Stand: 28.09.2026, 20:00 Uhr
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Eine Wissenschaftstagung an der Uni Kassel beleuchtet, was Kinder auf dem Bauernhof lernen können. Forscher sehen dort einen Erfahrungsraum, der Selbstwirksamkeit trainiert.
Witzenhausen – Ein Kind steht vor einem Tier, dessen Verhalten sich nicht per Knopfdruck steuern lässt. Es greift in die Erde, beobachtet Pflanzen und muss reagieren, wenn etwas anders geschieht als erwartet. Was nach einem gewöhnlichen Tag auf dem Bauernhof klingt, berührt grundlegende Fragen der Pädagogik: Wie entwickeln Kinder Selbstwirksamkeit und Resilienz, und welche Bedeutung haben reale Erfahrungsräume dabei? An dieser Schnittstelle zwischen Landwirtschaft und Bildung setzte am Freitagabend die Wissenschaftstagung „Lernort Bauernhof“ im Zeichensaal der Universität Kassel am Standort Witzenhausen an.
Prof. Dr. Maria Finckh, Dekanin des Fachbereichs Ökologische Agrarwissenschaften, stellte zur Begrüßung das gemeinsame Arbeiten in den Mittelpunkt: „Besonders produktive Arbeit entsteht erst, wenn man zusammenarbeitet.“ Der Grundgedanke des Lernorts folgt einem ähnlichen Prinzip. Landwirtschaft soll nicht nur erklärt, sondern durch eigenes Handeln erfahrbar werden. „Bauernhöfe öffnen sich den Menschen und ermöglichen ihnen, selbst zu erkunden, zu lernen und anzupacken“, beschrieb Malte Bickel den Ansatz.
Viele Organisationen beteiligt
Veranstalter der Wissenschaftstagung waren die Bundesarbeitsgemeinschaft Lernort Bauernhof, das Tropengewächshaus der Uni Kassel/Witzenhausen, der Verein für Agrarpädagogik und Bildung für nachhaltige Entwicklung Niedersachsen und die Universität Marburg. Finanziell gefördert wurde die Tagung vom Niedersächsischen Landwirtschaftsministerium.
Welche Bedeutung solche Erfahrungen für die psychische Widerstandsfähigkeit junger Menschen haben können, stellte Prof. Dr. Miriam Athmann vom Ökologischen Land- und Pflanzenbau in ihrem Vortrag „Resilienz als Leitbild“ heraus. Sie verwies auf Studien zur psychischen Verfassung von Kindern und Jugendlichen während und nach der Corona-Pandemie. Psychische Belastungen und Ängste beträfen bereits junge Menschen, hinzu kämen Sorgen angesichts von Krisen, Kriegen und Terror.
Athmann warnte zugleich vor einfachen Ursache-Wirkungs-Erklärungen. Neben individuellen Faktoren spiele das Umfeld eine wichtige Rolle für die Entwicklung von Resilienz. Dort verortete sie das Potenzial des Bauernhofs. In einer realen, nicht vollständig steuerbaren Umgebung könnten Kinder beim Erkunden sowie im Umgang mit Tieren und Pflanzen Selbstwahrnehmung, Selbststeuerung und soziale Kompetenzen erproben. Resilienz erschien damit nicht als Abschirmung gegenüber Krisen, sondern als Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen und eigene Handlungsmöglichkeiten wahrzunehmen.
Den Blick auf globale Zusammenhänge weitete Eva-Maria Kohlmann, Bildungsmanagerin des Tropengewächshauses. Die jährlich von rund über 14.000 Gästen besuchte Einrichtung versteht sie als „grünes Schaufenster“ für Menschen jeglichen Alters. Tropische Nutzpflanzen werden dort zum Ausgangspunkt für Bildung für nachhaltige Entwicklung. Kinder lernen Produktionsketten kennen und beschäftigen sich mit fairem Handel.
In der anschließenden Podiumsdiskussion rückten auch praktische Grenzen in den Fokus. Miriam Dangel von „Bauernhof als Klassenzimmer“ und Sylvia Fengler vom Hessischen Landwirtschaftsministerium sprachen dabei von einem grundlegenden Bildungsauftrag. Kinder sollten verstehen, wo ihre Lebensmittel herkommen und wie Landwirtschaft mit ihrem Alltag verbunden ist. Als Herausforderungen wurden die Erreichbarkeit der Höfe, die Kommunikation zwischen Schulen und Betrieben sowie die Finanzierung von Exkursionen und Bildungsangeboten genannt.
„Landwirtschaft ist einer der Schlüsselmomente, bei denen wir selbst gestalten können“, sagte Elisabeth Seiler vom Verein Heuhüpfer. Darin liegt zugleich ein zentraler Gedanke des Abends. Der Bauernhof vermittelt nicht nur Wissen über Landwirtschaft. Er macht erfahrbar, dass Lernen auch bedeutet, Zusammenhänge zu erkennen und selbst handeln zu können. (Kerem Polat)