Milliarden-Sparkurs bei VW: Warum der Stellenabbau hunderte Zulieferer in NRW unter Druck setzt

Rund 800 Unternehmen mit etwa 200.000 Beschäftigten gehören laut der Plattform "Automotiveland NRW“ zur Autozulieferbranche in NRW: vom großen Filterhersteller Hengst in Münster und Nordwalde über Kunststoff- und Metallverarbeiter im Ruhrgebiet bis hin zu Spezialisten für Innenraum- und Motorraumkomponenten wie Autoneum mit einem Standort in Bocholt.

Sie liefern Teile, Elektronik, Materialien und Anlagen unter anderem auch für VW. Wenn der Konzern weniger Autos baut, spüren das viele dieser Betriebe über kurz oder lang in ihren Auftragsbüchern.

VW-Sparkurs: weniger Produktion, hoher Kostendruck

Der VW-Aufsichtsrat hat ein Spar- und Transformationsprogramm beschlossen, das den Konzern auf eine Jahresproduktion von rund neun Millionen Fahrzeugen trimmen soll. Das sind etwa eine Million weniger als zur Zeit und drei Millionen weniger als vor der Corona-Pandemie. Gleichzeitig sollen die Kosten massiv sinken und die Rendite steigen.

Kern des Plans ist der Abbau weiterer 50.000 Stellen weltweit. Konzernchef Oliver Blume sieht den Umbau als Voraussetzung, um Elektroautos, Software und neue Technologien in großem Stil finanzieren zu können. Er sprach bei Bekanntgabe von einem "starken Signal für die Zukunft des Volkswagen-Konzerns".

VW-Chef Oliver Blume sitzt an einem Konferenztisch
"Wir übernehmen Verantwortung für unser gesamtes Team, für unsere Partner und für Industriearbeitsplätze weltweit." Oliver Blume, Konzernchef VW

VW will zwischen 2027 und 2031 rund 135 Milliarden Euro in Sachanlagen sowie Forschung und Entwicklung investieren.

Für die deutsche Autoindustrie bedeutet das: Ein Großkonzern reduziert dauerhaft Kapazitäten und das, obwohl die Transformation zur Elektromobilität eigentlich zusätzliche Investitionen erfordert. Die Unternehmensberatung BCG kommt schon länger zu dem Schluss, dass in Europa strukturell zu viel produziert wird. Branchenanalysen beziffern die Überkapazitäten in Europa auf mehr als fünf Millionen Fahrzeuge jährlich. Das entspräche rechnerisch der Kapazität von mehr als einem Drittel der europäischen Werke.

Werke in Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm auf der Kippe

Für diese vier Werke in Deutschland sieht VW mittelfristig keine wirtschaftlich tragfähige Produktion. Schließungen sind nicht beschlossen, aber auch nicht ausgeschlossen. Parallel sollen "alternative Verwendungsmöglichkeiten" geprüft werden. Im Gespräch sind etwa Rüstungsaufträge oder die Fertigung chinesischer VW-Modelle in Deutschland.

Für Zulieferer in NRW ist das ein Warnsignal. Wenn ganze Standorte unsicher werden, geht es nicht nur um direkte VW-Jobs, sondern um komplette Lieferketten: weniger Modelle, weniger Stückzahlen, geringere Abrufe. Darüber klagen Zulieferbetriebe in NRW schon jetzt. Die Produktion in der Autoindustrie nimmt deutschlandweit ab. Hier sind nach jüngsten Zahlen auch zehntausende Jobs in Hersteller- und Zulieferbetrieben weggefallen.

Chancen für flexible Betriebe in NRW

Der Hersteller von Filtersystemen Hengst in Münster hat sich schon vor Jahren breiter aufgestellt und beliefert inzwischen auch andere Branchen. Autoneum, Hersteller für Innenraum- und Motorraumkomponenten, hat inzwischen weltweit Kunden und engagiert sich noch stärker in der Elektromobilität. Solche Strategien können helfen, Schwankungen bei der VW Nachfrage abzufedern.

Für viele mittelständische Zulieferer ist die Lage trotzdem schwierig: Sie müssen gleichzeitig den Wechsel vom Verbrenner zum Elektroauto finanzieren, mit hohen Energie- und Personalkosten klarkommen und bekommen nun zusätzlichen Preisdruck von ihren großen Kunden. Gerade in Regionen mit hoher Industriedichte kann das schnell zu einem Standort- und Beschäftigungsproblem werden.

Experten: Sparen reicht VW nicht

Branchenexperten wie Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management bezweifeln, dass Einsparungen allein Volkswagen aus der Krise führen. Er fordert mehr Investitionen in neue Wachstumsfelder wie autonomes Fahren und Robotik. Ohne einen grundlegenden „Mindset-Change“ werde VW kaum wieder wettbewerbsfähig.

Stefan Bratzel
"Das Thema Software und Künstliche Intelligenz wird zum Beispiel ein immer wichtigeres Thema werden. Auch in der Autoindustrie. Wenn man das nicht schafft, werden wir uns schon bald wieder über Sanierungen Gedanken machen müssen." Stefan Bratzel, Center of Automotive Management

Für NRW heißt das: Der Erfolg des Konzerns entscheidet mit darüber, wie stabil die Zulieferbetriebe hier im Land durch die nächsten Jahre kommen. Am Ende zählt, ob Volkswagen wieder Fahrzeuge auf die Straße bringt, die technologisch mithalten können und sich profitabel verkaufen lassen. Genau davon hängt ab, wie viele Aufträge, Investitionen und Arbeitsplätze in Nordrhein-Westfalen langfristig gesichert sind.