Chefarzt erklärt: Wie kommt man sicher durch die Wiesn?

Herr Dr. Kampmann, Sie sind der Chefarzt der Aicher Ambulanz und somit auch der Ärztliche Leiter der Sanitätsstation auf der Wiesn. Wenn nicht gerade Oktoberfest ist, leiten Sie als Allgemeinmediziner zusammen mit zwei Kollegen drei Hausarztpraxen im Münchner Westen.  Die Ambulanz auf der Wiesn ist rund um die Uhr geöffnet und verfügt über zwei Operationsräume.  Rund 30 Ärzte und 400 Sanitäter kümmern sich dieses Jahr wieder um Patienten. Womit haben Sie es am häufigsten zu tun?

In erster Linie natürlich mit Alkoholvergiftungen, was sich in Kreislaufkollaps und Erbrechen äußert. Dazu sehen wir auch üble Schnittverletzungen, meist durch Scherben von Maßkrügen oder Gläsern. Deshalb rate ich auch dringend zu festem Schuhwerk auf der Wiesn! Und es kann hitzebedingt zu Kreislaufbeschwerden kommen. Da sollte man aufpassen, vor allem in Verbindung mit Alkohol. Aber es kommt hier auch nicht immer nur auf die Menge an: Amerikaner vertragen oft das Oktoberfest-Bier nicht, sie sind nur ihr dünnes amerikanisches Bier gewöhnt.

In der Ambulanz wurden vergangenes Jahr rund 7000 Menschen versorgt, Ihre Chirurgen haben mehr als 300 Meter Faden vernäht.  Seit einiger Zeit gibt es sogar einen Computertomographen. Wann kommt das CT zum Einsatz?

Wenn wir den Verdacht auf eine Hirnschädigung haben, nach einem Sturz oder Schlag mit dem Maßkrug zum Beispiel. Das kann sehr gefährlich werden, dann wird der Patient sofort in die Klinik gebracht. Wir sind vermutlich das einzige Volksfest der Welt mit CT. Unser oberstes Ziel ist aber immer, dass wir die Leute so stabilisieren, dass sie auf ihren zwei Beinen wieder nach Hause gehen können. Wir unterhalten die Ambulanz jetzt im siebten Jahr. Letztes Jahr lag unsere Abtransport-Quote bei unter zwei Prozent, also nur sehr wenige Patienten mussten ins Krankenhaus. Das ist ja auch Aufgabe unserer Ambulanz: Die Notaufnahmen und Rettungsdienste der Stadt sollen entlastet werden.

Wer finanziert die Ambulanz?

Der Veranstalter, also die Stadt, legt die Kosten um. Die Wiesn-Wirte und die Betreiber der Stände müssen je Quadratmeterpreis ihren Anteil zahlen.

Muss der Patient für die Behandlung zahlen?

Ein gesetzlich versicherter Patient aus Deutschland oder der Europäischen Union wird kostenfrei behandelt. Touristen aus anderen Ländern oder Privatversicherte erhalten eine Rechnung.

Gibt es da manchmal Ärger?

Nein, kaum. Die Amerikaner lachen sich halbtot, wenn sie die Rechnung sehen. Sie haben immer große Angst, dass es wahnsinnig teuer wird, und freuen sich, wie günstig es hier in Deutschland ist. Ein CT kostet in Amerika ungefähr eine vierstellige Summe, bei uns sind es 150 bis 200 Euro.

Angesichts vieler Vergewaltigungsfälle, bei denen K.-o.-Tropfen zum Einsatz kamen, besteht auch auf der Wiesn die Angst, dass einem jemand etwas ins Glas mischt. Im vergangenen Jahr gab es laut der „Initiative Sichere Wiesn für Mädchen* und Frauen*“ acht Verdachtsfälle. 2024 lag die Zahl bei zwölf. Allerdings wird die Dunkelziffer weit höher eingeschätzt. Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass man Opfer wird?

Für nicht besonders hoch – zumindest, wenn man die Zahl der acht Verdachtsfälle in Relation zu den Wiesn-Gästen stellt: An bestimmten Tagen besuchen bis zu 450.000 Menschen das Oktoberfest. Angesichts der Menge verfügbaren Alkohols ist eine Alkoholvergiftung durch Bier sehr viel wahrscheinlicher. Wir hatten 2025 am ersten Wiesn-Tag 911 Patienten bei uns auf der Sanitätsstation. Ein Drittel davon aufgrund von Intoxikationen, die meisten durch Alkohol. Der Rest hatte aktiv Drogen konsumiert, Cannabis, Koks oder chemische Rauschgifte.

