Stand: 15.09.2026, 14:01 Uhr
Kommentare
Söder, Dobrindt, Wüst: In den Spekulationen um einen Kanzler-Tausch mit Friedrich Merz kursieren viele Namen. Der Kandidaten-Check.
Berlin – Friedrich März ist angezählt. Die schlechten Ergebnisse seiner CDU in Sachsen-Anhalt und auch das möglicherweise schwache Abschneiden am Sonntag in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin setzen den Kanzler schwer unter Druck. Forderungen nach einem Kanzlertausch soll es dem Vernehmen nach intern bei den Christdemokraten immer wieder geben. Das Problem nur: Wer soll denn auf Friedrich Merz folgen?

Das Szenario eines Wechsels im Kanzleramt gilt längst nicht mehr als ausgeschlossen. Am Dienstag berichtete nun das Portal Table.Briefings darüber, Merz könnte schon am Sonntagabend nach den Wahlen im Osten die „indirekte Vertrauensfrage“ stellen. Bedingung: Das CDU-Präsidium müsste ihm direkt einen Nachfolger präsentieren. Drei Namen stünden hierfür möglicherweise in der engeren Verlosung: Hendrik Wüst, Markus Söder und Alexander Dobrindt. Wer wäre geeignet? Und was spräche gegen sie? Der Kandidaten-Check.
Kanzlertausch in Berlin? Wer auf Friedrich Merz folgen könnte
Ein paar Gemeinsamkeiten haben alle drei: Sowohl Söder (59), als auch Dobrindt (56) und Wüst (51) sind jünger als der bereits 70-jährige Merz. Eventuell könnten dies Parteifreunde als eine Art neuen, frischen Wind sehen. Und: Alle drei liegen im aktuellen Beliebtheitsranking der Spitzenpolitiker in Deutschland weit vor Friedrich Merz. Das ist allerdings nicht weiter schwierig. Laut der INSA-Umfrage für die Bild rangiert der Kanzler dort auf Rang 20 von 20. Im Ranking der Kanzlertausch-Kandidaten hätte hier Hendrik Wüst die Nase vorn. Der Ministerpräsident von NRW liegt dort auf Rang 3. Söder (Platz 6) und Dobrindt (Platz 7) sind knapp dahinter.
Hendrik Wüst neuer Kanzler? Was für den Ministerpräsidenten von NRW spricht
Wüst gilt aktuell wohl als aussichtsreichster Kandidat auf einen möglichen Kanzlertausch-Posten. Das scheinen auch andere Parteien so zu sehen. AfD-Chefin Alice Weidel etwa sagte bereits kurz nach der ersten Prognose zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, die CDU werde zukünftig in Deutschland chancenlos sein, außer vielleicht bei den Wahlen in NRW 2027 – vorausgesetzt, Wüst würde nicht vorher nach Berlin wechseln.
Nicht nur in der Bevölkerung, auch in der CDU genießt Wüst große Anerkennung. Seine Koalition mit den Grünen läuft in NRW recht stabil und ohne große Reibungen. Er steht für einen Mitte-Kurs in der CDU, gilt auch als „anschlussfähig“, was den Koalitionspartner, die SPD angeht. Mit seiner konsequenten Führung im einwohnerstärksten Bundesland hat er außerdem eine gewisse Macht-Stellung bei den Christdemokraten. Und: Große Gesten gen Berlin kann er. 2024 kündigte Wüst eine Eil-Pressekonferenz an, nur um zu verkünden, dass er auf eine Kanzlerkandidatur verzichte. Allerdings stand er neben Merz und Söder da gar nicht wirklich zur Diskussion.
