Darum gehts
- In der Nacht auf Mittwoch konnte die Ukraine keine einzige der 28 russischen Raketen abfangen – eine Lücke in der Luftabwehr mit möglicherweise tödlichen Folgen.
- ETH-Militärexperte Roland Popp sieht darin aber keinen Wendepunkt im Krieg.
- Er erklärt, wieso den USA die Waffen ausgehen, Russland aber nicht.
- Popp gibt seine Prognose für die kommenden drei bis sechs Monate ab.
Russland verstärkt seine Raketenangriffe, während der Ukraine, auch vor dem Hintergrund des Krieges gegen den Iran, die Abfangraketen fehlen und ihre Energieversorgung schwer beschädigt ist.
Kann Kiew diese gefährliche Lücke schliessen – oder wird Moskau im Winter einen Waffenstillstand zu seinen Bedingungen erzwingen? Zwölf Fragen an Roland Popp von der Militärakademie an der ETH Zürich.
Der Krieg gegen den Iran belastet die amerikanischen Raketenbestände. Sehen Sie deswegen in der Ukraine einen militärischen Wendepunkt, Herr Popp?
Nein. Im Frühling erklärten viele sogenannte Militärexperten, der Krieg habe sich zugunsten der Ukraine gewendet und der russische Vormarsch sei gestoppt. Mir war unklar, worauf diese Behauptungen beruhten. Ich habe damals keinen Wendepunkt gesehen und ich sehe auch jetzt keinen. Derzeit gibt es auch keinen Wendepunkt zugunsten Russlands. Der Krieg folgt vielmehr seit Jahren derselben Richtung: Es ist ein langsamer, systematischer Abnutzungskrieg mit dem Ziel Russlands, die Ukraine verteidigungsunfähig zu machen.
Wieso «verteidigungsunfähig» – in Russland spricht man offen davon, die Ukraine als souveränen Staat zu zerstören?
Es gibt in Russland tatsächlich solche Stimmen; auch dort führt der Krieg zu einer Radikalisierung. Aber die offiziellen Kriegsziele sind begrenzter, wenngleich dies aus ukrainischer Sicht sicherlich anders beurteilt wird.
Putin wird innenpolitisch tatsächlich wegen eben dieser Zurückhaltung kritisiert. Er selbst ist sich offenkundig bewusst, dass er auch im Falle einer strategischen Niederlage der Ukraine nur begrenzte Ziele umsetzen kann, um nicht die Gefahr eines weiteren Krieges heraufzubeschwören.
«Westlichen Beobachtern zufolge wird der nächste Winter womöglich kaum zu bewältigen sein.»
Kann die Ukraine durchhalten – oder eröffnet diese Lücke Russland die Möglichkeit, Kiew noch vor dem Winter zu Zugeständnissen zu zwingen?
Schwer zu sagen. Beide Seiten haben die Wirkung ihrer Angriffe in der Tiefe wohl überschätzt. Schläge gegen die Energieversorgung und zunehmend auch gegen zivile Ziele sollen den Kampfeswillen brechen. Ich habe das Gefühl, dass sie teils eher das Gegenteil bewirken.
Der vergangene Winter war aber laut ukrainischen Quellen jedoch extrem schwierig. Westliche Beobachter erwarten, dass der nächste noch schwieriger und womöglich kaum zu bewältigen sein wird. Damit wächst der Druck, einer Beendigung des Krieges vielleicht auch zu russischen Bedingungen zuzustimmen.
Ist die Zurückhaltung bei Patriot-Lieferungen politisch bedingt, oder muss Washington wirklich zwischen der Ukraine, dem Nahen Osten und Taiwan abwägen?
Wenn die kolportierten Zahlen über die sinkenden US-Bestände stimmen, ist es eine Frage amerikanischer Interessen. Die eigenen Streitkräfte und Basen im Nahen Osten sowie Israel und Jordanien zu schützen, ist aus US-Sicht wichtiger als die Verteidigung der Ukraine. Die Ukraine steht auf der Bedarfsliste weiter unten.
Wie kann es sein, dass den USA Waffen ausgehen, Russland nach mehr als vier Jahren Krieg aber nicht?
Das liegt an der unterschiedlichen Rüstungspolitik. Russland ist Erbe der rüstungspolitischen Tradition der Sowjetunion, die immer auf Quantität und Masse setzte. Die USA setzen stattdessen traditionell auf extrem komplexe, aber auch teure und somit nur begrenzt verfügbare Systeme. Das rächt sich in langen Kriegen.
Aber auch Russland kommt nach über vier Jahren Krieg an seine Grenzen. Westliche Experten haben seine Kapazitäten zu Kriegsbeginn jedoch völlig falsch eingeschätzt. Das war die Grundlage für die vielen politischen Fehlentscheide vor und nach Ausbruch des Krieges.
