So weit ging Klaus-Michael Kühne, um NS-Verbrechen seines Vaters zu vertuschen

Klaus-Michael Kühne, einer der reichsten Deutschen, starb letzte Woche im Alter von 89 Jahren in seinem Haus in der Schweiz. Bloomberg News schätzt, dass er ein Vermögen von ungefähr 49 Milliarden Dollar hinterlässt. Kühne hinterlässt jedoch auch ein düsteres Erbe, das in seinen Nachrufen lediglich angeschnitten wird: die Tatsache, dass er vertuschen wollte, in welchem Ausmaß sein Familienunternehmen von der Verfolgung und dem Genozid der europäischen Juden durch das NS-Regime profitierte.

Der Milliardär verdankte sein Vermögen Kühne + Nagel, einem der weltweit größten Speditionsunternehmen, das 1890 von Kühnes Großvater und Friedrich Nagel gegründet worden war. Klaus-Michael Kühne nutzte das geerbte Familienvermögen, um ein globales Transportimperium aufzubauen. Er war der größte Anteilseigner der Lufthansa, der Containerschifffahrtsgesellschaft Hapag-Lloyd, des Chemievertriebs Brenntag und des Busunternehmens Flix. Zudem besaß er ein Immobilienimperium, zu dem auch eine Reihe von Luxushotels gehörte. Allein im Jahr 2024 strich er laut Bloomberg Dividenden in Höhe von 9,3 Milliarden Dollar ein. Kühne zahlte auf diese Einkünfte kaum oder gar keine Steuern, da er 1975 in die Schweiz gezogen war.

Während des Zweiten Weltkriegs transportierte Kühne + Nagel unter der Leitung von Alfred und Werner Kühne im Rahmen der sogenannten „M-Aktion“ – einer Abkürzung für „Möbelaktion“ – geplündertes jüdisches Eigentum, vor allem Möbel, Bücher und Kunstwerke, aus dem besetzten Westeuropa nach Deutschland. Über einen Zeitraum von zwei Jahren, zwischen 1942 und 1944, wurden fast 70.000 Wohnungen von Juden in den Niederlanden, Frankreich, Belgien und Luxemburg systematisch geplündert, nachdem ihre Bewohner mit Zügen in Ghettos, KZ- und Vernichtungslager deportiert worden waren.

Wie die Kühnes ihren jüdischen Partner verdrängten

Alfred und Werner Kühne begannen bereits wenige Monate nach Hitlers Machtübernahme im Januar 1933, von der Verfolgung der Juden zu profitieren. Ende April desselben Jahres verdrängten die Brüder Kühne ihren jüdischen Partner und Mitgesellschafter Adolf Maass, nachdem dieser mehr als 30 Jahre im Unternehmen tätig gewesen war. Maass besaß 45 Prozent der Hamburger Niederlassung von Kühne + Nagel, die er 1902 gegründet hatte und die den größten und profitabelsten Teil des Unternehmens ausmachte. Als Friedrich Nagel 1907 ohne Erben starb, gingen seine Anteile an seinen Mitbegründer August Kühne, den Vater von Alfred und Werner. Dieser starb 1932.

Laut einem unterzeichneten und datierten Vertrag im Maass-Familienarchiv im Holocaust-Museum von Montreal übertrug Maass am 22. April 1933 seine Anteile und Ansprüche ohne Entschädigung an die Brüder Kühne. Der Grund? Eine angebliche Unfähigkeit, „seinen Kapitalverpflichtungen“ gegenüber den Kühnes und dem Unternehmen nachzukommen. Solche Anschuldigungen wurden im NS-Deutschland zu einer gängigen Methode, um jüdische Anteilseigner aus ihren eigenen Firmen zu verdrängen.

Neun Tage nach der Entlassung von Maass traten die Brüder Kühne laut ihren Entnazifizierungsakten im Staatsarchiv Bremen der NSDAP bei. In den folgenden Jahren bauten die Kühnes ihr Unternehmen zu einem „nationalsozialistischen Musterbetrieb“ aus – ein Ehrentitel, den das NS-Regime Kühne + Nagel im Jahr 1937 verlieh.

Die Brüder Kühne erklärten in ihren Entnazifizierungsverfahren, dass Maass’ „jüdische Herkunft“ dem Unternehmen und ihnen selbst „ernsthafte Schwierigkeiten“ bereitet habe. Die Geschwister behaupteten, Maass sei freiwillig ausgeschieden und sie hätten „keinen persönlichen wirtschaftlichen Vorteil aus der Auflösung der Gesellschaft gezogen“. Adolf Maass und seine Frau Käthe wurden später in Auschwitz ermordet.

