Rente mit 63: Freis überraschender Vorstoß – und was er für Millionen Rentner bedeutet

Streit um Rente 63: Merz-Vertrauter rollt Friedensplan aus – knackt er den Ost-Aufstand?

Stand: 08.08.2026, 13:20 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Aus für die Rente mit 63: Trotz Ost-Widerstand pocht die Regierung auf Abschaffung. Fraktionschef Frei buhlt um die Abweichler. Rettet er Merz vor dem Chaos?

Berlin – Die Sommerpause ist eigentlich die ruhigste Zeit des Berliner Politikbetriebs. Eigentlich. Denn in diesen Augusttagen brodelt es in der Union wie selten – und mittendrin steht Thorsten Frei. Der neue Unionsfraktionschef, enger Vertrauter von Kanzler Friedrich Merz (beide CDU), hat sich in den Streit um die Rente mit 63 eingeschaltet – und dabei einen Ton angeschlagen, den viele in seiner Partei so nicht erwartet hatten. „Eine Härtefallregelung ist in jedem Fall angezeigt“, sagte er der Funke-Mediengruppe am Samstag (8. August). „Und auch über eine Übergangsregelung wird man reden.“

Soll für Kanzler Merz die Rentenreform retten: Fraktionschef Thorsten Frei (rechts, CDU).

Soll für Kanzler Merz die Rentenreform retten: Fraktionschef Thorsten Frei (rechts, CDU). © Michael Kappeler/dpa

Der Satz lässt aufhorchen. Denn er stellt keinen Rückzug dar, aber er ist ein Angebot – an die vielen Kritiker und befürchteten Abweichler in den eigenen Reihen, die einen zentralen Baustein in der Reform der Bundesregierung zur Alterssicherung nicht mittragen wollen: der Abschaffung der Rente mit 63. Nach einer harten Auseinandersetzung in den vergangenen Tagen klingt dies nach versöhnlichen Tönen und einem Kompromiss. Kann Frei für Merz die Wogen in der aufgeheizten Debatte glätten? Für den neuen Mann an der Unionsspitze ist es die erste Bewährungsprobe.

Rente mit 63 vor dem Aus: Frei sucht Kompromiss mit Kritikern

Worum geht es? Die Bundesregierung plant, die sogenannte „Rente mit 63“ abzuschaffen – also die Möglichkeit, nach 45 Beitragsjahren ohne Abzüge früher in Rente zu gehen. Aktuell ist das mit 64,5 Jahren möglich. Eine von der Regierung eingesetzte Alterssicherungskommission empfiehlt, diesen abschlagsfreien Renteneintritt zu streichen. Kanzler Friedrich Merz und Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) hatten sich im Juli dafür ausgesprochen, das Kommissionskonzept als Ganzes umzusetzen. Doch der Widerstand gegen das Reformkonzept ist erheblich: Mehrere Ministerpräsidenten – darunter Voigt, Kretschmer und Schulze aus der CDU sowie SPD-Chefin Manuela Schwesig – stellten sich offen dagegen. Seither sucht die Koalition nach einem Weg aus der Sackgasse.

Freis Vorstoß könnte genau dieser Weg sein, um die Renten-Revolte abzublocken. Denn Härtefall- und Übergangsregeln sind im Kommissionskonzept bereits angelegt. Die Experten sehen eine Härtefallregelung für Versicherte vor, die aus gesundheitlichen Gründen nicht bis zur Regelaltersgrenze arbeiten können. Zudem plädieren sie für Vertrauensschutz für Menschen, die kurz vor dem Ruhestand stehen – konkrete Ausgestaltungen lassen sie aber offen.

Frei verwies auf das Gesamtpaket: „Die Empfehlungen der Alterssicherungskommission sind ein sorgfältig ausbalancierter Kompromiss – zwischen Union und SPD, aber auch zwischen den verschiedenen Generationen.“ Wer einen Baustein herausnehme, gefährde das gesamte Vorhaben. Das Konzept habe „das Zeug zu einer Jahrhundertreform“.

Doch ein Selbstläufer ist der Kompromiss nicht. Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) signalisiert zwar Gesprächsbereitschaft, hält aber an seiner grundsätzlichen Kritik fest. „Eine Expertenkommission ersetzt keine politische Entscheidung“, sagte er dem Stern. Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat müssten unterschiedliche Interessen abwägen: „Deshalb müssen auch begründete Einwände gehört und ernsthaft diskutiert werden.“ Voigt räumte ein, dass die aktuelle Frührente Mitnahmeeffekte erzeugt habe, und schloss sich dem Vorschlag von Härtefall- und Übergangslösungen an. Eine Rentenreform müsse finanzierbar sein, Leistung anerkennen und „den Zusammenhalt zwischen Ost und West“ stärken.

