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Der Kanzler kommt nach Sachsen-Anhalt, doch zu sehen bekommt man ihn nicht. Oben auf dem Schlossberg in Quedlinburg steht Friedrich Merz zwischen Bäumen, unter einem Sonnenschirm, im Halbdunkel. Ein Kameramann hat vorsichtshalber ein Licht aufgestellt. Neben Merz steht Sven Schulze, der immer noch darum kämpft, in seinem Bundesland eine AfD-Mehrheit zu verhindern. Eigentlich könnte er dabei die Hilfe eines Bundeskanzlers gut gebrauchen. Andererseits will Schulze in diesem Wahlkampf möglichst wenig mit Merz zu tun haben. Der Termin mit ihm findet jedenfalls unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.
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Schulze hat sich in den vergangenen Monaten immer wieder von seinem CDU-Parteifreund in Berlin abgegrenzt. In einem TV-Interview sagte er, die Bundesregierung gebe in einzelnen Fällen kein gutes Bild ab, „manchmal sogar ein schlechtes“. Der Kanzler habe Erwartungen geschürt, die nicht erfüllt wurden. Schulze forderte als erster Ministerpräsident einen Tankrabatt, als der Iran-Krieg die Preise an den Zapfsäulen nach oben trieb. Und nun kämpft er auch noch für den Erhalt der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren, nachdem Merz angekündigt hatte, das Rentenpaket als Ganzes umzusetzen.
Sachsen-Anhalt: Schulze kämpft trotz schlechter Umfragewerte
Schulze sagt inzwischen: „Ich möchte nicht das ganze Thema torpedieren.“ An seiner Position aber werde er festhalten: „Ich bin immer kompromissbereit, aber ich werde eines nicht machen: Ich werde mich da nicht irgendwie verbiegen.“ Und: Es sei auch nicht seine Aufgabe, Themen aus Berlin in Sachsen-Anhalt durchzusetzen. „Sondern meine Aufgabe ist es, die Themen in Sachsen-Anhalt in Berlin anzusprechen und möglichst auch durchzusetzen.“
Doch gebracht hat ihm das bislang wenig. Die Umfragewerte sind noch immer katastrophal. Schulzes CDU liegt konstant bei etwa 22 bis 24 Prozent, die AfD mit ihrem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund bei mehr als 40 Prozent. Dabei wirkt Schulzes Wahlkampf tatsächlich wie ein Kampf. Er macht einen Termin nach dem anderen: Schulze auf einem Sportfest in Blankenburg, Schulze auf dem Selbitzer Heufest, Schulze bei Podcastaufnahmen und Fernsehinterviews in Berlin. Im Sommer fährt er mit dem Fahrrad durch große Teile seines Bundeslandes. Viele Begegnungen, zahlreiche Gespräche, Spatenstiche, Unternehmensbesuche. Hunderte Kilometer. Ein Mann strampelt sich ab.
Schulze setzt auf Nähe statt Social-Media-Show im Wahlkampf
Schulze kann das. Mit Menschen sprechen, die er nicht kennt, aber von denen er glaubt, dass sie ihm wohlgesonnen sind. Zuhören, scherzen, Hände schütteln. Da ist er dann nur der „Sven aus Heteborn“, der bodenständige Landesvater, der Mann von hier. Anders als sein Konkurrent Siegmund ist Schulze keiner, der den großen Auftritt sucht, Marktplätze füllt und Hallen für sich begeistern kann. Aber Schulze setzt sich ins Vereinsheim und bleibt so lange, bis alle Fragen beantwortet sind. „Mit 30-Sekunden-Tiktok-Videos, wie es die AfD macht, kann man kein Land regieren. Das wird nicht funktionieren“, sagte Schulze mal in einem Interview. Was man durchaus als Spitze gegen Siegmund gelten lassen kann. Der AfD-Kandidat aber hat es geschafft, sich selbst zur Marke zu machen.
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Gegen Siegmund, der polarisiert, soziale Medien clever nutzt und seine Botschaften emotional auflädt, wirkt Schulze bisweilen blass. Schulzes Versuche, daraus auszubrechen, etwa seine Wahlkampfauftritte mit dem Komiker Didi Hallervorden oder die zum Teil scharfe Distanz zu Merz, sorgten zwar für Aufmerksamkeit, führten bislang aber kaum zu besseren Umfragewerten. Dabei versucht Schulze, die Themen nicht der AfD zu überlassen. Bei Auftritten im Wahlkampf sprach er zuletzt auffallend häufig über innere Sicherheit, Bürgergeld, Verwaltung und Migration. „Viele Themen der AfD sind auch meine Themen“, sagte er mal. Zugleich warnt er vor dem politischen Gegner. Die AfD beschreibe zwar Probleme, habe aber keine Lösungen.