Was trägt zu der Furcht vor K.-o.-Tropfen bei?

Es ist eine Körperverletzung, die sehr schwerwiegend sein kann. Je nach Dosis können Substanzen wie Gammahydroxybuttersäure, auch als Liquid Ecstasy bekannt, stark sedieren und sogar zu Atemstillstand und zum Tod führen. Und ein Täter kann den betäubten Zustand des Opfers ausnutzen. Dazu kommt der Aspekt der Arglosigkeit: Man merkt es dem manipulierten Getränk nicht an. Die Substanzen kann man nicht schmecken oder sehen. Und sie können schnell und unkompliziert in ein Glas geschüttet werden.

Kommen viele Gäste auf die Sanitätsstation und sagen: „Ich glaube, mir hat jemand K.-o.-Tropfen ins Getränk gemischt?“

Oh ja! Viele kommen und sagen: „Mein Gott, ich hab den Alkohol nur angeschaut, und ich fühl mich trotzdem komisch. Da muss mir einer was reingetan haben!“ Wie es der bayerische Sänger Fredl Fesl besungen hat: „Mir ham’s ins Bier an Rausch nei do“.

Leitet die Wiesn-Ambulanz: Dr. Philip Kampmann, hier 2022 mit dem Münchner Kindl
Leitet die Wiesn-Ambulanz: Dr. Philip Kampmann, hier 2022 mit dem Münchner Kindlprivat

Im Rheinland heißt es: Das letzte Bier war schlecht.

Genau, deshalb sollte man das letzte Bier auch immer stehen lassen.

Wie kann man denn unterscheiden zwischen extremer Alkoholisierung und einer Vergiftung durch K.-o.-Tropfen?

Das ist ja das große Problem bei diesen Substanzen, weil man sie nur im Blut sicher nachweisen kann. Und das auch nicht besonders lange, weil die Substanzen relativ schnell abgebaut werden. Aber beim Alkohol riecht man natürlich einen übermäßigen Konsum, da die Person dann eine Fahne hat. Und man hat die Möglichkeit, einen Atemalkoholwert zu messen – falls derjenige noch in der Lage ist, zu pusten. Letztes Jahr war unser gepusteter Rekordwert 3,8 Promille. Das ist schon knackig.

Und der lebte noch?

Ja, unglaublich. Mit 3,8 Promille könnten wir beide nicht mal mehr stehen, wir wären tief bewusstlos. Das ist hochgradig gefährlich.

Wie viel Alkohol muss man dafür getrunken haben?

Das hängt davon ab, wie schwer man ist. Aber für diesen Wert muss man wahnsinnig viel Bier plus Schnaps plus alles getrunken haben. Wir haben immer wieder Leute auf der Sanitätsstation, die haben zwölf Maß intus. Das muss man erst mal hinkriegen. Wenn ich als Hausarzt meinen Patienten im Sommer rate, mehr zu trinken, klagen sie: „Oh, ich schaffe das nicht, so viel zu trinken.“ Aber auf der Wiesn schafft man zwölf Liter Bier.

In der Stadtverwaltung hat man sich vor dem Oktoberfest auch mit dem Thema Schnelltests auf K.-o.-Tropfen in der Aicher Ambulanz beschäftigt. Wie sinnvoll wäre das?

Es fallen so viele Substanzen unter den Oberbegriff K.-o.-Tropfen, es gibt kaum einen Schnelltest, der alle abdeckt. Viele Tests liefern zudem falsch-positive Ergebnisse. Wenn man ein aussagekräftiges und rechtssicheres Ergebnis haben will, muss man eine Blutprobe nehmen und sie aufwendig in einem Labor für Toxikologie untersuchen. Dafür sind wir nicht ausgerüstet. Und es dauert ein paar Tage. Da ist der Patient im schlimmsten Fall schon tot, wenn ich erst das Ergebnis abwarte. Das Testergebnis ist zudem in erster Linie für die Strafverfolgung entscheidend, nicht für die Behandlung. Uns geht es immer darum, dem Patienten, so schnell es geht, zu helfen. Aber wir wollen dieses Jahr ein sogenanntes Tox-Panel ausprobieren: Das ist ein Gerät, mit dem man eine Blutprobe auf bestimmte Substanzen testen kann, wenn auch nicht auf alle.

