KI-Stimme. Info
Liebe Leserin, lieber Leser,
ich habe überhaupt nichts gegen eine Bratwurst mit Senf im knackigen Brötchen. Wenn sie frisch vom Grill kommt, dann wird sogar mein Veggie-Herz weich. Ich will sie nur nicht jeden Tag essen müssen, weil es nichts anderes gibt.

Die Bratwurst, ob aus Nürnberg oder Thüringen, dieses typisch deutsche Kulturgut, ist ein Wahlkampfschlager geworden. Bei Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt hat die Bratwurst besonders gut funktioniert. Als Spitzenkandidat der extrem rechten AfD hat er sich hindurchgefressen, grinsend auf der Simson winkte er in der Hitze dieses Sommers den schmatzenden Leuten zu – und erklärte dabei, wie schön der Klimawandel sei. Was es mit der Simson auf sich hat, diesem Zweitakter-Moped aus Suhl, damit hat sich unsere Ost-Korrespondentin Doreen Reinhard beschäftigt. Übrigens: Die jüdische Gründerfamilie wurde von den Nazis enteignet und zur Flucht gezwungen.

Birgitta Stauber, Textchefin © Montage | FMG/Reto Klar/FFS
Die Simson-Abgase hängen wie Cannabis-Schwaden in der Luft
Wie ich heute die knatternde Simson wahrnehme, wenn ich in Brandenburg unterwegs bin, wo sie die Jugendlichen lieben: Die Abgase hängen so zäh in der Luft wie die Cannabis-Schwaden, die in meinem Berliner Kiez die Nachbarn hinterlassen, während sie mit ihrem Hund Gassi gehen. Natürlich kommen mit dem Einatmen der Abgase Erinnerungen hoch. War doch so schön früher im Sommer. Vielleicht blühte am See, zwischen Moped und Bratwurst, die erste Liebe.
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Bei mir sorgen Abgase seit jeher für Übelkeit. Mir war einfach immer schlecht: auf dem Weg nach Italien mit fünf Leuten im Mittelklasse-Wagen der 1970er-Jahre, als der Vater zur Zigarette am Steuer das Fenster einen Spalt öffnete. Auf dem Sozius der KTM Enduro, mit der mich mein erster Freund von zu Hause abholte. Und erst recht im Bus, mit dem ich vom Freibad nach Hause fuhr, nach zu viel Sonne, zu viel Chlor und zu viel Pommes mit Mayo. Wahrscheinlich hätte ich die Fahrt mit der Simson trotzdem ganz cool gefunden und erst recht den See in der Nachbarschaft, den ich mir immer gewünscht habe, den es aber im Dortmunder Westen, wo ich aufgewachsen bin, nicht gibt.
Kein Wahlkampf ohne Bratwurst
Zurück zur Bratwurst. Die gehört auch in Mecklenburg-Vorpommern zum Wahlkampf, und die Bürgerinnen und Bürger greifen zu, als ob sie damit konditioniert werden könnten wie der Pawlowsche Hund: Dem wurde im Versuch so lange die Glocke zur vor der Nase hängenden Wurst geläutet, bis er ohne Wurst anfing zu sabbern, sobald er eine Glocke hörte.
Entschuldigen Sie den Exkurs in die Entwicklungspsychologie, aber was folgt aus dem Bratwurst-Trend? Dass den Bürgern künftig das Wasser im Mund zusammenläuft, sobald sie einen Wahlstand sehen? Und je mehr Wahlstände einer Partei sie sehen, desto eher sind sie bereit, dort ein Kreuz zu machen?
Ganz in Rot gegen die blaue Welle: So kämpft Manuela Schwesig
Das ist übrigens kein AfD-Trick: Auch Manuela Schwesig ködert mit der Bratwurst, während sie über die hohen Spritpreise schimpft und sich auch ansonsten von der schwarz-roten Bundesregierung absetzt.

SPD-Spitzenkandidatin Manuela Schwesig bei der Abschlusskundgebung vor der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern. © IMAGO/Chris Emil Janssen
Wie es scheint, hat sie mit ihrem personalisierten Wahlkampf samt Slogan „Die Frau gegen Blau“ sogar beste Chancen, ihren Rechtsaußen-Konkurrenten Leif-Erik Holm hinter sich zu lassen – übrigens, obwohl die SPD im übrigen Deutschland ihren Status als Volkspartei längst verloren hat.
Zum völkischen Liedgut wummern die Bässe
Neben der Bratwurst gibt es noch eine Trickkiste, aber die hat nur die AfD drauf. Zum Teil völkische Texte hämmert sie ihren Anhängern mit Techno-Beats ein. KI-generiert über die Wahlkampf-Lautsprecher, im Netz abrufbar. Christian Unger beschreibt, wie Liedern, die schon im Nationalsozialismus populär waren, wummernde Bässe unterlegt werden, damit die Party richtig abgeht.

