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Kaum ist die Ladentür geöffnet, kommen auch schon die ersten Bücherfreunde. Die einen bestellen einen Kaffee, bevor sie sich in die Sessel am Schaufenster setzen, andere gehen sofort zu den Regalen und fangen an zu stöbern. Ein älteres Paar bringt zwei schwere Taschen mit, sie wollen ihre literarischen Schätze loswerden. Seit einem Jahr geht das jetzt so im Antiquariat Hennwack an der Feuerbachstraße 26.
Das einst größte Antiquariat in Berlin, wenn nicht sogar in Deutschland, war zuvor in der Albrechtstraße zu finden. Nachdem der Inhaber altersbedingt aufgeben wollte, übernahm eine Buchgenossenschaft von 13 jungen Menschen den Bestand und führte ihn weiter. Zwar konnten sie nur ein Drittel der mehr als 400.000 Bücher behalten, weil sie in dem ehemaligen Fahrradladen an der Feuerbachstraße nur noch etwa 250 Quadratmeter Ladenfläche haben.
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Zuvor, in der Albrechtstraße, verteilten sich die Bücher auf etwa 1000 Quadratmetern in einem stillgelegten Druckhaus. Aber nicht nur der Name ist geblieben, sondern auch die Liebe zum bedruckten Papier, oder wie manche Antiquare auch gern sagen: zum Altpapier.

Besucher können es sich auf den beiden Kinostühlen zwischen den Regalen bequem machen und in Ruhe stöbern.© Katrin Lange | Katrin Lange
Ein Jahr Hennwack in der Feuerbachstraße – das soll jetzt am Samstag, 8. August, gefeiert werden. Das Glücksrad ist schon aufgebaut, natürlich gibt es Bücher zu gewinnen. Ab 12 Uhr bis Open End wird es Live-Musik am Klavier und von einem DJ geben, Getränke, Essen und Eis und natürlich Bücher. Der Laden öffnet bereits wie immer um 10 Uhr.
Stammkunde Ingo Kuhnt findet oft, was er nicht gesucht hat
An diesem Vormittag ist auch Ingo Kuhnt unter den ersten Besuchern. Der 62-Jährige ist mittlerweile Stammkunde, mindestens einmal die Woche kommt er in den Laden. „Hier finde ich immer was“, sagt der Hausmeister und Fotograf, der gleich um die Ecke wohnt. Vor allem stolpere er oft über Sachen, die er gar nicht gesucht hat. Er stöbere gern im Regal mit den Fotobüchern und Bildbänden, seine Frau in der Judaistik-Abteilung, die hier einen großen Platz hat, erzählt er.
Auch an diesem Tag hat er schon eine Entdeckung gemacht: einen großformatigen Bildband mit Fotos von Robert Capa, der als Kriegsreporter bekannt wurde. Mit zehn Euro ist er ausgepreist, völlig in Ordnung für den Steglitzer. „Das macht Spaß hier, es gibt gute Bücher, einen guten Kaffee und gute Preise“, sagt Ingo Kuhnt.
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Mit den jungen Menschen der Buchgenossenschaft, die teilweise noch studieren oder auch anderen Jobs nachgehen, sind neue Zeiten im Antiquariatsgeschäft angebrochen. Zwar sorgen noch immer verwinkelte Gänge mit endlosen Regalen, in denen die Bücher nach Themen und Sachgebieten geordnet sind, für das vertraute Antiquariatsgefühl.

Gleich im Eingangsbereich ist ein großer Tisch mit Neuerscheinungen aufgebaut.© Katrin Lange | Katrin Lange
Aber im Eingangsbereich gibt es jetzt auch einen Kaffeetresen, Neuerscheinungen und eine gemütliche Lese-Ecke. Im Vorgarten stehen ebenfalls Tische und Stühle, damit die Kunden bei schönem Wetter draußen sitzen und sich einen ersten Eindruck von den Büchern verschaffen können.
Wir konnten uns sogar früher als gedacht einen Lohn zahlen.
Fritjof Stiller,, Buchgenossenschaftsmitglied
Viel ist passiert in dem ersten Jahr. Die angemietete Lagerfläche im brandenburgischen Fürstenberg konnte aufgegeben werden. Mittlerweile sind alle Bücherkisten in Berlin, einige allerdings noch im Keller. Das Angebot an Neuerscheinungen aus dem aktuellen Buchhandel haben sie nach und nach vergrößert, „denn wir sind nicht nur ein Antiquariat, sondern auch eine normale Buchhandlung“, erklären Fritjof Stiller und Lutz Vössing, Mitglieder der Genossenschaft. So kann auch jede Neuerscheinung im Buchhandel für die Kunden bestellt werden.

Das Glücksrad haben Fritjof Stiller (l.) und Lutz Vössing schon aufgebaut. Am Samstag gibt es dort Bücher zu gewinnen.© Katrin Lange | Katrin Lange
Was gut läuft, seien die Abteilungen für Belletristik, Geisteswissenschaften und Philosophie, erzählen die beiden. Und natürlich auch die Berlin-Literatur, speziell aus dem Südwesten. Letztens hatten sie einen Bildband von Friedenau angekauft, der hat genau einen Tag im Laden gestanden, dann war er weg. Das Publikum spiegelt den Bezirk wider, berichten sie. Also viele ältere Menschen, aber auch junge Leute, die sich hier treffen, zusammensitzen und über Bücher reden. Und natürlich auch Familien. „Es gibt auch einen Kunden, der kommt mir dem Taxi an und lässt sich wieder mit dem Taxi abholen“, sagt Lutz Vössing.
Umzugskosten und Miete mussten erwirtschaftet werden
Sie hatten sofort einen guten Start. Umzugskosten und Miete mussten erwirtschaftet werden. Aber sie haben es nicht nur geschafft, kostendeckend zu arbeiten. „Wir konnten uns sogar früher als gedacht einen Lohn zahlen“, sagt Fritjof Stiller. Was besonders gut geht, überrascht die Genossenschaftler immer wieder. „Mal sind es Krimis und Romane, mal schleppt ein Kunde einen Stapel an Mathematikbüchern oder Schach-Literatur raus aus dem Laden“, so Stiller.
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Was sie auch bemerkt haben, sind die auffällig umfangreichen Online-Ankäufe aus dem Ausland. Ganze Bücherkisten werden bestellt, „meist von Büchern mit einer ISBN-Nummer aus den 1970er-Jahren“. Für Antiquare ist das unattraktive Massenware, da die Bücher in hohen Auflagen erschienen sind. Aber nach mehreren öffentlichen Berichten vermuten die beiden Genossenschaftler, dass auch ihre Ware an eine KI-Firma verkauft wird, die sie dann digitalisiert, um die KI mit Wissen zu füttern. Noch wissen sie nicht, was sie davon halten sollen. Zwar finden sie es gut, dass damit der Inhalt der Bücher nicht verloren geht. Aber was genau damit passiert, weiß heute noch niemand so genau.