Kanzlertausch mit Merz: Was gegen Hendrik Wüst spricht
Ein Wechsel dürfte für Wüst dennoch alles andere als leicht werden. Hauptgrund ist die Landtagswahl in NRW am 25. April 2027. Wüst gilt hier als Hoffnung der CDU, nach dem schlechten Ergebnis in Sachsen-Anhalt und dem zu erwartenden desaströsen Abschneiden in Mecklenburg-Vorpommern endlich mal wieder ein wirklich gutes Ergebnis einzufahren. Den beliebten Kandidaten so kurz vor der Wahl herauszureißen, würde ein schwerer Rückschlag für die NRW-CDU werden. Eine kurzfristige Nachfolger-Suche würde die Situation noch verkomplizieren.

Außerdem gilt die Beziehung zwischen Wüst und CSU-Parteichef Söder als schwierig. In Berlin müssten beide allerdings eng zusammenarbeiten. Ebenso soll der Mitte-Kurs des NRW-Chefs in den Ost-Bundesländern nicht nur auf offene Ohren stoßen. Ein Konsens wäre also kompliziert. Wüst selbst hatte zudem erst Anfang August betont, das Kanzleramt sei für ihn „aktuell keine Option“. Intern heißt es auch, Wüst habe keine Eile und wolle zunächst sein Amt verteidigen. Ein gutes Ergebnis in NRW könnte seine Ambitionen auf die Merz-Nachfolge zudem weiter verbessern.
Eine Hintertür für die Zukunft ließ er sich also offen. Und: Aktuelle Umfragezahlen von INSA zeigen, dass Wüst bei einer direkten Bundeskanzlerwahl zwischen ihm und Weidel mit 29 zu 30 Prozent knapp das Nachsehen hätte. 31 Prozent gaben an, für keine der beiden Personen stimmen zu wollen.
Doch wieder Söder? Warum der CSU-Chef den Kanzler-Job von Merz übernehmen könnte
Da sieht es für Markus Söder hingegen besser aus. Bayerns Ministerpräsident bekäme in der Umfrage 34 Prozent der Stimmen gegenüber Weidel mit nur 29 Prozent. Der CSU-Chef erfreut sich ebenso großer Beliebtheit. Seine Erfahrung von acht Jahren als Ministerpräsident im flächenmäßig größten Bundesland Deutschlands spricht für ihn. Söder wird für seine gute Kommunikation, seine klaren Worte und seine stringente Haltung geschätzt. Als Parteichef einer Regierungspartei ist er außerdem im Koalitionsausschuss dabei und mit der Arbeit der Regierung bestens vertraut.
Söders Name ist quasi dauerhaft im Gespräch, wenn es um die K-Frage geht. 2021 verlor er das direkte Duell gegen Armin Laschet. 2024 ließ er Friedrich Merz den Vortritt. Damals hatte Söder stets betont, für die Partei auch auf Bundesebene da zu sein, wenn sie ihn rufe. Er hat eine enge Verbindung zu den Ost-Ministerpräsidenten, auch einen guten Draht zu Merz.
Merz vs. Söder? Was gegen einen Kanzlertausch mit Bayerns Ministerpräsident spricht
Allerdings gibt es auch einige, die Bayerns Landeschef nicht unbedingt wohlgesonnen sind. Zu Wüst etwa hat er ein schwieriges Verhältnis, ebenso zu Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther. Auch in der eigenen Partei ist Söder zuletzt nicht mehr gänzlich unumstritten. Besonders EVP-Chef Manfred Weber war zuletzt mit ihm aneinandergeraten. Außerdem hatte Söder selbst erst kürzlich der Bild gesagt, dass es „von der CSU auf keinen Fall“ den Versuch eines Kanzlersturzes geben werde. Für ihn sei Merz noch immer der richtige Kanzler.

So groß Söders eigene Kanzlerambitionen vor allem 2021 noch waren, so gering scheinen sie mittlerweile zu sein. Erst im Juli hatte er dem Handelsblatt gesagt, das Kapitel Kanzlerkandidatur sei für ihn abgeschlossen, die Frage stelle sich „heute nicht und sie wird sich auch in Zukunft nicht mehr stellen“. Einen aktuellen Kanzlertausch hält er ohnehin für nicht zielführend. Egal, wer dann folgen solle, würde „mit den gleichen Problemen“ zu kämpfen haben. Die seien für ihn eine SPD, die „sich mit Reformen schwer tut“.
