Nach Plünderungen: Nordfranzösische Städte verhängen Ausgangssperren für Minderjährige
Stand: 19.10.2026, 20:08 Uhr
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Nach den Krawallen gelten in Lille, Douai, Wattignies und Denain nächtliche Ausgangssperren für Minderjährige. Premier Lecornu will Ordnung herstellen.
Paris – Nach den schweren Ausschreitungen am Wochenende gelten in mehreren Städten im Norden Frankreichs Ausgangsbeschränkungen für Minderjährige. Sie sollen vorerst am Montag und Dienstag jeweils zwischen 20:00 und 6:00 Uhr in Kraft sein. Betroffen sind Lille, Douai, Wattignies und Denain, wie das Premierministeramt bestätigte.

Französische Medien berichteten unter Berufung auf die Präfektur des Départements Nord, die Ausgangssperren würden noch finalisiert. Sie sollten demnach nur „Teilbereiche“ der Städte betreffen. In Marseille untersagte der Präfekt für Montag von 12:00 bis 20:00 Uhr alle Proteste und sonstigen Versammlungen.
Lecornu: Schutz von Personen und Geschäften
Zuvor hatte Premierminister Sébastien Lecornu nach einem Krisentreffen der Regierung in Paris örtlich begrenzte Ausgangssperren angekündigt. Er habe die Präfekten gebeten, sie zu erlassen. Am Wochenende waren landesweite Proteste gegen hohe Lebenshaltungskosten von schweren Ausschreitungen und Plünderungen begleitet worden. Die Beschränkungen sollten „teilweise“ und „sehr lokal begrenzt“ sein, sagte Lecornu. Ein Ziel sei der „Schutz von Personen, aber auch von Eigentum, insbesondere von Geschäften“.
Es gehe um eine ganz bestimmte, sehr spezifische Kriminalität aus Plünderung und dem Weiterverkauf eines Teils der geplünderten Waren. Einen Ausnahmezustand schloss der Premier nicht aus, hält ihn aber derzeit nicht für das richtige Mittel. Das sei eine schwerwiegende Maßnahme, sagte er. Ausgangssperren erschienen ihm angesichts der Lage besser geeignet.
Mindestens 3000 Geschäfte beschädigt
Nach Angaben der Regierung wurden mindestens 3000 Geschäfte beschädigt oder geplündert. Lecornu betonte, das „Chaos“ sei auf die Stadtzentren begrenzt und die Lage „geografisch sehr uneinheitlich“. „Meine Entschlossenheit, die Ordnung wiederherzustellen, sie ist absolut“, sagte er. Er werde alle Mittel einsetzen, die der Regierung zur Verfügung stehen, wenn es nötig sei. Betroffenen Unternehmen stellte er staatliche Hilfen in Aussicht.
Der Premier verteidigte das Vorgehen der Polizei. „Wir haben nichts zu verbergen, die Ordnungskräfte haben gute Arbeit geleistet“, sagte er. Bei den Menschen in Untersuchungshaft handle es sich vor allem um bereits polizeibekannte Männer. „Am Samstag gab es trotz schwerer Gewaltszenen und umfangreicher Sachschäden keine Todesopfer, und das ist ein Wunder.“
Tausende Festnahmen, Kritik an den Behörden
Landesweit nahm die Polizei laut Justizministerium am Wochenende mehr als 2300 Menschen in Gewahrsam. Allein in Paris kamen am Sonntag und in der Nacht zu Montag nach Angaben von Innenminister Laurent Nuñez weitere 350 Festnahmen hinzu. Es gab zahlreiche Verletzte. In Limoges brannte das Rathaus aus dem 19. Jahrhundert fast vollständig nieder.
Die Sicherheitskräfte stehen in der Kritik. Sie waren teils brutal gegen Demonstranten vorgegangen. Als geplündert wurde, standen offenbar nicht genug Beamte bereit. Nuñez räumte ein, die Behörden hätten in einigen Großstädten die Kontrolle verloren. Es habe an „vorausschauendem Handeln“ gemangelt. Er machte „Horden von Unruhestiftern und Plünderern“ sowie „linksextreme Aktivisten“ für die Gewalt verantwortlich und bot seinen Rücktritt an. Präsident Emmanuel Macron lehnte ab und verwies auf die Befehlskette in Polizei und Sicherheitskräften.
Macron hatte bereits am Sonntagabend ein hartes Vorgehen angekündigt: „Diejenigen, die versucht haben, die Republik zu stürzen, werden sich dafür verantworten müssen.“ Zugleich müsse man auf die Anliegen jener eingehen, die friedlich gegen die gestiegenen Lebenshaltungskosten demonstriert hätten.
Reaktionen aus Brüssel und Berlin
Die EU-Kommission verurteilte die Gewalt. „Brandstiftung, Plünderungen und Angriffe auf Menschen oder öffentliche Gebäude sind unannehmbar“, sagte ein Sprecher in Brüssel. Das Grundrecht auf friedlichen Protest müsse aber „geschützt werden“.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) machte der Bild zufolge Linksextremisten und Migranten für die Gewalt verantwortlich. „Wer Straßen in Schlachtfelder verwandelt, Polizisten angreift und Rathäuser anzündet, demonstriert nicht für bessere Bildung, sondern führt einen bewaffneten Kampf gegen die freiheitliche Gesellschaft und unseren Lebensstil“, sagte er. Das Auswärtige Amt rät Reisenden: „Verhalten Sie sich umsichtig und meiden Sie Demonstrationen, wenn möglich.“
Für kommenden Samstag sind neue Proteste angekündigt. Laut ARD-Korrespondent Michael Strempel handelt es sich um Aufrufe im Internet, nicht um angemeldete Demonstrationen großer Organisationen oder Gewerkschaften. Die Welt schreibt, die Gelbwesten hätten Demonstrationen angekündigt. (Quellen: dpa, ARD, bild.de, France Info) (han)