Stand: 26.08.2026, 18:59 Uhr
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Eine aktuelle Umfrage zeigt: In Russland halten 56 Prozent Stalin für einen großen Führer.
Moskau – Josef Stalin bleibt für viele Menschen in Russland eine positiv besetzte historische Figur. Mehr als die Hälfte der Befragten bezeichnet den sowjetischen Diktator inzwischen als „großen Führer“. Gleichzeitig nehmen offene Ablehnung und Angst vor Stalin seit Jahren ab.
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Dieser Artikel entstand in Kooperation mit newsinfive.de.
In einer am Dienstag (25. August) veröffentlichten Umfrage äußerten sich 59 Prozent positiv über Stalin. 44 Prozent begegnen ihm mit Respekt, acht Prozent mit Bewunderung und sieben Prozent mit Sympathie. Nur sieben Prozent äußerten negative Gefühle. Das geht aus einer landesweiten Erhebung des unabhängigen russischen Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum hervor.

Besonders deutlich fällt eine zweite Frage aus: 56 Prozent finden, Stalin sei ein großer Führer gewesen. 32 Prozent unterstützen diese Einschätzung vollständig, weitere 24 Prozent eher. Nur elf Prozent widersprechen.
Josef Stalin führte die Sowjetunion von Ende der 1920er-Jahre bis zu seinem Tod 1953 diktatorisch. Unter seiner Herrschaft wurden Millionen Menschen verfolgt, deportiert, in Straflager geschickt oder hingerichtet. Besonders die stalinistischen Säuberungen, Zwangskollektivierung und das Gulag-System stehen für massive staatliche Repression und zahlreiche Opfer.
Deutlicher Wandel seit 2016
Das Stalin-Bild hat sich in Russland über Jahrzehnte deutlich verändert. Im März 2016 bezeichneten 28 Prozent der Befragten Stalin als großen Führer. Heute sind es 56 Prozent – ein Anstieg um 28 Prozentpunkte, wie das Lewada-Zentrum berichtet. Bereits 2023 hatte die positive Einstellung zu Stalin mit 63 Prozent einen bisherigen Höchstwert erreicht.
Vor allem Männer und ältere Menschen äußern sich positiv. Unter den Befragten ab 55 Jahren halten 63 Prozent Stalin für einen großen Führer. Bei Landbewohnern sind es 60 Prozent. Auch Menschen, die die Arbeit von Präsident Wladimir Putin unterstützen, stimmen dieser Einschätzung überdurchschnittlich häufig zu.
Jüngere Russen und Bewohner Moskaus reagieren dagegen häufiger zurückhaltend. Unter den Befragten unter 40 Jahren nimmt ein vergleichsweise großer Anteil eine neutrale Haltung ein. Eine offen negative Einstellung findet sich häufiger bei Menschen, die Putins Amtsführung ablehnen.
Meinungen in Russland und Ukraine liegen auseinander
Besonders groß ist der Unterschied zur Ukraine. Das Kiewer Internationale Institut für Soziologie stellte im Juni 2026 dieselben Fragen. Während in Russland 59 Prozent Stalin positiv beurteilen, sind es in der Ukraine nur drei Prozent. Dort äußern 57 Prozent eine negative Haltung, in Russland lediglich sieben Prozent.
Auch beim Bild vom „großen Führer“ gehen die Meinungen weit auseinander. In Russland stimmen 56 Prozent dieser Beschreibung zu, in der Ukraine sieben Prozent. 62 Prozent der ukrainischen Befragten lehnen sie ab.
Historiker: In Putins Russland wird Geschichte „kuratiert“
Die Daten passen zu einer gesellschaftlichen Entwicklung: Der Politikwissenschaftler und Historiker Alexey Uvarov beschreibt in einer Analyse für die Friedrich-Ebert-Stiftung einen langfristigen Wandel der russischen Erinnerungspolitik seit dem Ende der Sowjetunion. In den 1990er-Jahren wurde die stalinistische Vergangenheit zunächst vergleichsweise offen aufgearbeitet.
Während der Präsidentschaft Dmitri Medwedews habe es begrenzte Versuche einer Entstalinisierung gegeben. So verurteilte Medwedew 2009 öffentlich die stalinistischen Säuberungen, sein Menschenrechtsrat arbeitete später an einem Entstalinisierungsprogramm.

Auch unter Wladimir Putin erinnerte der Staat an die Opfer politischer Repression. 2017 eröffnete Putin etwa die „Mauer der Trauer“ in Moskau. Zugleich sieht Uvarov in der längerfristigen Entwicklung eine zunehmende Würdigung der Verantwortlichen des sowjetischen Terrors. „In Wladimir Putins Russland wird Geschichte nicht erinnert, sondern kuratiert“, schreibt er.
Das staatliche Geschichtsbild verbinde die Ehrung der Opfer mit der Verherrlichung ihrer Verfolger. Das Lewada-Zentrum befragte vom 21. bis 28. Juli 2026 insgesamt 1.612 Erwachsene in Städten und ländlichen Gebieten Russlands. Quellen: Friedrich-Ebert-Stiftung, Lewada-Zentrum, nif/red.