Ein Kakao, an dem man sich die Zungenspitze verbrennt, ist etwa 50 Grad Celsius heiß. Ein Backofen schafft ungefähr 250 Grad. Kein Vergleich zu den Temperaturen, mit denen Michael arbeitet: Das flüssige Glas, das er formt, ist rund 1000 Grad Celsius heiß. Wenn er mit dem Material arbeitet, kommt es auf Millimeter an. »In diesen Momenten bin ich voll konzentriert. Es gibt nur die Flamme, das Glas und mich«, sagt er.
Glasblasen ist eine jahrhundertealte Handwerks- und Kunsttechnik. Bereits in der Antike wurde im östlichen Mittelmeerraum flüssiges Glas mithilfe einer Hohlpfeife geblasen. Im Römischen Reich boomte die Glasproduktion, die Technik verbreitete sich in weiten Teilen Europas. Glas wurde vom Luxusgut immer mehr zum Alltagsgegenstand, es entstanden viele Krüge, Becher und Schalen.
Das Grundprinzip ist bis heute gleich geblieben: Glas wird zunächst zu einer glühenden Masse geschmolzen und anschließend durch Pusten oder Ziehen in Form gebracht – entweder in der traditionellen Glashütte mit Schmelzofen oder in einer Werkstatt am Gasbrenner.
Foto: Maria Irl / DEIN SPIEGEL
Im Bayerischen Wald, wo Michael wohnt, hat das Handwerk eine lange Tradition. Die Region war schon immer reich an Brennholz und Quarzgestein, dem Hauptrohstoff für Glas. Ungefähr ab dem 14. Jahrhundert zogen Glasmacherfamilien von Wald zu Wald und gaben das Wissen an ihre Nachfahren weiter. Michael entstammt einer Glaskunstfamilie. Im vorigen Jahrhundert gründete sein Großvater eine Glasschleiferei. Inzwischen ist daraus das »Glasdorf« entstanden, ein Ausflugsziel im Bayerischen Wald. Hier wird Glaskunst hergestellt und verkauft.
Michaels Glasbläser-Atelier befindet sich in einem großen Verkaufsraum. Hier können Besuchende dem Glasbläser bei der Arbeit zusehen. In der Schublade liegt Werkzeug aufgereiht: Pinzetten, Scheren, sogenannte Zwackeisen.
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Auf der Werkbank steht der Brenner. Schaltet Michael ihn an, schießt eine kleine blaue Gasflamme aus der Öffnung. Mit verschiedenen Drehknöpfen und Ventilen an der Seite lassen sich Brenngas und Sauerstoffzufuhr einstellen. Je nachdem, an welchem Rädchen Michael dreht, verändert sich die Flamme – je blauer, desto heißer. Extreme Temperaturen sind notwendig, damit Michael das Glas bearbeiten kann. Wenn das Material zu kalt wird, bricht es.
Es gibt mehrere Arten von Glas: Kalk-Natron-Glas aus Quarzsand, Soda und Kalk, das oft für Trinkgläser oder -flaschen genutzt wird. Schweres Kristallglas, aus dem früher etwa Kronleuchter gefertigt wurden. Oder Borosilikatglas, robust und widerstandsfähig, das für Laborgeräte verwendet wird, aber auch für feuerfeste Schalen oder Vasen. Mit diesem Glas arbeitet Michael heute. Er nimmt einen Glasstab aus dem Behälter an der Wand, setzt sich an den Brenner und legt los.
Mit dieser speziellen Schutzbrille kann Michael, 26, in die Flamme blicken, ohne seine Augen zu schädigen. Die Gläser filtern das gelbe Licht heraus, das beim Erhitzen von Glas entsteht
Foto: Maria Irl / DEIN SPIEGEL
Auf geringer Stufe erwärmt er den Glasstab vorsichtig. Dann dreht er die Temperatur höher. Bearbeitet wird zunächst nur die Mitte des Stabs, an den beiden Enden bleibt das Material kühl. Hier hält Michael das Glas fest – mit bloßen Händen, ohne Schutzhandschuhe. »So kann ich jede Veränderung im Material spüren«, sagt er.
Glas, das erhitzt wird, verhält sich ein bisschen wie zähflüssiger Honig. Das Material muss ohne Unterbrechung gedreht werden, damit es nicht aus der Form gerät. Michael dreht den Stab unablässig zwischen den Fingern. In der Mitte färbt sich das glühende Material in ein helles Orange. »Ich spüre an der Bewegung des Glases, dass es heiß genug zum Blasen ist«, sagt Michael und zieht beide Enden des Stabs auseinander. In dessen Mitte ist die Glasmasse inzwischen flüssig genug, um sich wie ein Käsefaden in die Länge ziehen zu lassen.
Jetzt geht alles schnell: Michael dreht den Stab zu sich, nimmt das kühle Ende zwischen die Lippen und pustet hinein. Kleine Luftstöße, fast so, als würde er ein Instrument spielen. Was zunächst ein wenig wie eine Kaugummiblase aussieht, schwillt zu einer etwa faustgroßen Kugel an. Michael setzt ab, dreht das Ergebnis wieder unter der Flamme. »Es ist wichtig, nicht zu stark ins Glas zu pusten. Ganz sanft, als würde man eine Kerzenflamme flackern lassen, ohne sie auszublasen«, sagt er.
