Schon mal in „flinkindrin“ gestanden? Oder „spitters“ ins Gesicht bekommen? Dass das mit den mindestens hundert Wörtern der Inuit für Schnee nicht stimmt und eher den paternalistischen Blick der sie besuchenden Forscher entlarvte, hat sich herumgesprochen. Nicht so bekannt ist, dass Schotten tatsächlich beeindruckend viele Schnee-Bezeichnungen haben, nicht nur für leichtes Geriesel („flinkindrin“) oder vom Wind herangefegte Flocken („spitters“). Auch jede Menge Varianten für Nebel und Regen gibt es. Auf der Insel mit der rauen Witterung konnte es existenziell sein, die Wetterbedingungen richtig einzuschätzen, und was im Leben wichtig ist, das will benannt sein.
Anderswo kam man bislang damit aus, das Wetter gut (die Sonne scheint) oder schlecht (die Sonne scheint nicht) zu finden. Regen nimmt mittlerweile eine Sonderstellung ein. „Ist aber gut für die Natur“, werden nasse Tage pflichtschuldig kommentiert, insgesamt ist es zu trocken, weiß man doch.
Mit den Feuern verbrennen Gewissheiten
Dieser Sommer allerdings zwingt zu der Erkenntnis, dass mit der Hitze und den Feuern endgültig auch Gewissheiten wegbrutzeln und verbrennen. Jene, dass es nichts Besseres geben kann als einen heißen Tag im Juli. Oder dass Meer, Sandstrand und ein Pinienwald verlässliche Zutaten sind für einen gelungenen Urlaub.
Der schmerzvolle Lernprozess passiert in den sozialen Medien kollektiv, wieder und wieder werden Bilder aus Frankreich geteilt, bei denen Vorder- und Hintergrund einfach nicht zusammenpassen wollen: das im Sand spielende Kind, das Paar auf den Liegestühlen, jeweils überwölbt von Rauchwolken und einem giftig gelben Himmel. Als ob der Spuk schon vorbeigehen wird, wenn man sich einfach verhält wie immer.
Die Franzosen lernen ein neues Wort: „Pyrocumulonimbus“
Wie der Verstand hinkt die Alltagssprache der neuen Wirklichkeit noch hinterher. „Außerhalb der Norm“, „historisch“, so beschreibt man in Frankreich die Feuer und die sie ermöglichende Wetterlage und lernt, „Pyrocumulonimbus“ auszusprechen: über den Flammen entstehende, alles noch schlimmer machende Gewitterwolken. Andere Länder sind da weiter. Die zusätzliche Gefahrenstufe, die Australien nach den Buschbränden 2009 eingeführt hat, heißt schlicht „katastrophisch“.
Und während in Deutschland wieder Wortschöpfungen herhalten müssen, um die ankommende nächste Hitzewelle zu beschreiben – „Glut-Tage“, „Hitze-Hammer“ –, erduldete man in Japan soeben fünf „Kokushobi“ in Folge. So heißt es dort jetzt offiziell, wenn die Temperaturen auf mindestens 40 Grad steigen: „grausam heißer Tag“. Die neuen Bezeichnungen tragen das Bedrohliche der Klimawandel-Realität in sich, normalisieren sie aber auch: So ist das jetzt eben.
Der Irrtum mit den Inuit konnte passieren, weil sich in deren Sprachen ein Wort, etwa Schnee, mit anderen Satzteilen zu wahren Wortungetümen addieren lässt. Als ob man die Brände in Frankreich beschriebe als „Feuer, die so nicht wüten könnten, wäre der Klimawandel ernst genommen worden“.