Die Familie beteiligte sich an der Enteignung jüdischer Unternehmer

1938 erwarb Kühne + Nagel die Hamburger Tochtergesellschaft des tschechischen Transportunternehmens Alfred Deutsch. Eigentümer war Leo Lewitus, ein jüdischer Unternehmer, der von den NS-Behörden in Absprache mit den Brüdern Kühne zum Verkauf seines Unternehmens gezwungen worden war. In 180 Seiten Korrespondenz im Kontext der Übernahme, die im Hamburger Staatsarchiv gefunden wurden, schrieben Führungskräfte von Kühne + Nagel sachlich, dass es sich bei der Übernahme um eine „Arisierung“ handelte.

Ein Vermögenswert galt im Dritten Reich als „arisiert“, wenn der jüdische Anteil am Eigentum beseitigt worden war. „Arisierungen“ konnten darin bestehen, weniger als den tatsächlichen Wert für Firmen, Häuser, Grundstücke, Schmuck, Gold, Kunst oder Aktien zu zahlen, die sich im Besitz von Juden befanden; sie konnten bis hin zum regelrechten Diebstahl von Eigentum reichen. Aufgrund der Vorliebe für formale rechtliche Verfahren hatten „Arisierungen“ oft den Anschein einer normalen geschäftlichen Transaktion.

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Reichtum durch Beteiligung an Möbeltransporten deportierter Juden

Da die Bombenangriffe der Alliierten auf Deutschland Häuser und Büros zerstörten, stieg die Nachfrage nach Haushaltsgegenständen und Möbeln sprunghaft an. Im Januar 1942 beschloss Hitler, dass das gesamte bewegliche Vermögen von Juden, die in Westeuropa zur Deportation vorgesehen waren, nach Deutschland gebracht und verteilt werden sollte.

Ein Frachtbuch eines Rotterdamer Frachters, das im Archiv des Niederländischen Instituts für Kriegs-, Holocaust- und Genozidforschung in Amsterdam entdeckt wurde, gibt einen Einblick in das enorme Ausmaß dieser Aktion. Das Hauptbuch listet 360 Schiffe auf, die zwischen Juni 1942 und August 1943 von der Amsterdamer Niederlassung von Kühne + Nagel im Auftrag der NS-Behörden beauftragt wurden und die – laut einer handschriftlichen Notiz im Hauptbuch – von Juden gestohlene Möbel nach Deutschland transportierten.

Das Dritte Reich und der Transport von Raubgut während des Zweiten Weltkriegs machten die Brüder Kühne reich. Nach der Entlassung von Maass im Jahr 1933 verdienten Alfred und Werner laut ihren Entnazifizierungsakten durchschnittlich rund 175.000 Reichsmark pro Jahr. Im Jahr 1942, als die „M-Aktion“ begann, erreichten die Brüder ihren höchsten Verdienst – mehr als 270.000 Reichsmark.

Nach dem Krieg: Kühnes werden verschont und arbeiten als Tarnfirma für die CIA

Obwohl die Brüder Kühne nach dem Krieg von amerikanischen Ermittlern als „hochrangige Nazi-Industrielle“ und von den britischen Behörden als „große Nazis“ beurteilt wurden, wurden beide in den Entnazifizierungsverfahren von 1948 letztlich lediglich als „Mitläufer“ eingestuft – als Anhänger der Nazis, die nicht an den Verbrechen des Regimes beteiligt waren. Es folgten keine Konsequenzen. Ihre Entnazifizierungsakten im Bremer Landesarchiv enthalten keinen Hinweis auf die „M-Aktion“.

Nach dem Krieg fungierte Kühne + Nagel als Tarnfirma für einen von der CIA unterstützten Vorläufer des BND, berichtete die Welt im Jahr 2015. Der westdeutsche Geheimdienst nutzte einige Büros des Transportunternehmens als Tarnung für Agenten. Alfred Kühnes Entnazifizierungsakte enthält ein als „streng geheim“ gekennzeichnetes Schreiben vom 17. Februar 1948 des britischen Geheimdienstes an den amerikanischen Entnazifizierungsausschuss in Bremen.

