Stand: 19.10.2026, 19:50 Uhr
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Brände, Plünderungen, Festnahmen: In Frankreich sind Proteste in massive Ausschreitungen umgeschlagen. Wer sind die Randalierer – und kommt die Wutwelle auch nach Deutschland?
Was mit Protesten für bessere Bedingungen an den Schulen begonnen hat, entwickelte sich in Frankreich zu massiven Ausschreitungen mit Plünderungen und Brandstiftungen. Die Protestforscherin Katharina Fritsch und der Kulturwissenschaftler Jürgen Ritte sind sich gegenüber dem Münchner Merkur einig: Gewaltbereite Gruppen springen jetzt auf die Protestwelle auf. Die Gewalt wird aber vor allem dem rechten Rand nützen.

Die Bilder aus französischen Städten wie Paris, Marseille und Lyon sind drastisch: brennende Autos und Häuser, geplünderte Geschäfte, unter den Flammen einstürzende Rathäuser. Der Kulturwissenschaftler Jürgen Ritte lehrt an der Sorbonne, wohnt mitten in Paris und erlebt die Proteste derzeit ganz nah. Im Gespräch mit dem Münchner Merkur von Ippen.Media sagte er, die Medien zeigten derzeit zwar die drastischsten Szenen aus Frankreich. Jedoch: „Es ist eine unglaubliche Spur der Verwüstung gelegt worden.“
Ausschreitungen in Frankreich: „Es gibt erst eine Antwort von der Regierung, wenn es wirklich brennt“
Katharina Fritsch vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung warnt allerdings vor der Verkürzung: Was bei uns ankomme, seien eben „nur diese Bilder“, sagte sie unserer Redaktion. Friedliche Proteste und die Solidarität zwischen den Generationen kämen kaum vor.
„Proteste entstehen ja nicht im luftleeren Raum“, so die Politikwissenschaftlerin an der Universität Wien: Sie seien Ausdruck von Not und von ungleichen Kräfteverhältnissen. „In Frankreich hat sich eine Art von Auseinandersetzung mit dem Staat entwickelt, bei der klar ist: Es gibt erst eine Antwort von der französischen Regierung, wenn es wirklich brennt“, so die Politologin.
„Wir haben es hier mit einem Moment zu tun, in dem sich auch eine gewisse Wut entlädt“, schildert Katharina Fritsch. „Es protestieren hier Jugendliche, auch viele marginalisierte Jugendliche, die auf ihre Missstände in den Schulen aufmerksam machen, die sich seit Jahren aufgebaut haben. Dort herrschen teilweise Zustände, die man sich wirklich nicht vorstellen kann.“
Schülerproteste in Frankreich wurden von gewaltbereiten Gruppen „vollkommen überrollt“
Kulturwissenschaftler Ritte von der Pariser Universität Sorbonne sieht das anders. Seiner Einschätzung nach sind die Schülerproteste „vollkommen überrollt worden“, sagt er. Schülerinnen und Schüler würden sich mittlerweile davon distanzieren und sagen: „Das ist nicht unser Protest.“ Und über die Anliegen der Schüler spreche mittlerweile kaum noch jemand.
Ritte spricht stattdessen von einer „Gemengelage“ gewaltbereiter Gruppen: Jugendliche aus den Vorstädten mit einem schwierigen Verhältnis zur Polizei, organisierte Kriminalität und internationale „Krawalltouristen“, die er mit früheren Hooligans und Black-Block-Gruppen vergleicht. In Paris wurden teils ganze Geschäfte verwüstet und geplündert.
Die Polizei sei unterbesetzt und von der Protestwelle überrascht worden, so Ritte. In Paris beobachtete er, dass die Randalierer teils schon morgens aktiv seien, bevor die angemeldeten Demonstrationen überhaupt beginnen würden.
Protestforscherin warnt vor Instrumentalisierung der Bilder von Ausschreitungen in Frankreich
Dass auch gewaltbereite Gruppen als Trittbrettfahrer auf die Schülerproteste aufgesprungen sind, räumt auch Protestforscherin Fritsch ein. Sie warnt aber auch: Die drastischen Bilder aus Frankreich würden aktuell instrumentalisiert, um die gesamte Bewegung zu entpolitisieren. Die Anliegen hinter den Protesten würden marginalisiert, stattdessen die angebliche Gewaltbereitschaft in den Vordergrund gerückt. Dabei stünden viele Franzosen hinter den Anliegen der Protestierenden: Gewerkschaften, migrantische Selbstorganisationen, linke Gruppen und frühere Gelbwesten hätten sich angeschlossen.