Kann man das bei jedem Verdacht einsetzen?

Grundsätzlich ja. Allerdings müssen wir die Tests und das Gerät erst in Aktion erleben und damit Erfahrung sammeln. Wir erhoffen uns vor allem einen diagnostischen Vorteil bei Patienten, die in unserer Überwachungseinheit liegen und aus unerfindlichen Gründen tief bewusstlos sind. Wenn also Alkohol schon mal ausscheidet, könnte man in begründeten Fällen diesen Test machen. Aber das Ergebnis würde sich nicht eignen für die Beweisführung beim Verdacht auf eine Straftat, dazu braucht man ein toxikologisches Labor.

Abgesehen von der fehlenden Alkoholfahne – wie erhärtet sich ein Verdacht auf K.-o.-Tropfen?

Wichtig ist die Anamnese und das, was eventuell Begleiter erzählen. Wenn zum Beispiel eine junge Frau von ihren Freundinnen zur Ambulanz gebracht wird, und alle haben mehr oder weniger das Gleiche gegessen und getrunken, doch das eine Mädchen ist bewusstseinsgetrübt und kann kaum noch stehen. Dann könnte eine Vergiftung mit entsprechenden Substanzen vorliegen. Dasselbe gilt natürlich für Männer.

Können Sie einen konkreten Fall schildern?

Ich erinnere mich an eine Mutter mit zwei Töchtern im Teenager-Alter. Alle drei hatten gemeinsam aus einer Radlermaß getrunken. Alle hatten Ausfallerscheinungen, der Kreislauf war zusammengebrochen, alle mussten überwacht werden. Das war durch Alkoholkonsum nicht zu erklären.

Das Bier im Blick behalten: Ob jemand K.-o.-Tropfen ins Glas geschüttet hat, sieht man dem Getränk nicht an. Schmecken kann man es auch nicht. Selbsttests können manche Substanzen erkennen, doch das Ergebnis gilt immer nur für den Test-Zeitpunkt. Man müsste also mehrmals nachtesten, ob jemand etwas in die Maß geschüttet hat.
Das Bier im Blick behalten: Ob jemand K.-o.-Tropfen ins Glas geschüttet hat, sieht man dem Getränk nicht an. Schmecken kann man es auch nicht. Selbsttests können manche Substanzen erkennen, doch das Ergebnis gilt immer nur für den Test-Zeitpunkt. Man müsste also mehrmals nachtesten, ob jemand etwas in die Maß geschüttet hat.dpa

Wie gehen Sie dann vor?

Für uns steht die Behandlung im Vordergrund. Die Person erhält dann eine Infusion, die Vitalwerte werden kontinuierlich überwacht, wir sichern die Atemwege, damit der Patient nicht an Erbrochenem ersticken kann. Wenn eine Intoxikation durch K.-o.-Tropfen naheliegt, empfehlen wir der Person, bei der Polizei Anzeige gegen unbekannt zu erstatten, die Wiesn-Wache ist ja direkt nebenan. Oder wir informieren die Polizei, wenn der Patient dazu nicht in der Lage ist. Dann kann eine Blutentnahme veranlasst werden. Denn der Zeitfaktor ist bei K.-o.-Tropfen entscheidend. Am besten sollte der Test so früh wie möglich nach dem Konsum des Getränks erfolgen.

Könnte man auch ein Gegengift verabreichen, wenn man einen begründeten Verdacht hat?

Da müsste man erst mal wissen, welche Substanzen es genau waren. Gegen Gammahydroxybuttersäure zum Beispiel gibt es kein Gegengift. Gegen manche Opiate oder Medikamente wie die Beruhigungsmittel Benzodiazepine – in der Drogenszene als Benzos bekannt – gibt es Medikamente, die man spritzen kann, da wird die Wirkung dann aufgehoben. Wird jemand bei uns in der Überwachung gar nicht mehr wach und hat entsprechend veränderte Pupillen, kann man dem mal eine Ampulle spritzen. Wacht er nach fünf Minuten auf, weiß ich, er hat vermutlich ein Opiat konsumiert.

Was sollte eine Frau tun, wenn der Verdacht besteht, sie sei im betäubten oder alkoholisierten Zustand vergewaltigt worden?

