CO2-Speicherung: „Scheinlösung“ vs. „Zukunftstechnologie“

CO2-Speicherung

Im Zuge des kürzlich beschlossenen Klimagesetzes und des damit einhergehenden Ziels, bis 2040 klimaneutral werden zu wollen, setzt die Regierung auch auf die Abschaffung des CO2-Speicherungsverbotes. Zukünftig sollen also Emissionen aus der Industrie unterirdisch gespeichert werden dürfen. Was Befürworterinnen und Befürworter als „Zukunftstechnologie“ loben, ist für die Kritiker nichts anderes als eine „Scheinlösung“ – noch dazu mit hohen finanziellen und ökologischen Kosten.

Online seit heute, 19.25 Uhr

In Österreich ist die CO2-Speicherung seit 2011 verboten. Grund waren bisher immer Bedenken wegen möglicher Umweltschäden, sollte das im Untergrund gespeicherte CO2 plötzlich entweichen. Nun argumentiert die Regierung aber, dass die Technologie zur Erreichung der Klimaziele notwendig sei.

Dabei gehe es vor allem um Emissionen aus der Zement-, Kalk- und Stahlindustrie – Bereiche, die für einen großen Teil der weltweiten Emissionen verantwortlich sind, aber aufgrund systemimmanenter Bedingungen nur schwer fossile Brennstoffe durch Erneuerbare ersetzen können. Bei der Zementproduktion etwa ist die Entstehung von CO2 unvermeidbar.

Hattmannsdorfer: „Zentrale Klimaschutzmaßnahme“

Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) bezeichnete die CO2-Speicherung in einer schriftlichen Stellungnahme am Dienstag daher unter anderem als „zentrale Klimaschutzmaßnahme“ und „echte Perspektive“. Das Gesetz befinde sich derzeit koalitionsintern in Abstimmung und soll bald in den Ministerrat kommen.

Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP)
Um die Klimaziele zu erreichen, sieht Hattmannsdorfer in der CO2-Speicherung eine „echte Perspektive“

Lob aus Industrie

Die Zementindustrie begrüßte den Schritt als längst überfällig – auch wenn eine breite industrielle Nutzung der Speicherung erst ab 2040 realistisch sei. Für den Bau notwendiger Pipelines forderte die Industrie eine Aufteilung der Kosten mit dem Staat. Schließlich sei die Technologie für die Betriebe sehr teuer, wie Sebastian Spaun, Geschäftsführer der Vereinigung der österreichischen Zementindustrie, am Mittwoch im Ö1-Morgenjournal sagte.

Umwelt-NGOs warnen vor Risiken

Der WWF forderte indes am Mittwoch in einer Aussendung, dass Unternehmen für die Infrastruktur sowie alle langfristigen Folgekosten selbst aufkommen müssten. Auch dürfe die Technologie ausschließlich für nicht vermeidbare Restemissionen eingesetzt werden. Wirksamer Klimaschutz sollte nicht von einer Technologie abhängig gemacht werden, deren Kapazitäten begrenzt und deren Einsatz energie- und kostenintensiv ist, so die Argumentation.

Auch Greenpeace warnte bei der CO2-Speicherung vor einer „teuren Scheinlösung“, handle es sich dabei doch um einen „milliardenschweren Irrweg bei der Dekarbonisierung der Industrie“, wie es in der Aussendung von Mittwoch hieß. Vielmehr müsste die Regierung in Maßnahmen investieren, die klimaschädliche Emissionen dauerhaft reduzieren würden, etwa in den Ausbau erneuerbarer Energien. Greenpeace kritisierte zudem die offenen Fragen bei langfristiger Lagerung und Haftung.

Aufnahme einer CCS-Anlage im norwegischen Bergen im Dezember 2024
Die CO2-Speicherung wie hier in Norwegen dürfe nicht als Ersatz für ambitionierte Maßnahmen zur Emissionsreduktion gesehen werden, meint der Klimaforscher Huppmann

Klimaforscher: Darf kein Ersatz für Klimamaßnahmen sein

Auch Daniel Huppmann, Klimaforscher am Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) und Obmann des Climate Change Center Austria (CCCA), plädiert gegenüber ORF.at dafür, die CO2-Technologie wirklich nur für jene Bereiche in Betracht zu ziehen, für die es keine klimaneutralen Alternativen gibt.

Nicht zuletzt aufgrund der hohen Kosten: „Es ist wissenschaftlich gut belegt, dass die Abscheidung und der Transport von CO2 wesentlich teurer sind als andere Maßnahmen zur Reduktion der Treibhausgasemissionen.“

CO2-Speicherung dürfe also „nicht als Ersatz für ambitionierte Maßnahmen zur Emissionsreduktion gesehen werden“, sondern nur als letzte Option. Zuallererst gelte es, Emissionen zu vermeiden. Die Aufhebung des CO2-Speicherverbots sei prinzipiell aber sinnvoll, „um dadurch Pilotprojekte in Österreich zu ermöglichen und die Technologiekosten, den Investitionsbedarf und die Speicherpotentiale besser abschätzen zu können“, so der Forscher.

Eine Grafik zeigt das Prinzip der CO2-Speicherung mit Carbon Capture and Storage. Kohlendioxid aus Industrieanlagen wird abgeschieden und in unterirdische Lagerstätten gepumpt. Das CO2 wird in ehemalige Öl- und Gaslagerstätten oder in salzhaltige Gesteinsschichten gespeichert.

Weltklimarat sieht Potenzial, aber auch Hürden

Es gibt mehrere Arten der CO2-Speicherung, meist ist damit aber Carbon Capture and Storage (CCS) gemeint, was so viel bedeutet wie CO2 abtrennen („Capture“) und speichern („Storage“). Dabei wird Kohlenstoffdioxid direkt bei der Entstehung in Kraftwerks- und Industrieanlagen gebunden, zu einer Speicherstätte transportiert und dort zur dauerhaften Speicherung in eine geeignete geologische Struktur injiziert. Somit gelangt es nicht in die Atmosphäre und heizt das Klima nicht weiter auf.

Der Weltklimarat (IPCC) sieht zwar Potenzial in CO2-Speichertechnologien, verweist zugleich aber auf „technologische, wirtschaftliche, institutionelle, ökologische und soziokulturelle Hürden“. Und weiter: „Die Auswirkungen, Risiken und Nutzen der CO2-Speicherung für Ökosysteme, Biodiversität und Menschen werden je nach Methode, standortspezifischem Kontext, Umsetzung und Umfang stark variieren.“