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Wo ist er gerade? Kommt er mir wieder näher oder hält er sich fern? Für Stalking-Opfer kann genau diese Ungewissheit zur permanenten Belastung werden. Südkorea will ihnen deshalb künftig mehr Kontrolle und Sicherheit geben: Eine neue Smartphone-App zeigt Betroffenen in Echtzeit, wo sich ein elektronisch überwachter mutmaßlicher Stalker befindet und in welche Richtung er sich bewegt.

Das System ist seit dem 24. Juni im Einsatz. Es richtet sich allerdings nicht an alle Menschen, die Stalking melden. Voraussetzung ist, dass ein Gericht für den Beschuldigten eine elektronische Überwachung angeordnet hat. Nähert sich die überwachte Person dem Opfer auf weniger als zwei Kilometer, kann dieses ihren Standort und ihre Route auf einer Karte verfolgen.
Wenn der Stalker näher kommt, wird die Polizei informiert
Besonders wichtig ist die Ein-Kilometer-Marke: Nähert sich der überwachte Verdächtige einem Ort, den das Gericht mit einer Schutzauflage versehen hat, auf weniger als einen Kilometer, werden Polizei und Bewährungshilfe automatisch benachrichtigt. Das Opfer soll dadurch Zeit gewinnen, sich in Sicherheit zu bringen, während Einsatzkräfte reagieren können.
Das System ersetzt eine ältere Warnfunktion. Bislang erfuhren Betroffene im Wesentlichen nur, dass sich eine überwachte Person in ihrer Nähe befand und wie groß die Entfernung war. Die Richtung blieb unklar. „Die Entfernung allein gibt keine Auskunft darüber, aus welcher Richtung sich der Stalker nähert“, sagte Yoon Hyun-bong, Leiter des Überwachungszentrums in Seoul, im Gespräch mit dem britischen „Guardian“.
Bei einem Test des Systems wurde genau dieses Prinzip demonstriert. Auf einem großen Bildschirm in der Überwachungszentrale bewegte sich ein roter Punkt langsam auf einen markierten Standort zu. Gleichzeitig erschien die Karte auf dem Smartphone der betroffenen Person. Als sich die simulierte Entfernung von 845 auf 792 Meter verringerte, wurde die Frau von ihrem Bewährungshelfer kontaktiert: Die Polizei sei bereits vor Ort. Rund 400 Menschen haben sich nach Angaben des Justizministeriums bis zum 11. September für das Programm registriert.
Stalking-Fälle in Südkorea nehmen deutlich zu
In Südkorea haben die Fälle von Stalking in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Nach Angaben der Nationalen Polizeibehörde wurden 2025 insgesamt 44.687 entsprechende Anzeigen registriert. Ein Jahr zuvor waren es 31.947 – innerhalb eines Jahres stieg die Zahl damit um fast 40 Prozent.
Das südkoreanische Stalking-Gesetz ist seit Oktober 2021 in Kraft. Es ermöglicht neben strafrechtlichen Konsequenzen auch verschiedene Schutzmaßnahmen. In bestimmten Fällen kann ein Gericht eine elektronische Fußfessel beziehungsweise ein Ortungsgerät anordnen. Die Polizei muss dafür allerdings eine entsprechende gerichtliche Entscheidung erwirken. Der Einsatz ist bislang begrenzt: Zwischen 2024 und 2025 beantragte die Polizei nach Angaben aus Südkorea in 1.187 Fällen eine elektronische Überwachung. Gerichte genehmigten davon 427 Anträge. Die Maßnahme soll vor allem dann eingesetzt werden, wenn eine „erhöhte Rückfallgefahr“ besteht.
Neue App soll Opfer schützen – oder zusätzlich belasten?
Die neue Stalking-App sorgt auch für Kritik. Sujeong Kim von der Korea Women‘s Hotline warnt davor, dass damit ein Teil der Verantwortung auf die Betroffenen verlagert werden könnte. „Wenn die Behörden ihre Arbeit richtig machten, wer würde das dann noch selbst überprüfen wollen?“, lautet ihr Einwand.
Die Sorge: Statt sich sicherer zu fühlen, könnten Opfer ständig auf ihr Smartphone schauen und die Position des mutmaßlichen Stalkers kontrollieren. Die App könnte damit paradoxerweise genau jene permanente Wachsamkeit verstärken, unter der viele Betroffene ohnehin leiden.
App ist kein Ersatz für Polizeischutz
Auch die Reichweite des Systems bleibt begrenzt. Eine Stalking-Anzeige oder eine einstweilige Verfügung reicht nicht aus, um die Live-Karte nutzen zu können. Nur wenn für die überwachte Person tatsächlich eine elektronische Ortung angeordnet wurde, erhalten Betroffene Zugriff auf die Informationen.
Die Behörden betonen deshalb, dass die App weder Polizeieinsätze noch gerichtliche Schutzmaßnahmen ersetzt. Sie verändert vor allem die Art der Warnung: Aus der Information „Der überwachte Mann ist in der Nähe“ wird eine Karte, auf der Betroffene sehen können, woher er kommt und wohin er sich bewegt.
mkx