„Es wird als entscheidend für bereits laufende Operationen angesehen, dass Herr Alfred Kühne in einer solchen Kategorie entnazifiziert wird, damit er sein Geschäft weiterführen kann“, schrieb ein Chef des britischen Geheimdienstes, der in dem Brief seinen Rang – Generalmajor – angab, jedoch nicht seinen Namen. „Wir wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns in dieser Angelegenheit unterstützen könnten, da es um die Sicherheit der britischen und amerikanischen Zonen geht.“

Kurz nach dem Versand des Schreibens wurden die Unternehmen und sonstigen Vermögenswerte der Kühnes, die im Rahmen ihres Entnazifizierungsverfahrens eingefroren worden waren, an sie zurückgegeben. Anschließend wurden sie wieder in ihre Führungspositionen bei Kühne + Nagel gesetzt.

Vom Familienunternehmen zum Milliardenimperium

Alfred wurde 1952 zum Hauptaktionär des Unternehmens, nachdem Werner, ein lebenslanger Junggeselle, nach Südafrika gezogen war, wo er Mitte der 1950er-Jahre starb. Klaus-Michael, Alfreds einziges Kind und designierter Nachfolger, begann 1958 im Alter von 21 Jahren im Unternehmen zu arbeiten und übernahm acht Jahre später die Leitung. Aus steuerlichen Gründen verlegte er den Firmensitz bald darauf in die Schweiz.

In den folgenden Jahrzehnten baute er Kühne + Nagel zu einem globalen Logistikgiganten aus. Im Jahr 2025 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 24,5 Milliarden Schweizer Franken (rund 26 Milliarden Euro), beschäftigte mehr als 80.000 Mitarbeiter und unterhielt 1.300 Niederlassungen in fast 100 Ländern.

Wir sind davon überzeugt, dass Offenheit, Ehrlichkeit und Transparenz in allem, was wir tun, Vertrauen bei unseren Stakeholdern schaffen“, lautet der erste Satz auf der Investor-Relations-Seite von Kühne + Nagel. Wenn es um die dunkle Geschichte des Unternehmens ging, war Klaus-Michael Kühne jedoch alles andere als offen und transparent.

Wie Kühne versuchte, die NS-Vergangenheit seines Unternehmens zu vertuschen

Anfang 2014 beauftragte Kühne das Handelsblatt Research Institute, den unabhängigen Forschungszweig des Handelsblatts, mit einer Studie über die gesamte Geschichte seines Familienunternehmens anlässlich des 125-jährigen Jubiläums von Kühne + Nagel im Juli 2015. Den Forschern wurde sogar Zugang zum Unternehmensarchiv in Hamburg gewährt, und ihnen wurden wissenschaftliche Freiheit und Unabhängigkeit garantiert.

Als Kühne jedoch Anfang 2015 das Endergebnis zugesandt wurde, das ein Kapitel über die Aktivitäten seines Vaters, seines Onkels und des Unternehmens während des Dritten Reiches enthielt, weigerte er sich, die Studie veröffentlichen zu lassen, wie das amerikanische Magazin Vanity Fair im September 2024 berichtete. Kühne lehnte die Studie ab und erklärte während einer Telefonkonferenz: „Mein Vater war kein Nazi.“ Als die Forscher sich weigerten, das Kapitel zu ändern, erklärte Kühne, die Studie werde nicht veröffentlicht, und beendete das Gespräch. Die 180-seitige Studie, deren Eigentumsrechte vertraglich bei Kühne + Nagel liegen, bleibt unveröffentlicht und unzugänglich.

Im April 2015 strahlte der Bayerische Rundfunk einen kurzen Dokumentarfilm über die Rolle von Kühne + Nagel bei der „M-Aktion“ aus. Kurz vor der Ausstrahlung des Films schrieb Kühne an den BR-Intendanten und bat darum, die Ausstrahlung der 22-minütigen Dokumentation noch einmal zu überdenken, da laut der Sendung „alte Wunden wieder geöffnet werden“ würden. Kühnes Bitte, die abgelehnt wurde, kam wenige Monate, nachdem er die Studie auf Eis gelegt hatte.

Im Vorfeld der BR-Ausstrahlung veröffentlichte Kühne + Nagel eine defensive Stellungnahme auf seiner Website. „Wie andere Unternehmen, die bereits vor 1945 bestanden, war Kühne + Nagel in die Kriegswirtschaft eingebunden und musste in dunklen und schwierigen Zeiten seine Existenz behaupten“, schrieb das Unternehmen. „Kühne + Nagel ist sich der schändlichen Vorkommnisse während der Zeit des Dritten Reiches bewusst und bedauert sehr, dass es seine Tätigkeit zum Teil im Auftrag des Nazi-Regimes ausgeübt hat.