Es gibt in München sechs Kliniken, die Frauen in diesen Fällen medizinisch versorgen und zudem anbieten, rechtsrelevante Spuren vertraulich zu sichern. Zudem kann man dort auf verabreichte Substanzen getestet werden.

Im Internet werden viele Schnelltests für Partygänger angeboten: Teststreifen, die man ins Getränk hält und die sich angeblich nach ein paar Sekunden bei bestimmten Substanzen verfärben. Was halten Sie davon?

Das ist grundsätzlich nicht schlecht. Doch man müsste ja bei einem Wiesn-Besuch andauernd nachtesten, denn das Ergebnis bezieht sich immer nur auf einen Zeitpunkt. Es ist also eine trügerische Sicherheit. Zudem werden immer nur bestimmte Substanzen getestet. Die Frage ist auch, wie unbeschwert man dann noch feiern kann, wenn man immer wieder die Teststreifen rausholt.

Es gibt auch spezielle Armbänder, die man zu einem Deckel für das Getränk umfunktionieren kann.

Auch das kann eine Lösung sein. Allerdings ist damit nur die Gefahrenquelle am Tisch einigermaßen gebannt. Ich glaube ja, dass es zwei Arten von Tatbegehungen bei K.-o.-Tropfen gibt. Zum einen die Täter, die es auf eine bestimmte Person abgesehen haben, um sie dann zu vergewaltigen oder auszurauben. Zum andern Idioten, die einfach schauen wollen, was diese Substanzen mit einem Zufallsopfer machen. Es könnte also auch jemand einfach etwas in die Gläser schütten, bevor sie am Tisch ankommen. Am besten wäre wirklich ein Test, den man wie einen Strohhalm die ganze Zeit im Glas lässt und der anschlägt, sobald am Getränk manipuliert wird. Ich weiß allerdings nicht, ob es so etwas schon gibt. Aber nochmals: Die größten Gefahren auf der Wiesn sind, statistisch gesehen, nicht die K.-o.-Tropfen.

Was raten Sie Wiesn-Besuchern, um Risiken zu minimieren?

Das, was ich auch meinen Töchtern im Alter von 17 und 20 Jahren sage, bevor sie in den Club oder auf die Wiesn gehen: Keiner wird zurückgelassen! Schaut, wo sind die anderen. Ist einer schon länger weg? Denn das ist die Gefahr: Jemand gerät, ob durch Alkohol oder Drogen, in so einen desolaten Zustand, dass er irgendwo allein zusammenbricht. Bei Bewusstlosigkeit versagen jedoch die Schutzreflexe – der Hustenreflex ist zum Beispiel ausgesetzt. Dann kann man an Erbrochenem ersticken.

Was ist noch wichtig?

Man sollte sein Getränk im Blick haben oder jemanden darum bitten, wenn man den Platz verlässt. Nicht nur wegen der K.-o.-Tropfen. Je mehr Menschen aus deiner Maß trinken, desto höher das infektiologische Risiko, Stichwort Wiesn-Grippe.  Und man sollte ein Auge auf sein Umfeld haben, wer sich so zur Gruppe dazugesellt. Zudem: Eine solide Grundlage schaffen, bevor man Alkohol trinkt. Niemals auf nüchternen Magen! Immer genügend Wasser zwischendurch trinken! Generell sollte man wissen: Wo sind die Notausgänge im Festzelt? Wie erkenne ich das Security-Personal? Denn an das sollte man sich sofort wenden, wenn einem etwas komisch vorkommt. Und man muss sich früh genug Gedanken machen: Wie komme ich überhaupt nach Hause? Am besten in der Gruppe, nicht allein.

Gehen Sie auch als Besucher auf die Wiesn?

Auf jeden Fall, allerdings trinke ich dann kaum noch Alkohol. Ich bin immer ein wenig in Habachtstellung, ob man nicht doch gebraucht wird. Das Oktoberfest ist ein wunderbares, gigantisches Fest. Hunderttausende Menschen, die an einem Tag miteinander feiern. Angesichts der Dinge, die überall auf der Welt passieren, ist das doch die schönere Alternative, wie Menschen miteinander umgehen. Und die Risiken muss man wirklich relativieren: Von 1000 Gästen muss einer zu uns in die Ambulanz. Das bedeutet, dass 999 wahrscheinlich eine gute Zeit hatten. Sie sind vielleicht ein bisschen ärmer geworden, aber auch ein bisschen glücklicher.