Ulrich Siegmund feiert mit seinen Anhängern seinen Wahlsieg. © AFP | Ronny Hartmann
Jetzt aber genug von diesem Wahlkampfgetöse. Ohnehin wird uns alle in den kommenden Wochen noch beschäftigen, wie sich die Regierungen in Magdeburg, Schwerin und Berlin künftig zusammensetzen. Und was aus der Bundesregierung wird.
Erdogan will die klassische Familie – und drangsaliert die queere Community
Bei allem, was jetzt kommt: Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft so vielfältig bleibt, wie sie ist. Denn das ist der beste Schutz unserer Demokratie. Das macht sie stark und interessant, denn wer will schon immer nur Bratwurst essen, wenn das knackige vietnamesische Sandwich Banh Mi lockt? Gemüsedöner mit Joghurtsoße, die Falafel im Pita-Brot? Das Gleiche gilt für die Musik, die Kunst, die Architektur, die Literatur. Wenn wir alle im gleichen Saft garen, wird es fad.
Autokratische Regierungen mögen Vielfalt und die damit verbundene Kreativität nicht. Recep Tayyip Erdogan, der türkische Präsident, will die Gesellschaft auf die klassische Familie trimmen: Vater, Mutter, möglichst viele Kinder.

Die queere Community kämpft in Istanbul um ihre Rechte. © Dilara Acikgoz/AP/dpa | Dilara Acikgoz
Homo- und Transsexualität will er aus der Gesellschaft raushalten – und dabei setzt er auf Einschüchterung durch Razzien, Festnahmen und Diffamierungen, obwohl Homosexualität in der Türkei gar nicht verboten ist. Gerd Höhler beschreibt hier, was in der queeren türkischen Community los ist. Meinen Kollegen Philipp Luther erinnert Erdogans Plan an das AfD-Wahlprogramm, schreibt er in seinem Kommentar.
Zwischen Tod und Leben: Dieser Arzt koordiniert die Organspende
Wenn Ihnen das zu viel Politik ist, kann ich das verstehen. Mir geht es nicht anders, aber in diesen Wochen und Monaten dringen gesellschaftliche Themen kaum durch. Deswegen werde ich mich jetzt auch nicht mit dem angekündigten Tankrabatt beschäftigen, sondern mit einem Menschen, der eine ganz besondere Aufgabe hat: Der Chirurg Sören Melsa koordiniert Organspenden.

Organe werden nach der Entnahme in Kühlboxen transportiert. © Sebastian Gollnow/dpa | Sebastian Gollnow
Das heißt, er sorgt dafür, dass nach einem tragischen Todesfall ein anderer Mensch weiterleben kann. Denn die Abläufe sind kompliziert, gleichzeitig muss es schnell gehen. Hinzu kommen die Emotionen: Es werde viel geweint in Operationssälen, erzählte er meinem Kollegen Maik Henschke. Ich finde, das ist eine Mut machende Geschichte.
Nichts gegen die Bratwurst. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Und nun ein letztes Wort zur Bratwurst. Ich bin an diesem Wochenende in Dortmund bei meiner Mutter. Klassentreffen habe ich auch und ich bin sehr gespannt. Eben war ich in einem Wäldchen joggen. Auf dem Rückweg über einen Marktplatz empfing mich Bratwurstduft. Einen Stand weiter gab es Fischbrötchen, entweder mit Matjes oder Hering. Für Ernährungsbewusste ist das nichts, dachte ich mir.
Haben sich eigentlich all die Wahlkämpfer und Wahlkämpferinnen mal Gedanken gemacht, was sie damit der Volksgesundheit antun? Ernährungswissenschaftler etwa warnen vor zu viel verarbeitetem Fleisch. Unser „Ernährungs-Doc“ Matthias Riedl sagt aber auch, ab und zu sei die Wurst okay. Vorausgesetzt, sie verkohlt nicht.
Ich habe jetzt richtig Hunger, ich glaube, ich lauf noch mal los auf den Markt. Man gönnt sich ja sonst nichts.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen wunderschönen Sonntag.
Herzliche Grüße, Ihre Birgitta Stauber