Super-Wahl-Sonntag in Bosnien-Herzegowina – warum es diesmal anders gehen soll

Stand: 04.10.2026, 06:24 Uhr

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Wahlplakate hängen in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo.

Wahlplakate hängen in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo. © Denis Zuberi/imago

Am Sonntag wird in Bosnien-Herzegowina gewählt. Warum die Wahl dort kompliziert ist und was das Ergebnis für Europa bedeuten könnte.

Sarajevo – An diesem Sonntag wählt Bosnien-Herzegowina. Auf dem Stimmzettel stehen nicht nur ein, sondern gleich mehrere Parlamente, ein dreiköpfiges Staatspräsidium und ein Regionalpräsident. Insgesamt werden laut MDR 518 Ämter auf einen Schlag vergeben – bei rund 3,4 Millionen Wahlberechtigten.

Im Land selbst leben aber nur knapp drei Millionen Menschen. Die Differenz erklärt sich durch die enorme Diaspora: Geschätzt mehr als zwei Millionen Bosnierinnen und Bosnier leben im Ausland. Bosnische Staatsbürger können sich auch vom Ausland aus ins Wählerregister eintragen lassen. Das kleine Balkanland steht vor einem Wahltag, der in seiner Komplexität kaum seinesgleichen in Europa hat – und der von einer langen Geschichte des Wahlbetrugs überschattet wird.

Wahl in Bosnien-Herzegowina: Ein Staat, zwei Entitäten, drei Präsidenten

Wer verstehen will, warum am 4. Oktober so viel auf einmal gewählt wird, muss das politische System Bosnien-Herzegowinas kennen. Es ist das direkte Erbe des Dayton-Abkommens, das 1995 den Bosnienkrieg beendete. Das Land besteht aus zwei weitgehend eigenständigen Entitäten: der Föderation Bosnien und Herzegowina (FBiH), in der vor allem muslimische Bosniaken und katholische Kroaten leben, und der überwiegend serbisch-orthodox geprägten Republika Srpska (RS). Dazu kommt der de-facto selbstverwaltete Brčko-Distrikt.

An diesem Sonntag werden auf mehreren Ebenen gleichzeitig gewählt:

  • Das Staatspräsidium mit drei Mitgliedern: je einem bosniakischen und kroatischen Vertreter aus der FBiH sowie einem serbischen Vertreter aus der RS. Der Vorsitz rotiert alle acht Monate. Das Präsidium ist das kollektive Staatsoberhaupt.
  • Das Repräsentantenhaus des Gesamtstaats mit 42 Abgeordneten.
  • Das Repräsentantenhaus der FBiH mit 98 Abgeordneten sowie zehn Kantonsversammlungen.
  • Die Nationalversammlung der RS mit 83 Abgeordneten sowie Präsident und zwei Vizepräsidenten der RS.

Derzeit besteht das Staatspräsidium aus Željka Cvijanović (Serbin, SNSD), Denis Bećirović (Bosniake, SDP BiH) und Željko Komšić (Kroate, DF). Den Vorsitz hat seit dem 16. März 2026 Denis Bećirović inne. Vorsitzende des Ministerrats, also Regierungschefin, ist Borjana Krišto von der kroatischen HDZ BiH. Die nach den Wahlen 2022 gebildete Regierung wird von der HDZ BiH, der serbischen SNSD und der bosniakisch-multiethnischen „Troika“ aus SDP BiH, NiP und Naša stranka getragen. Die politische Zusammenarbeit ist laut dem Institut für Europäische Politik jedoch „von erheblichen Konflikten geprägt“.

Über allem steht das Amt des Hohen Repräsentanten, der die Umsetzung der zivilen Aspekte des Dayton-Abkommens überwacht und über weitreichende Befugnisse verfügt. Nach dem Rücktritt des Deutschen Christian Schmidt übernahm der US-Amerikaner Louis Crishock am 1. Juli 2026 kommissarisch das Amt.

Bosnien-Herzegowina: Wahlbetrug als Dauerproblem – und ein technischer Neustart

„Vieles ist anders als bei allen bisherigen Wahlen“, sagt Vanja Milidrag, ehrenamtliches Mitglied der Gemeindewahlkommission des Sarajevoer Stadtteils Ilidža, gegenüber dem MDR. Gemeint ist die Einführung elektronischer Wahltechnik: Erstmals müssen Wählerinnen und Wähler im Wahllokal ihren Ausweis durch ein biometrisches Lesegerät ziehen und einen Fingerabdruckscanner nutzen. Die ausgefüllten Stimmzettel werden anschließend einzeln in einen Scanner eingelesen. Die Zettel bleiben dabei erhalten und können bei Bedarf von Hand nachgezählt werden. In rund 6000 Wahllokalen kommen diese Geräte zum Einsatz. Eine Probewahl am 11. September verlief laut MDR mit einer Erfolgsquote von rund 97 Prozent.

Der Grund für diese technische Aufrüstung liegt in einer langen Geschichte von Unregelmäßigkeiten. In der Vergangenheit wurden Stimmen im Namen Verstorbener oder in mehreren Wahllokalen gleichzeitig abgegeben. OSZE-Beobachter stellten sowohl bei den Wahlen 2022 als auch bei den Kommunalwahlen 2024 Verstöße gegen das Wahlgeheimnis und eine uneinheitliche Anwendung der Sicherheitsvorkehrungen fest.