Wann gehen denn Russland die Raketen aus?
Die verfügbaren Informationen deuten darauf hin, dass Russland den Beschuss in der jetzigen Stärke im Grunde unbegrenzt fortsetzen kann. Es produziert genügend Systeme. Seine Alliierten spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Russland hat stets auf eine möglichst autonome Rüstungsindustrie gesetzt.
«Wären die FPV-Drohnen so zentral, wie manche behaupten, müsste die Front eigentlich stillstehen.»
Sie sagen immer wieder, der Krieg werde am Boden entschieden. Gilt das auch im neuartigen Drohnenkrieg?
Man muss zwischen Drohnen an der Front und solchen für Schläge im Hinterland unterscheiden. Die Abwehr ist kompliziert und aufwendig. Aufgrund der begrenzten Grösse der Sprengköpfe bleibt der Schaden häufig relativ gering; die spektakulären Videos im Netz zeigen wohl eher die Ausnahmen. Ballistische Raketen dagegen sind effizienter und schlagkräftiger.
Wären die FPV-Drohnen so zentral für den Charakter dieses Krieges, wie manche behaupten, müsste die Front eigentlich stillstehen. Das ist aber nicht der Fall. Diese Art von Drohnen verlangsamt den russischen Vormarsch, stoppt ihn aber nicht.
Aber die ukrainischen Schläge auf Raffinerien, Logistik und Unternehmen sind doch Erfolge.
Ja, das sind vor allem psychologische Erfolge. Brächten sie die russische Offensivkraft zum Zusammenbruch, wären sie kriegsentscheidend. Derzeit wirken sie vor allem auf die Haltung der Bevölkerung. Das ist nicht unwichtig, aber kriegsentscheidend sind sie nicht. Der Bodenkrieg ist entscheidend. Dort sehen wir weiterhin grosse ukrainische Probleme und eine starke Abnutzung der verbliebenen Verbände. Die Ukraine kann noch durchhalten. Das Kriegsglück am Boden begünstigt aber Russland seit der gescheiterten ukrainischen Kursk-Offensive vor fast genau zwei Jahren.
Droht nach der Parlamentswahl in Russland eine weitere Mobilisierungswelle?
Wir wissen sehr wenig über die Mobilisierung und die Verluste. Russland führt den Krieg weiterhin mit Freiwilligen. Dass es auch nach vier Jahren keine breite Zwangsmobilisierung braucht, ist ein Zeichen der Stärke. Die Qualität der Soldaten ist allerdings geringer als zu Beginn.
Die Kriegsmüdigkeit wächst auf beiden Seiten, ist aber wohl in der Ukraine grösser. Dort sehen wir Videos von Zwangsrekrutierungen und von Protesten gegen die ungleich verteilte Kriegslast. Zudem ist Russlands Bevölkerung mehr als viermal grösser.
«Werden die Forderungen nicht erfüllt, war es für Moskau ein erfolgloser Krieg.»
Was steht einem Waffenstillstand derzeit im Weg?
Russland hat kein Interesse an einem Kompromiss, der seine weitreichenden politischen Forderungen nicht erfüllt. Wenn diese am Ende nicht erfüllt werden, war es für Moskau im Grunde ein erfolgloser Krieg. Die Forderungen laufen auf ein Eingeständnis der militärischen Niederlage und einen ukrainischen Rückzug aus den russisch beanspruchten Gebieten hinaus – also auf eine De-facto-Kapitulation. Die Ukraine wird dem erst zustimmen, wenn ihre Lage aussichtslos ist. Das ist sie noch lange nicht.
Woran wäre eine aussichtslose Lage zu erkennen?
Wenn sich Fronteinheiten an mehreren Stellen auflösen, die Disziplin zusammenbricht und Soldaten einfach nach Hause gehen. Das russische Ziel ist, auf ukrainischer Seite einen solchen Effekt zu erreichen.
Was ist in den kommenden drei bis sechs Monaten das wahrscheinlichste Szenario?
Die Fortsetzung dessen, was wir sehen: ein langsames, systematisches, durch Infiltrationen vorbereitetes Vorrücken der Russen. Der Druck auf Slawjansk und Kramatorsk wird zunehmen. Dort liegt der zentrale Kriegsschauplatz. Auch auf Orichiw wächst der Druck.
Die Ukraine wird den Fall von Slawjansk und Kramatorsk mit aller Macht verhindern wollen. Russland dagegen wird alles daran setzen, diese beiden Städte mit ihrer grossen symbolischen Bedeutung einzunehmen und damit die Eroberung des Donbass abzuschliessen.

Ann Guenter (gux), arbeitet seit 2012 als Auslandsredaktorin für 20 Minuten. Seit August 2015 ist sie zudem Chefreporterin International.