Michael wiederholt das Ganze, zieht jedoch diesmal die Kugel an einer Seite in die Länge, bis eine Tropfenform entsteht. Bei jedem Handgriff achtet er darauf, auch die umliegenden Stellen zu erhitzen, damit das Glas an keiner Stelle abrupt abkühlt. »Sonst wäre zu viel Spannung im Material. Im schlimmsten Fall könnte es reißen«, erklärt er.
Was ist das Schönste an dem Beruf?
»Mich faszinieren Feuer und das Gefühl, etwas Einzigartiges herzustellen.«
Und was ist das Schlimmste?
»Wenn ein Stück, an dem ich lange gearbeitet habe, im Nachhinein reißt. Je größer und experimenteller das Objekt, desto leichter kann das passieren.«
Wie viele Glasbläserinnen und Glasbläser gibt es in Deutschland?
Vermutlich ungefähr 700.
Wie lange dauert die Ausbildung?
Drei Jahre, entweder in Betrieb und Berufsschule oder an spezialisierten Glasfachschulen. Der theoretische Teil beinhaltet Werkstoffkunde, es geht viel um physikalische und chemische Eigenschaften von Glas. Im praktischen Teil lernt man, am Brenner zu arbeiten.
Wie viel verdient man?
Unterschiedlich, je nachdem ob man in einem Industriebetrieb oder in einer Manufaktur arbeitet. Nach der Ausbildung startet das Einstiegsgehalt meist bei etwa 3000 Euro brutto im Monat und steigert sich mit Berufserfahrung auf rund 4000 Euro oder mehr.
Was muss man können?
Ruhige Hände und Fingerspitzengefühl: Oft entscheiden Millimeter über das Ergebnis.
Geduld: Glaskunst bedeutet stundenlange Detailarbeit.
Handwerkliches Gespür und einen Blick für Symmetrie
Für wen ist das eher nichts?
Für Technik-Fans, die vor einem Bildschirm arbeiten wollen
Für Menschen, denen es schwerfällt, sich zu konzentrieren
Für Menschen mit Angst vor Feuer
Michaels Hände bewegen sich so schnell, dass es aussieht, als würden die Glasfäden durch die Luft tanzen. Bei jedem Handgriff weiß er genau, wie das flüssige Glas reagiert. »Mit der Zeit entwickelt man ein Gefühl fürs Material. Meine Hände zeigen den Glasfäden, in welche Richtung sie fließen sollen«, sagt er. Am runden Ende des Tropfens formt er eine Kante, zieht den Glasfaden dahinter in die Länge und knipst ihn mit der Rundschere ab. Dann zieht er das Glas mit einem sogenannten Auftreiber auseinander, sodass eine Öffnung entsteht.
Die meisten Trinkgläser und Vasen, die wir heutzutage in großen Möbelhäusern kaufen oder im Internet bestellen, sind nicht mehr mundgeblasen. Seit dem 19. und vor allem dem 20. Jahrhundert werden vermehrt Maschinen eingesetzt, die Gläser in Massenproduktion herstellen. Trotzdem existiert das Handwerk noch immer: für handgemachte Einzelstücke, etwa Kunstobjekte oder Christbaumschmuck, aber auch für chemische Labore, die passgenaue Sonderanfertigungen benötigen.
Glasbläser haben ständig Brandblasen an den Fingern.
Stimmt teilweise: »Es passiert schon mal, dass man sich verbrennt. Aber mit der Zeit entwickelt man ein Gefühl dafür, an welchen Stellen das Material besonders heiß ist.«
Glasbläser bewegen sich wenig.
Stimmt nicht: »Werkzeuge und Glasmasse können extrem schwer werden. Vor allem, wenn ich große Objekte herstelle und das flüssige Glas über längere Zeit in der Luft halte, in die Länge ziehe und drehe. Der Beruf erfordert viel Kraft, Ausdauer und Körperspannung.«
Glasbläser sind Eigenbrötler und arbeiten zurückgezogen in ihrer Werkstatt.
Stimmt: »Die Arbeit mit derart hohen Temperaturen erfordert volle Konzentration.«
Die Vase, die Michael heute herstellt, ist beinahe fertig. Geschmolzenes Glas bleibt an fast allen Materialien haften, nur nicht an Grafit. Deshalb greift Michael nun zum Formwerkzeug, das aus Grafit gefertigt ist. Liebevoll bearbeitet er die Glaskanten. Finaler Feinschliff, fertig. Keine 15 Minuten hat es gedauert, den Stab in eine tropfenförmige Vase zu verwandeln.
Nun muss das Ergebnis für acht Stunden abkühlen, damit das Glas nachträglich nicht reißt. Michael freut sich noch immer über jedes fertige Stück, das er in den Händen hält. »Glaskunst ist eine große Spielwiese. Jeden Tag Neues erschaffen, mit Formen und mit Feuer spielen – ich kann mir nichts Schöneres vorstellen.«
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