Zu berücksichtigen sind die seinerzeitigen Verhältnisse in der Diktatur sowie die Tatsache, dass Kühne + Nagel die Kriegswirren unter Aufbietung aller seiner Kräfte überstanden und die Existenz des Unternehmens gesichert hat.“ Dies ist bis heute das einzige Bekenntnis des Unternehmens zu seinen Aktivitäten während der NS-Zeit. Abgesehen von dieser Stellungnahme findet sich auf der Website von Kühne + Nagel kein Hinweis auf die Vergangenheit, da es dort keinen Abschnitt zur Unternehmensgeschichte gibt.

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Kühne wehrte sich bis zuletzt gegen umfassende Aufarbeitung der Familiengeschichte

Im Jahr 2022 erklärte Kühne gegenüber der Schweizer SonntagsZeitung, dass keine Unternehmensdokumente aus der NS-Zeit verfügbar seien, und behauptete, die Archive in Hamburg und Bremen seien durch Bombenangriffe der Alliierten im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Ein Verzeichnis deutscher Wirtschaftsarchive aus den 1990er-Jahren zeigt, dass bei Kühne + Nagel mindestens 10 Meter Archivmaterial vorhanden sein sollten. Dies umfasst höchstwahrscheinlich Material aus der Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs, da die Sammlung laut der Indexseite von Kühne + Nagel im Jahr 1902 beginnt. „Nutzung nur mit Genehmigung der Geschäftsleitung“, heißt es auf der Seite.

Kühne sagte in dem Interview mit der SonntagsZeitung außerdem, dass er die Beauftragung unabhängiger Historiker zur Untersuchung seiner Unternehmensgeschichte als eine Art Erpressung empfinde. „Uns sprachen einige an, die das gerne gemacht hätten und dafür einige Hunderttausend Euro verlangten. Die sagten, wir wären dazu verpflichtet“, sagte Kühne der Zeitung. „Das fand ich fast ein bisschen erpresserisch. Da habe ich gesagt: ‚Das machen wir nicht. Wir haben nichts zu verbergen, wir bekennen uns zu unserer Schuld.‘“

Während Kühne + Nagel seit 2015 zu seiner Vergangenheit schweigt, hat Klaus-Michael Kühne auf die Kritik reagiert, dass er und sein Unternehmen sich nicht ausreichend mit der Verwicklung des Unternehmens in NS-Verbrechen auseinandergesetzt hätten. „Ich hätte Verständnis gehabt, wenn man zehn, zwanzig Jahre nach dem Krieg diese Dinge infrage gestellt hätte. Da war alles noch in frischer Erinnerung. Da lebten ja auch noch diejenigen, die damals verantwortlich waren. Aber man ist siebzig Jahre später darauf zurückgekommen. Das halte ich für merkwürdig“, sagte Kühne im SonntagsZeitung-Interview. „Irgendwann muss mal Gras über die Dinge wachsen. Das ist meine grundsätzliche Einstellung. Wichtig ist, Lehren aus den damaligen Vorkommnissen zu ziehen.“

Es ist unwahrscheinlich, dass Kühne diese Lehren jemals wirklich verinnerlicht hat. In einem seiner letzten Interviews ging Kühne scharf auf Kritiker los, die ihm vorwarfen, die NS-Vergangenheit seines Unternehmens und seiner Familie zu vertuschen. „Ich bin befremdet, dass die Dinge so verzerrt werden. Ich möchte nicht in eine Ecke gestellt werden, das finde ich unfair“, sagte Kühne im März 2025 gegenüber dem Spiegel.

David de Jong ist Autor und Historiker. Er studierte Politikwissenschaft an der Universität Amsterdam sowie Geschichte an der Columbia University in New York und an der London School of Economics. Als Journalist arbeitete er für Bloomberg News und berichtete aus Amsterdam über das europäische Bank- und Finanzwesen, aus New York über verborgene Vermögen und milliardenschweren Reichtum in den USA und Europa sowie aus Tel Aviv als Nahostkorrespondent für niederländische Medien. Er hat über ein Jahr lang zu der Familiengeschichte von Kühne + Nagel geforscht.