Karriereweg von Schulze: Vom CDU-Talent zum Ministerpräsidenten
Schulze, 47, ist seit diesem Januar Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt. Reiner Haseloff, langjähriger Landesvater, hatte da die Amtsgeschäfte an seinen Wunschnachfolger übergeben, in der Hoffnung, Schulze könne mit dem Amtsbonus noch ein paar Prozentpunkte auf die enteilte AfD aufholen. Man kann sagen, dass Schulze lange darauf hingearbeitet hat, Ministerpräsident zu werden: 1997 trat er in die CDU ein, war Kommunalpolitiker, Landesvorsitzender der Jungen Union, später Europaabgeordneter. 2016 übernahm er nach der schwierigen Regierungsbildung der CDU mit SPD und Grünen den neu geschaffenen Posten des Generalsekretärs der Landespartei. In der deutschlandweit ersten Kenia-Koalition war er mal als Lautsprecher, mal als Krisenmanager gefordert.
2021 wurde Schulze Landesvorsitzender. In dem Jahr wurde er auch Minister für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten. Extra für ihn schuf Haseloff ein großes Haus, Schulze sollte sich bewähren. Und jetzt ist er da, wo er eben ist. Neben Merz im Halbdunkel auf dem Schlossberg hoch über Quedlinburg, seinem Geburtsort.
Sachsen-Anhalt: Kanzler Merz hat für die Wähler eine Warnung
Neben dem Kanzler spricht Schulze über das, was er glaubt, bereits erreicht zu haben. Gute Arbeitsplätze in seinem Bundesland zum Beispiel. Das sei das „Thema Nummer eins“ für viele Menschen. Dann: innere Sicherheit, der Stellenaufwuchs bei der Polizei, da „wollen wir noch mehr“. Und: das Bürgergeld. Sachsen-Anhalt habe die Bürgerarbeit wieder eingeführt. „Ich möchte, dass jeder Mensch, der in Sachsen-Anhalt eine Leistung vom Staat bekommt, auch eine Gegenleistung bietet“, sagt Schulze. Und schließlich solle man in Sachsen-Anhalt nicht in eine überwundene Vergangenheit zurückschauen, sondern nach vorne.

Merz steht da, hört zu und hat nach Schulzes Worten eine klare Botschaft an die Sachsen-Anhalter. Regiere die AfD, würden viele Investoren einen Bogen um das Bundesland machen. Das sei keine Vermutung. „Das bekomme ich regelmäßig zu hören.“ Sachsen-Anhalt, sagt Merz dann noch, dürfe „kein Experimentierfeld für Wutbürger werden“.
Schulze ringt um Regierungsmehrheit und schließt Linke-Koalition aus
Schulze will das auch nicht. Aber er weiß im Moment nicht, wie er dieses Ziel noch erreichen soll. Denn selbst wenn die AfD die absolute Mehrheit verfehlt, ist die Lage kompliziert. Schulze schließt eine Koalition mit der Linken aus. Gleichzeitig könnte eine Duldung durch die Linke theoretisch eine weitere Amtszeit ermöglichen. Damit könnte ausgerechnet der Mann, der die AfD verhindern will, nach der Wahl auf Stimmen aus einem Lager angewiesen sein, das seine eigene Partei eigentlich nicht an der Regierung sehen möchte. Fragt man Schulze nach einem Wahlziel, sagt er inzwischen: „Ich glaube, dass die Menschen sehr klug entscheiden werden.“
Hintergründe zur Wahl in Sachsen-Anhalt – für Sie recherchiert
An der Autobahn A2 auf Höhe der Autobahnabfahrt ins Magdeburger Zentrum hängt ein großes Wahlplakat, auf dem Schulze den vorbeifahrenden Autos entgegenschaut. Darauf steht: „Zu weit rechts ist der Graben“. Man kann das für einen ziemlich treffenden Satz über diesen Wahlkampf halten. Schulze strampelt sich ab. Aber dass am Ende alles in einem Unfall endet, ist nicht auszuschließen.