Überraschender Kanzlertausch-Name: Warum Alexander Dobrindt geeignet wäre
Mittlerweile kommt immer wieder auch ein dritter Name zur Kanzlertausch-Frage auf: Alexander Dobrindt. Christian Deutschländer, stellvertretender Merkur-Chefredakteur, bezeichnete den CSU-Politiker etwa als den „Joker in der K-Frage“. Sein größer Vorteil: Dobrindt ist in politischen Kreisen höchst beliebt. Seine strikte Migrationspolitik hat dem Innenminister deutschlandweit viel Zustimmung gebracht. Unionsintern wird er hochgeschätzt. Nicht umsonst hätten ihn einige aus CSU und CDU nach dem Aus von Jens Spahn gern als neuen Fraktionsvorsitzenden gesehen, anstatt Thorsten Frei.
Aber nicht nur in der Union, auch in der SPD genießt Dobrindt hohes Ansehen. Der CSUler soll etwa einen guten Draht zu Finanzminister Lars Klingbeil haben. Dobrindt profiliert sich politisch sowohl als Vertrauensperson, als auch als Anpacker. Seine Rolle als Vermittler in der schwarz-roten Koalition sollte nicht unterschätzt werden. Kaum jemand dürfte ein gleichzeitig so gutes Verhältnis zu den Parteichefs Merz, Söder und Klingbeil haben, wie er. Im Gegensatz zu Wüst und Söder könnte er daher auch bessere Chancen auf eine notwendige Mehrheit im Bundestag bei einem möglichen Kanzlertausch haben. In der FAZ sagte ein hessisches CDU-Mitglied etwa: „Merz muss weg. Der Dobrindt könnt‘s.“
Dobrindt bereit zum Kanzlertausch? Was gegen eine Merz-Ablösung spricht
Dennoch dürften Dobrindts Chancen eher gering ausfallen. Zum einen, weil der Innenminister auch im Beliebtheitsvergleich mit Söder und Wüst den Kürzeren zieht. „Arg populär war er im Volk nie, kein rasend guter Redner, versprüht keine Herzenswärme“, beschrieb auch der Merkur ihn zuletzt. Ob Dobrindt überhaupt Ambitionen über die Innenpolitik hinaus hat, ist ebenfalls unklar.

Dobrindts Hauptproblem dürfte allerdings sein eigener Parteichef sein. Mit einem Kanzlertausch auf den Innenminister würde er auch Markus Söder in die Parade fahren. Beide gelten eigentlich als enge Vertraute. Mit Kanzlerambitionen würde Dobrindt in gewisser Weise damit auch gegen seinen eigenen Parteichef antreten. Fraglich, ob man die gute Basis und parteiinterne Geschlossenheit in der CSU dafür aufs Spiel setzen möchte.
Ist ein Kanzlertausch überhaupt realistisch? Was dafür passieren müsste
Ob es überhaupt zu einem Kanzlertausch kommt, ist indes unklar. Sicher ist: Für alle drei als vermeintliche Favoriten gehandelte Kandidaten gibt es kein klares Szenario, wie ein solches Manöver reibungslos gelingen könnte. Verfassungsrechtlich wäre ein Wechsel im Kanzleramt allerdings möglich – jedoch nur über ein konstruktives Misstrauensvotum mit einer entsprechenden Mehrheit im Bundestag. Und schließlich hat ja auch Friedrich Merz in der Debatte um den Posten noch ein Wörtchen mitzureden. (Quellen: Tagesschau, Bild, INSA, Merkur, Table.Briefings, Handelsblatt)