Stand: 18.07.2026, 06:00 Uhr
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Die gemeinnützige Starthaus-Gesellschaft in Offenbach hat ein Darlehen von einer Million Euro an Erasmus vergeben. Jetzt streichen Bund und Land die Förderung für Integrationskurse – und Starthaus ist in finanzielle Schieflage geraten.
Offenbach – Starthaus ist eine feste Größe in Offenbach: Die gemeinnützige Gesellschaft erhielt 2019 den Integrationspreis der Stadt für ihre Arbeit. Zwei Kitas sind in ihrer Trägerschaft, Integrationskurse und Sozialarbeit der von Andrea Egerer gegründeten Gesellschaft sind weithin anerkannt. Gemeinsam mit der ebenfalls gemeinnützigen Offenbacher Erasmus-Gesellschaft verantwortet Starthaus zudem die Marie-Bloch-Schule.
Der Wegfall vieler Integrationskurse führte zu einem starken Einbruch der Einnahmen.
Doch genau das Verhältnis zu Erasmus sorgt nun für Ärger: Starthaus-Mitarbeiter fürchten, dass ihrer Gesellschaft die Insolvenz droht, da Erasmus, so der Vorwurf, Geld abzieht. Starthaus zählt zur Erasmus-Holding GmbH, Gründerin Andrea Egerer hatte Anfang der 2020er Jahre den Erasmus-Offenbach-Geschäftsführer Rolf Schmidt gebeten, die Gesellschaft als Teil der Holding zu übernehmen. „Sie wollte ihr Lebenswerk damit schützen und für die Zukunft bewahren“, sagt eine Mitarbeiterin gegenüber unserer Zeitung.
Inzwischen darf das Verhältnis von Egerer und Schmidt als zerrüttet bezeichnet werden: Egerer wurde von Schmidt vor einigen Tagen fristlos gekündigt und erhielt Hausverbot, wie sie berichtet und wie mehrere Mitarbeiter, die aus Furcht vor persönlichen Konsequenzen jedoch nicht namentlich in der Zeitung genannt werden wollen, bestätigen.
In einem Schreiben erheben Starthaus-Mitarbeiter schwere Vorwürfe gegen Erasmus: Die Insolvenz von Starthaus wird befürchtet. Andrea Egerer bestätigt die Befürchtungen: Rund 300.000 Euro würden derzeit fehlen, die Gehälter für Juli oder spätestens August stünden auf der Kippe. Erschwerend käme hinzu, dass der Mitarbeiter, der für das Controlling und die Meldung der Gehälter an das Finanzamt zuständig sei, ebenfalls Hausverbot erteilt bekommen habe. Eine Anfrage zu den Gehaltszahlungen blieb von Erasmus bisher unbeantwortet.
Als Ursache für die finanzielle Schieflage vermuten die Mitarbeiter in ihrem Schreiben ein Darlehen in Höhe von einer Million Euro, welches Starthaus Erasmus gewährte: Der Vergabe von Darlehen durch gemeinnützige Gesellschaften sind jedoch enge Grenzen gesetzt, außer es handelt sich um freie Rücklagen. Schmidt bestätigt auf Nachfrage, dass ein solches Darlehen aus Rücklagen 2024 gewährt wurde. Hintergrund war der Bau der Erasmusschule auf dem Gelände des ehemaligen Polizeipräsidiums.
Starthaus habe „in den vergangenen Jahrzehnten als Bildungseinrichtung sehr erfolgreich gearbeitet. Die Bilanz von 2024 wies frei verfügbare Rücklagen von zwei Millionen Euro in Form von Bankguthaben aus“, schreibt Schmidt. Da durch steigende Baupreise der Neubau der Schule den bisherigen Finanzrahmen weit überstieg – ursprünglich wurden 20 Millionen Euro angesetzt –, gewährte Starthaus Erasmus ein verzinsliches Darlehen.
Egerer erwähnt allerdings, dass Erasmus Probleme mit dem Bankkredit für den Schulbau hatte. Deshalb seien eine Million Euro als Eigenleistung in Form von „Elternbeiträgen“ tituliert gewesen, die es aber nicht gegeben habe. Daher sei rund eine Million Euro aus den Starthaus-Rücklagen angefragt worden. Auf zehn Jahre sei die Tilgung festgelegt worden.
Soweit wäre der Vorgang wohl unproblematisch, doch nun kommt die schlechte Haushaltslage von Bund und Land hinzu: Im vergangenen Jahr strich die Main-Arbeit verschiedene Aufträge für Starthaus, da der Bund die Förderung von Sprachkursen zur Integration abschaffte. „Das Starthaus ist von dieser Kürzung in ihrem Bildungsangebot massiv betroffen. Der Wegfall vieler Integrationskurse führte zu einem starken Einbruch der Einnahmen aus den Sprachkursen“, schreibt Schmidt. Zum Zeitpunkt der Darlehensvergabe sei diese Entwicklung nicht abzusehen gewesen.
Um aus der Schieflage herauszukommen, fordern Starthaus-Mitarbeiter gegenüber der Redaktion die sofortige Rückzahlung des Darlehens. Es sei „gezielte Täuschung“, schreiben Mitarbeiter in einem Antwortbrief auf ein Rundschreiben von Schmidt, die drohende Insolvenz nur auf die Kürzungen der Bundesregierung zu schieben. Egerer erwähnt, dass sie wegen bestimmter finanzieller Transaktionen der vergangenen Monate durch Erasmus inzwischen die Staatsanwaltschaft kontaktiert habe. Genauer möchte sie aber auch auf Nachfrage nicht werden. Eine Anzeige liegt der Staatsanwaltschaft noch nicht vor, schreibt diese.
Über die Frage, wie es weitergehen soll, gehen die Darstellungen unterdessen weit auseinander: Mehrere Mitarbeiter berichten übereinstimmend, dass Schmidt auf einer Betriebsversammlung Ende Juni gesagt habe, dass Starthaus laut einer Wirtschaftsprognose nicht mehr zu retten wäre. „Wir seien ein auslaufendes Geschäftsmodell, in das er keinen Cent mehr hineinstecken möchte“, sagt Egerer.
Schmidt dagegen schreibt auf Nachfrage: „Starthaus, das Lebenswerk zahlreicher sehr engagierter Pädagoginnen und Pädagogen, die so vielen Menschen geholfen haben, an unserer Gesellschaft teilzuhaben, soll fortbestehen.“ Man sei dabei, neue Aufträge zu akquirieren und Kosten zu senken. Obwohl inzwischen entlassen, sucht auch Egerer nach Aufträgen für Starthaus. Denn: „Ich kann doch meine Firma nicht im Stich lassen.“ Der Ausgang ihrer Bemühungen ist ebenso wie die Zukunft von Starthaus ungewiss.
Ich kann doch meine Firma nicht im Stich lassen.