Strand ja, Badeurlaub nein: Unterwegs auf Irlands wildester Küstenstraße

Reise

Strand ja, Badeurlaub nein: Unterwegs auf Irlands wildester Küstenstraße

Genug von Hitzewellen wie jener im Sommer 2026? Wir empfehlen den Wild Atlantic Way entlang der Westküste Irlands zur Abkühlung

Harald Sager

Der Wild Atlantic Way bietet mit mehr als 2.600 Kilometern Länge ein kontrastreiches Roadmovie über Irland.
Der Wild Atlantic Way bietet mit mehr als 2.600 Kilometern Länge ein kontrastreiches Roadmovie über Irland.

Der Name William Butler Yeats ist außerhalb von Anglistikseminaren nicht allzu geläufig. In Irland dagegen kennt ihn jeder, nicht nur weil der Mann im Jahr 1923 den Nobelpreis erhielt. Ich stehe vor Yeats’ einfachem Grab am Friedhof von Drumcliffe, etwas außerhalb der Küstenstadt Sligo im nördlichen Irland, auf dem Grabstein stehen die Verse "Cast a cold eye / On life, on death. / Horseman, pass by!" („Wirf einen kalten Blick / Auf das Leben, auf den Tod. / Reiter, zieh vorbei!“)

Es sind nur ein paar vielleicht lakonische, vielleicht stoische, aber jedenfalls poetische Worte, die den Lebenden, der sie liest, ganz unmittelbar ansprechen, ob er nun mit dem Auto, dem Bus oder auf dem Pferd hierhergekommen ist. Es sind zugleich die letzten Zeilen des Gedichts "Under Ben Bulben", worin Yeats verfügte, genau hier, nämlich am Fuße des markanten Tafelbergs dieses Namens, beigesetzt zu werden – was im Jahr 1948 geschah.

Drumcliffe und der Ben Bulben sind zwei von 14 Stationen des Yeats Trail. Überhaupt sei das ganze Umland von Sligo "Yeats Country", erklärt Susan O’Keeffe, Direktorin der Yeats Society: "William war zwar aus der Grafschaft Dublin, verbrachte aber als Kind und Jugendlicher viel Zeit hier, in der Heimat seiner Mutter Susan. In diesen weitläufigen Landschaften mit markanten monolithischen Erhebungen wie dem Bulben und dem Knocknarea, mit der ungezähmten Küste und den steinzeitlichen Überbleibseln – etwa dem megalitischen Carrowmore-Friedhof, einer Ansammlung von bis zu 6.000 Jahre alten Steingräbern –, erwachte sein poetischer Geist." Das Haus an der Hyde Bridge in der Ortsmitte von Sligo ist voll mit Memorabilia von Yeats, aber auch anderer Familienmitglieder. Sie waren allesamt künstlerisch begabt.

Strandurlaub – nicht wirklich

Da ich von Dublin eben erst in Sligo angekommen bin, habe ich die "wilde, ungezähmte Küste", von der Susan O’Keeffe sprach, noch gar nicht gesehen. Also auf nach Strandhill, dem nächstgelegenen Strand! Zur Linken liegt bei Flut ein Kiesel-, zur Rechten ein Sandstrand. Gleich am Eingang steht ein Schild, das wegen der Strömungen vor dem Schwimmen warnt. "Gut, aber was macht man dann hier?", frage ich jemanden, der gerade auf den Strandhill Gold Course zusteuert: "Golf spielen natürlich. Die Leute gehen aber auch surfen und segeln. Nur geschwommen wird hier nicht – der wilde Atlantik heißt nicht umsonst so!"

Sligo ist der Ausgangspunkt meiner Tour entlang des Wild Atlantic Way (WAW). So nennt sich die Panoramaroute entlang der gesamten Atlantikküste Irlands zwischen der Halbinsel Inishowen am nördlichsten Zipfel der Grafschaft Donegal und Kinsale im Süden, da, wo der Atlantik in die Keltische See übergeht. Aber so olympisch, dass ich die gesamten 2.600 Kilometer abfahren würde, bin ich nicht. Ich beschränke mich auf vier Tage mit den Etappen Sligo im Norden, Westport, Achill Island und Connemara, annähernd in der Mitte des WAW, gut 1.100 Fahrkilometer. Es ist, wenn man vom Linksverkehr absieht, ein Kinderspiel, ich brauche ja nur dem WAW-Logo mit den weißen Zacken vor blauem Hintergrund zu folgen. Wären da nicht die einspurigen, von Sträuchern eingefassten und von Baumkronen förmlich überwucherten Straßen. Wenn ein Fahrzeug entgegenkommt, was nicht oft passiert, ist das jedes Mal ein kleiner Schreck. Dafür sind glücklicherweise Buchten zum Ausweichen geschaffen worden.

Sligo ehrt den Dichter William Butler Yeats mit einem Wandgemälde.
Sligo ehrt den Dichter William Butler Yeats mit einem Wandgemälde.

Immer wieder bekomme ich schöne, kilometerlange Strände zu sehen. Da und dort sind Warnschilder angebracht, aber an einigen Stellen postieren auch Strandwächter. Einem Schwimmer bin ich nur ein einziges Mal begegnet. Sally, die Rezeptionistin meines Hotels in Achill Island, meinte: "Zum Schwimmen ist es zu windig, zum Eisbaden zu warm." Wir sprechen von zwölf Grad Wassertemperatur. Kurz, der irische Atlantik ist nicht die naheliegendste Destination für einen Strandurlaub. Das Killerargument könnte sein, dass ich von der Klippe von Ceirde Fields aus Haie kreisen gesehen habe.