Das Framing von Rechtsaußen und auch vonseiten der US-Politik, Migranten seien die Hauptschuldigen an den Exzessen, sehen beide Forscher kritisch. Der Extremismusexperte Ahmad Mansour hatte in der Bild gesagt, linksextreme und migrantische Gruppen hätten die Schülerproteste übernommen, und vor einer Radikalisierungswelle und einem Übergreifen auf Deutschland gewarnt.
Französische Städte brennen – doch Schuld jetzt auf Migranten zu schieben, ist zu einfach
Kulturwissenschaftler Jürgen Ritte sagt dazu, dass natürlich junge Menschen mit Migrationshintergrund beteiligt seien. Es handle sich aber überwiegend um Franzosen, die dort geboren seien und deren Familien lange in Frankreich lebten. „In einigen Vorstädten leben diese Menschen ohne große Zukunftsaussichten und fühlen sich bei der Polizei drangsaliert.“ Man könne die derzeitigen Ausschreitungen nicht, wie die extreme Rechte gerade tue, auf eine „reine Migrantenproblematik“ zurückführen.
Der in Paris lebende Professor ärgert sich darüber, dass von Rechtsaußen nun sämtliche Migranten in Geiselhaft genommen werden: „Viele gehen arbeiten, haben ihr Geschäft. Unter Umständen ist ihr eigenes Geschäft sogar geplündert worden. Und dann müssen sie anhören: ,Die Migranten sind schuld.‘ Das geht nicht.“
Migrationspolitik führte zu Ausschreitungen in Frankreich? „Verbindung, die komplett unlogisch ist“
Dass die rechtspopulistische Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen in einem Statement zu den Ausschreitungen auf die unkontrollierte Migrationspolitik verwies, ärgert auch Protestforscherin Katharina Fritsch: „Das ist eine Verbindung, die komplett unlogisch ist. Abgesehen davon, dass es ein rassistisches Narrativ ist, haben die jetzigen Proteste überhaupt nichts damit zu tun“, glaubt sie.
Je mehr Krawall, desto eher werden die extreme Rechte und Le Pen die Wahlen gewinnen.
Sie befürchtet, dass vor den Präsidentschaftswahlen in Frankreich die „Angst vor einer instabilen Ordnung“ weiter geschürt werde und letztlich die rechtsextremen Kräfte davon profitieren werden.
„Je mehr Krawall, desto eher werden die extreme Rechte und Le Pen die Wahlen gewinnen“
Auch Experte Ritte vermutet: Die Eskalation der Proteste „provoziert den Ruf nach Ordnung“. Profitieren würden Marine Le Pen und rechte Kräfte der bürgerlichen Opposition. „Je mehr Krawall, desto eher werden die extreme Rechte und Le Pen die Wahlen gewinnen.“
Katharina Fritsch warnt dabei vor einem Mechanismus: Rechte Parteien würden „das Gewaltnarrativ“ besetzen, linke Gruppen als Gefahr für Recht und Ordnung darstellen und sich selbst als Verteidiger derselben inszenieren. In Frankreich verfahre so das Rassemblement National, in Deutschland die AfD. Es gebe jedoch Untersuchungen, nach denen Gewalt gegen Personen im öffentlichen Raum vor allem von extrem rechten Akteuren ausgehe, erinnert die Protestforscherin.
Kommen Proteste auch nach Deutschland? Experte sieht gesunkene Hemmschwelle für Gewalt
Ob ein Übergreifen der Gewaltproteste auf Deutschland droht, wie manche bereits warnen, können beide Wissenschaftler derzeit noch schwer einschätzen. Frankreich habe aber „ganz stark konfrontative Protestkultur, das ist in Deutschland anders“.
Kulturwissenschaftler Ritte verweist ebenfalls auf die Konfrontationskultur in Frankreich, die es in Deutschland bislang nicht gebe. Er sieht aber mit den sozialen Medien überall eine gesunkene Hemmschwelle zur Gewalt. (Quellen: eigene Recherche)