Der Wirtschaftsweise Martin Werding warnt eindringlich vor einem Aufschnüren des Reformpakets. „Meine Sorge ist, dass die Politik das gesamte Rentenpaket aufschnürt, wenn sie einen Baustein rausnimmt. Dann werden die Reformpläne wie Dominosteine fallen, und der Kanzler kann die große Reform begraben“, sagte Werding der Rheinischen Post. Kanzler Merz müsse verhindern, dass die Rentenreform in der Sommerpause zerredet werde. Die Dringlichkeit sei real: „Die Zeit drängt: Wenn wir nichts tun, steigen die Sozialabgaben von heute 42,3 auf 50 Prozent im Jahr 2040 und 54 Prozent im Jahr 2050.“

Wirtschaftsweiser Werding warnt vor Beibehaltung der Rente nach 45 Beitragsjahren

Werding widerspricht dabei dem Bild, die Frührente schütze vor allem vulnerable Gruppen: Die Rente nach 45 Beitragsjahren komme nicht Menschen mit gesundheitlichen Problemen zugute, sondern solchen, die überdurchschnittlich gesund seien und überdurchschnittlich hohe Renten erhielten. Arbeitgeber, die Ältere weiterbeschäftigen wollten, hätten gegen eine solche Rente ohne Abschläge kaum eine Chance.

Dass die Debatte eine ausgeprägte regionale Dimension hat, zeigen aktuelle Daten. Deutschlandweit haben im vergangenen Jahr 23 Prozent der Männer nach 45 Versicherungsjahren eine Nettorente unter der Armutsgefährdungsgrenze von 1446 Euro monatlich bezogen – in den Ostländern lagen die Werte mit 36 bis 41 Prozent jedoch mehr als doppelt so hoch. Bei Frauen ist die Lage flächendeckend dramatischer: Bundesweit erhielten 52 Prozent der Frauen mit mindestens 45 Versicherungsjahren eine Rente unterhalb der Armutsgrenze.

Die rentenpolitische Sprecherin der Linken, Sarah Vollath, warnte im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa: „Vorschläge, wie die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Versicherungsjahren, treffen genau die Menschen hart, die schon jetzt mit viel zu niedrigen Renten auskommen müssen.“ Die Linke-Abgeordnete Janina Böttger aus Halle formuliert es so: „Kleine Löhne bedeuten kleine Renten – und der Osten zahlt bis heute den Preis.“ Voigt stützt diese Einschätzung: Für viele Menschen im Osten sei die gesetzliche Rente die zentrale Säule der Altersvorsorge – Betriebsrenten, Vermögen oder Erbschaften fehlten häufig.

Streit um abschlagsfreie Rente: Kann Frei für Merz das Chaos befrieden?

Vor diesem Hintergrund bleibt abzuwarten, ob sich der Rentenstreit schnell befrieden lässt. Für den neuen Fraktionschef ist die Reform eine erste, echte Bewährungsprobe. Denn für Friedrich Merz hängt viel davon ab. Kurz vor der Sommerpause hat er den Deutschen klargemacht, dass der Umbau des Sozialsystems alternativlos ist. „Wer jetzt einzelne Bausteine rauszieht, muss wissen, dass er das ganze Haus zum Einsturz bringt“, schrieb er auf X. Er hat sich damit weit aus dem Fenster gelehnt und muss nun hoffen, dass sein neuer Fraktionschef den Plan eins zu eins durch den Bundestag bringt.

Dass das nicht so einfach sein kann, erlebte Frei-Vorgänger Jens Spahn im vergangenen Sommer am eigenen Leib. Damals stolperte er über eine geplatzte Verfassungsrichterwahl – er hatte den Unmut in der eigenen Fraktion unterschätzt, die Sache tagelang laufen lassen und am Ende alle drei Richterwahlen absagen müssen. Für die Union gab es sofort einen Dämpfer in den Umfragen. Das Bild, das blieb: ein Fraktionschef ohne Griff auf seine Leute. Für Spahn war es der Anfang vom Ende. Deswegen dürfte Frei vor allem ein Ziel haben: Dass die Sommerpause wenigstens in diesem Jahr etwas ruhiger zugeht. (Quellen: Spiegel, Tagesschau, dpa, t-online, Rheinische Post) (jenko)