jungen und Mädchen konnten sich nur jeweils zwei Fachkräfte kümmern. Früher seien es pro Gruppe höchstens 20 Schüler gewesen. Dabei sei die Arbeit mit den Kindern seit der Corona-Pandemie „herausfordernder“ geworden. Auch die Zahl der Krankheitsfälle habe zugenommen – „in der vergangenen Woche sind mir zum Beispiel gleich vier von sechs Fachkräften ausgefallen“. Er befürchtet deshalb, dass die Qualität der Betreuung und der Kinderschutz beim Ganztag auf der Strecke bleiben könnten.
Der Riederwald mag wegen seines extremen Hortplatzmangels ein Sonderfall sein. Nur für rund jeden zweiten Grundschüler gibt es einen Hortplatz. Die Versorgungsquote liegt im Stadtteil laut Bildungsdezernat bei 54 Prozent. Zwar werde die Kita Riederfüchse umstrukturiert und der Ausbau des Kinder- und Familienzentrums Raiffeisenstraße „startet aktuell in die Umsetzungsphase“. Dadurch steige die Versorgungsquote aber nur auf 74 Prozent und in drei Jahren gelte der Rechtsanspruch für alle Grundschüler. Die strukturellen Probleme im Riederwald finden sich aber überall in der Stadt.
Schulen sind oft in alten, denkmalgeschützten Gebäuden untergebracht, denen es an Differenzierungs- und Rückzugsräumen fehlt. Erweiterungen sind wegen des Denkmalschutzes und fehlender Flächen schwierig. Und Erzieher sucht jeder Träger händeringend. Eine Erweiterung des ESB im Riederwald könnte der Träger, Kids Frankfurt, personell gar nicht stemmen, sagt Leiter Zaniewski. In Sachen Personalgewinnung hätte die Stadt mehr machen müssen.
Der Hort als Aufbewahrungsanstalt sei kein drohendes Szenario, beruhigt die Stadt. „Ein guter Ganztag ist mehr als Betreuung. Er verbindet Bildung, Förderung und Freizeit sinnvoll miteinander“, schreibt das Dezernat. Dafür werde mit der offenen Kinder- und Jugendhilfe kooperiert und jede Schule erhalte eine halbe Stelle, um in ihrem Stadtteil die Zusammenarbeit etwa mit Vereinen zu koordinieren.
Dass sich die Stadt nicht ausreichend um Fachpersonal gekümmert habe, weist das Dezernat zurück. 134 Erzieher habe der städtische Kita-Träger „Kita Frankfurt“ seit 2021 ausgebildet. Erzieher erhielten eine Arbeitsmarktzulage von 200 Euro brutto pro Monat und Auszubildende zudem mit dem Kulturpass günstigen Eintritt etwa in die Oper oder ins Theater. Auch die Werbetrommel für den Beruf habe das Stadtschulamt ordentlich gerührt, mit einer Kampagne oder mit dem Berufsbildungstag für zukünftige Erzieher.