In dem Moment, in dem ihm so viele Menschen zuhörten, wandte sich Alexander Zverev an eine, die ihm ziemlich sicher nicht zuhörte. Irina Zvereva, seine Mutter, hält es nicht aus, ihrem Sohn beim Tennisspielen zuzusehen. Die Nerven. Sie geht deshalb seit Jahren meistens mit dem Hund – im Fall der Familie Zverev inzwischen: den Hunden – spazieren, wenn Alexander Junior mal wieder irgendwo irgendein besonders wichtiges Match spielt. So auch am Sonntagabend, als Zverev in New York das Finale der US Open gewann.
Irina Zvereva wird deshalb wahrscheinlich mit Verspätung gehört haben, wie ihr Sohn ihr in seiner Siegeransprache noch auf dem Platz dankte. Wie er sie als die „wichtigste Person in meinem Tennis-Leben und meinem Leben generell“ bezeichnete.
Als er vier Jahre alt war, so erzählte er das, saß Zverev mit seiner Mutter bei Ärzten. Diese eröffneten ihr, dass ihr Sohn an Typ-1-Diabetes erkrankt sei, dass sein Leben und die Möglichkeit, Sport zu treiben, sehr eingeschränkt sein würden. Es brauche eine „sehr, sehr starke Mutter“, sagte Zverev, um aus diesem Zimmer zu treten und zu sagen: „Mein Sohn wird sein können, was immer er sein will. Ein Tennisspieler, wenn er das möchte. Oder etwas völlig anderes. Diese Krankheit wird ihn nicht definieren.“

In den Anfangsjahren seiner Karriere hat Zverev seine Erkrankung versteckt. Insider wussten zwar Bescheid, aber den Schritt an die Öffentlichkeit unternahm er erst vor vier Jahren. Seitdem allerdings hat er die Krankheit und seinen Umgang damit zu seinem Thema gemacht. Er spricht über Diabetes in Interviews und Siegerreden. Er gründete eine Stiftung, die sich für eine bessere Versorgung vor allem von Kindern mit Typ-1-Diabetes einsetzt. Er kämpfte dafür, dass er und andere sich nicht mehr in die Kabine zurückziehen müssen, wenn sie sich während eines Matches Insulin spritzen müssen.
Zverevs Beispiel kann nach der Diagnose helfen
Es gibt gute Gründe, warum man Zverev auch als inzwischen zweimaligem Grand-Slam-Champion einen Vorbildcharakter absprechen kann. Manche halten ihn für arrogant, andere für mindestens launisch, wieder andere für geradezu gefährlich.
Vor einigen Jahren zertrümmerte er im Zorn einen Schläger am Stuhl eines Schiedsrichters. Zwei Frauen warfen ihm in der Vergangenheit häusliche Gewalt vor. Er bestreitet die Vorwürfe vehement. Ein Gerichtsverfahren wurde gegen Zahlung einer Geldauflage eingestellt, eine Untersuchung der Profiorganisation ATP endete, ohne dass Beweise für ein Fehlverhalten gefunden wurden.
Was seine Diabetes-Erkrankung angeht, ist das, was Zverev seit inzwischen vier Jahren tut, allerdings zweifellos vorbildhaft. Bei einer Diagnose, die vielen Eltern und Kindern im ersten Moment den Boden unter den Füßen wegzieht, können seine Handlungen manchen Sturz ein wenig bremsen.