Ceirdre Fields ist ein archäologisches Areal im Moorland oberhalb der Steilküste mit Überresten von Steinmauern, Wohnstätten und Gräbern –, die auf etwa 5.700 Jahre datiert werden. Entdeckt wurden die Fields nur durch Zufall im Jahr 1934 beim Torfstechen, als der örtliche Schulmeister, Patrick Caulfield, erkannte, dass die freigelegten, ordentlich angelegten Steinbrocken eine Bedeutung haben mussten.

Auf dieser Tagesetappe erreiche ich auch Westport. Ein belebter Ort mit zahlreichen Geschäften, Pubs und Restaurants, die im englischen und irischen Fachwerkstil eingerahmt sind. Darunter auch so manches Strickwarengeschäft mit Sakkos und Pullovers im Donegal Tweed, dem "Signature"-Stoff der nördlichsten Provinz des Landes. Sie sind ganzjährig ein Renner, denn ein kühler Wind kann auch mitten im Sommer pfeifen.

Die Stadt ist voll mit fidelen irischen und englischen Senioren, die sich anscheinend die Besteigung des kegelförmigen Croagh Patrick zutrauen. Es ist ein heiliger Berg der Iren, denn Saint Patrick soll hier, in Nachahmung Jesus, vierzig Tage und Nächte gefastet haben. Daher mischen sich unter die Wanderer auch Pilger, die hartgesottensten besteigen den unangenehmen Geröllweg barfuß. Oben locken eine Kapelle und ein grandioser Blick über die Inselchen der Bucht, 365 Stück sollen es sein. Wer hat sie gezählt? Die Geografen, nicht ich. Während meines Aufenthalts hat sich der Croagh in Nebel gehüllt.

Land der Dichter

Die Iren lieben ihre Dichter: W. B. Yeats, James Joyce, zu dessen Andenken alljährlich der volksfestartige Bloomsday (nach Leopold Bloom, dem Protagonisten des Ulysses) abgehalten wird), aber auch Samuel Beckett. Dabei lebten die beiden Letzteren den größten Teil ihres Lebens nicht einmal in Irland, und Beckett schrieb auch auf Französisch. Egal, sie waren Iren. "In einem Land, das seine Geistesarbeiter so sehr schätzt, da lasse ich mich nieder und ergattere eines Tages vielleicht auch den Nobelpreis", mag sich Böll gedacht haben. 1972 bekam er den Preis tatsächlich.

Ganz so war es aber nicht. Böll suchte nur einen möglichst abgelegenen Ort für fokussierte Denkarbeit fernab des westdeutschen Literaturbetriebs. Sein Cottage erwarb er 1958 auf der Halbinsel Achill Island. Ein aus zwei Einheiten bestehendes Ensemble am Rande des Küstenörtchens Doogort, weiß verputzt und mit grauem Schieferdach, wie es entlang der Atlantikküste typisch ist. Es wird für Besucher nicht geöffnet, sondern von der Heinrich-Böll-Stiftung für Artists in Residence genutzt.

Dafür gibt es auf Achill ja noch genügend anderes zu sehen, zum Beispiel die Überreste von Slievemore. Seit annähernd 6.000 Jahren sei die Gegend besiedelt, klärt mich die Infotafel auf, aber Mitte des 19. Jahrhunderts mussten die Bewohner ihr Dorf im Gefolge der Großen Hungersnot aufgeben. Der Friedhof steht noch, auf dem Gelände mit den aufragenden Steinhausruinen schmausen Schafe vom wassergetränkten Weidegras. Sie tragen bunte Farbmarkierungen auf den Fellen, um sie ihrem jeweiligen Besitzer zuzuordnen und sind überall anzutreffen – auch auf den Landstraßen, wo sie ganz ungeniert dahintrotten.

In Westport ist in vielen Geschäften Donegal Tweed, hochwertige Wolle für kühle Sommer, zu finden.
In Westport ist in vielen Geschäften Donegal Tweed, hochwertige Wolle für kühle Sommer, zu finden.

Kein Beach Feeling

Danach geht es auf der Landstraße hoch über dem Meer nach Keem Beach, dem westlichsten befahrbaren Punkt der Insel. Der Strand gilt als der schönste der Insel, es ist ein schmaler Streifen zwischen aufragendem Heideland. Wie sich das Beach-Erlebnis anfühlt, kann ich nicht sagen, denn als ich dort stehe, regnet es, die Ufer sind ein weißes Band aus Gischt, die Wolken haben die kahlen Erhebungen der Insel verschluckt, und der Wind bläst mich fast davon, während ich doch nur ganz harmlos fotografieren will.

Wer die höchsten Klippen Irlands, nämlich den Cliffs of Croaghaun, sehen möchte, muss sich zu Fuß auf den Weg machen. Das kann, je nachdem, welche Route man durch das nicht markierte
Gelände einschlägt, einige Stunden dauern und mühsam sein, denn sie reichen bis auf 688 Meter.
Aber die Ausblicke auf die rauen, schwindelerregend steil abfallenden Klippen und die großen
Horizonte machen es wett.

Ich danke jedem Sonnenfenster, das durch die Wolkendecke bricht und das sattgrüne Land mit seinen violetten wilden Rhododendronbüschen und dem leuchtend gelben Ginster prächtig
erstrahlen lässt. Mein Fazit: Der WAW, ja, unbedingt, gerne noch mehr Etappen. Aber keine Sonne erwarten, sondern froh sein, wenn sie da ist. Und, vor allem: Regenschutz nicht vergessen! (Harald Sager, 20.9.2026)

Forum: 22 Postings

Ihre Meinung zählt.

Die Kommentare im Forum geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Benutzer:innen können diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H. vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.