Besonders gravierend: Bei der Präsidentenwahl der Republika Srpska im November 2025 musste die Zentrale Wahlkommission in vier Bezirken – Bratunac, Laktaši, Doboj und Zvornik – eine Wahlwiederholung anordnen, nachdem Beobachter in 60 Wahllokalen Unregelmäßigkeiten festgestellt hatten, die nicht mit den öffentlich bekanntgegebenen Ergebnissen übereinstimmten. Auch die Wiederholungswahl im Februar 2026 brachte keine Änderung: Sinisa Karan von der SNSD blieb Präsident der RS.

Wahlen in Bosnien-Herzegowina begleitet von Betrug und Desinformation

Die NGO Pod Lupom (deutsch: „Unter der Lupe“), ein Zusammenschluss von 37 zivilgesellschaftlichen Organisationen, beobachtet Wahlen in Bosnien-Herzegowina seit 2014. Ihr Vertreter Hasan Kamenjaković erklärt gegenüber dem MDR: „Unsere Beobachter sind am Wahltag von der Öffnung bis zur Schließung der Wahllokale vor Ort und überwachen den gesamten Ablauf.“ Die neue Technik soll vor allem Manipulationen bei der Auszählung verhindern: „Die Ergebnisse gehen direkt ins Wahlinformationssystem, ohne menschlichen Zugriff“, so Kamenjaković. Einer Untersuchung von Pod Lupom aus dem Jahr 2024 zufolge berichteten 40 Prozent der Befragten von politischem Druck – bis hin zu Kündigungsdrohungen oder Drohungen gegen Familien.

Doch die neue Technik hat Grenzen. Wahlkommissar Milidrag weist gegenüber dem MDR darauf hin, dass die häufigste Form der Manipulation weiterhin möglich bleibt: „Die Technologie kann das Lobbying vor den Einrichtungen mit Wahllokalen sowie Lobbying aller Art an anderen Orten, die nicht in der Nähe von Wahllokalen liegen, weiterhin nicht verhindern.“ Stimmenkauf und Drohungen seien schwer zu beweisen, weil Zeugen anonym bleiben wollten.

Auch politische Desinformation begleitet die Wahl. Der frühere RS-Präsident Milorad Dodik – der nach einem Gerichtsurteil sechs Jahre lang keine öffentlichen Ämter bekleiden darf, seine Partei SNSD aber weiterhin führt – behauptete Ende August, die neue Technik solle internationalen Vertretern Wahlfälschung ermöglichen. Pod Lupom widerspricht: „Das ist bei diesem neuen System nicht möglich. Niemand kann wissen, wie jemand gewählt hat“, stellt Kamenjaković im MDR klar. Dennoch: Bereits im Vorfeld der Wahl wurden der NGO über 700 Unregelmäßigkeiten gemeldet – meist verfrühter Wahlkampf und Missbrauch öffentlicher Mittel.

Inhaltlich ist der Wahlkampf laut dem Institut für Europäische Politik vor allem von Fragen der ethnischen Identität und unterschiedlichen Vorstellungen über die Staatlichkeit geprägt. Pragmatische Themen spielten kaum eine Rolle. Die Beerdigung des wegen Kriegsverbrechen verurteilten Ratko Mladić im August 2026 habe zu ethnonationalistischen Agitationen geführt. Eine fortgeschrittene Frustration der Bevölkerung mit den etablierten politischen Kräften werde voraussichtlich erneut zu einer sehr niedrigen Wahlbeteiligung führen.

Was die Wahl für Europa bedeutet

Bosnien-Herzegowina ist seit Dezember 2022 offizieller EU-Beitrittskandidat, seit März 2024 laufen die Beitrittsverhandlungen. Doch die Fortschritte sind gering: Bis Mitte 2026 war keine der 113 Reformzusagen erfüllt. Aus Brüsseler Sicht gelten freie und faire Wahlen als einer der klarsten Tests der EU-Reife.

Das Institut für Europäische Politik hält fest: „Aufgrund der bestehenden Spaltungen im Land ist die Konsensfindung erschwert und die politische Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Ein grundlegender Kurswechsel gegenüber der EU ist derzeit nicht erkennbar.“ Die europäische Integration spiele im Wahlkampf eine vergleichsweise untergeordnete Rolle. Entscheidend werde sein, ob nach der Wahl eine handlungsfähige politische Konstellation entstehe.

Auf gesamtstaatlicher Ebene wird eine schwierige Regierungsbildung erwartet – erfahrungsgemäß dauert sie in Bosnien-Herzegowina Monate. Eine Regierung ohne ethnonationalistische Parteien gilt als unwahrscheinlich. Besonders im Blick steht die Republika Srpska: Ob sich dort die SNSD von Milorad Dodik oder die Opposition durchsetzen wird, dürfte entscheidend für die Stabilität des Landes sein. Dodik, der als enger Verbündeter des russischen Präsidenten Wladimir Putin gilt, betreibt trotz seines Amtsverbots weiterhin eine sezessionistische Agenda. (Quellen: MDR, Institut für Europäische Politik, Konrad-Adenauer-Stiftung, Deutschlandfunk, Tagesschau, Kurier, Euractiv) (ial)