Tankrabatt ein „Fehler“: Experten zerlegen „zynische“ Sprit-Entlastung der Bundesregierung
Stand: 20.09.2026, 07:26 Uhr
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Die Bundesregierung hat einen Tankrabatt von 17 Cent beschlossen – doch Ökonomen und Verbraucherschützer halten den Plan für zu wenig zielgenau.
Berlin – Die Preise an deutschen Zapfsäulen bewegen sich seit Monaten auf einem Niveau, das Autofahrer, Landwirte und Transportunternehmen gleichermaßen belastet. Diesel hat zuletzt ein Allzeithoch erreicht, und auch Benzin bleibt für viele Haushalte eine spürbare finanzielle Bürde. Die anhaltende Teuerung beim Kraftstoff trifft nicht nur Pendler, sondern schlägt sich über steigende Transportkosten auch auf die Preise im Supermarkt und in anderen Bereichen des Alltags nieder.

Nun reagiert die Bundesregierung: Bund und Länder einigten sich am Freitagabend (19. September) auf ein Entlastungspaket, das ab dem 1. Oktober eine Senkung der Energiesteuer auf Kraftstoffe vorsieht – den Tankrabatt. Kombiniert mit der damit verbundenen Mehrwertsteuerreduzierung soll der Literpreis um 17 Cent sinken. Zusätzlich ist ein Spritpreisdeckel geplant, der spätestens zum 1. Januar 2027 in Kraft treten soll. Die genaue Ausgestaltung dieses Deckels ist jedoch noch offen. Von Experten und Opposition hagelt es bereits jetzt Kritik.
Bundesregierung plant Tankrabatt und Spritpreisdeckel – Sprit bald 17 Cent billiger
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) verteidigte das Paket als notwendige Unterstützung für Bürger und Unternehmen. Die Entlastungen kämen Familien, Handwerk, Mittelstand und Industrie zugute, so die Ministerin. Rückenwind kommt auch aus dem Norden: Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) begrüßte die Einigung ausdrücklich. Die hohen Kraftstoffpreise seien eine „massive Belastung“ für Bevölkerung und Wirtschaft, daher sei das Handeln der Bundesregierung richtig.
Auch aus der Landwirtschaft und dem Transportgewerbe gibt es positive Reaktionen. Bauernpräsident Joachim Rukwied äußerte sich gegenüber der Bild erfreut über die vorübergehende Absenkung der Energiesteuer auf Sprit, forderte jedoch weitere Maßnahmen. Auf lange Sicht müsse der Dieselpreis hierzulande dauerhaft stärker an das Preisniveau der europäischen Nachbarn angeglichen werden.
Dirk Engelhardt, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL), wertet den Nachlass von 17 Cent je Liter zumindest als kurzfristige Erleichterung für die Branche. Nun komme es allerdings darauf an, dass die in Aussicht gestellte Preisobergrenze auch tatsächlich eingeführt wird und selbst bei außergewöhnlich teurem Rohöl wirkt. Was die Speditionen und Transportunternehmen benötigten, seien verlässliche Rahmenbedingungen statt kurzfristiger Krisenmaßnahmen.
„Teuer, kurzsichtig und wenig zielgenau“: Verbraucherschützer und Umweltverbände laufen Sturm
Deutlich kritischer fällt die Bewertung bei Verbraucherschützern, Umweltverbänden und sozialen Organisationen aus. Ramona Pop, Vorständin des Verbraucherzentrale Bundesverbandes, bezeichnete die Maßnahmen in der Rheinischen Post als „teuer, kurzsichtig und wenig zielgenau“. Statt mit der Gießkanne zu agieren, brauche es gezielte Entlastungen für Haushalte mit kleinen und mittleren Einkommen – zumal die beginnende Heizperiode zusätzliche Belastungen mit sich bringe.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) nannte den Rabatt „teuer, unsozial und unökologisch“. Ein Mobilitätsgeld mit Pro-Kopf-Auszahlung wäre aus Sicht des Verbands die weitaus sinnvollere Alternative gewesen, da ein pauschaler Tankrabatt überproportional einkommensstarke Haushalte mit hohem Kraftstoffverbrauch begünstige. „Ein dicker Batzen davon landet am Ende als Übergewinn in den Taschen der Ölkonzerne“, erklärte Greenpeace-Expertin Marissa Reiserer.
Grünen-Fraktionsvize Andreas Audretsch sprach von einem Rückfall in alte Muster. Dass die Bundesregierung auf eine Übergewinnsteuer verzichte, sei „ein Kniefall vor den mächtigen Ölkonzernen“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Er forderte stattdessen die Auszahlung eines Energiegeldes direkt an die Bürger. Linken-Chefin Ines Schwerdtner räumte ein, dass Preisdeckel und Steuersenkung kurzfristig helfen könnten – ohne eine konsequente Energiewende bleibe der nächste Preisschock jedoch nur eine Frage der Zeit.
ifo-Präsident bezeichnet die Maßnahmen als Umverteilung – Wirtschaftsweise befürchtet Wohlstandsverlust
Besonders deutliche Worte fand Clemens Fuest, Präsident des ifo-Instituts. Er bezeichnete den Tankrabatt gegenüber der Bild klar als „Fehler“. Der Staat gebe erhebliche Summen aus, die zu einem großen Teil Menschen zugutekämen, die auf die Unterstützung gar nicht angewiesen seien. Sinnvoller wäre es aus seiner Sicht, die Kilometerpauschale für Fernpendler anzuheben und Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen direkt finanziell zu unterstützen. „Der Staat kann die hohen Energiepreise nicht aus der Welt schaffen, er kann die Kosten nur umverteilen. Da sollte man gezielt handeln und genau überlegen, zu wessen Gunsten man umverteilen möchte“, so Fuest.
Tomaso Duso, Vorsitzender der Monopolkommission, verwies auf Erkenntnisse aus dem ersten Tankrabatt: Von den damals eingesetzten 1,6 Milliarden Euro seien nach konservativen Schätzungen mindestens 200 Millionen Euro nicht bei Verbrauchern oder Unternehmen angekommen, sondern in den Bilanzen der Mineralölkonzerne verblieben. Der Spritpreisdeckel sei„ein bürokratisches Monster“. Internationale Erfahrungen – etwa aus Belgien und Griechenland – zeigten, dass Preisobergrenzen unter Umständen sogar dazu führen könnten, dass sich Anbieter an der Obergrenze orientieren und Preise dadurch faktisch steigen.
Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm nannte es im Kölner Stadt-Anzeiger „zynisch“, auf Kosten der jungen Generation Verbrennerfahrzeuge zu subventionieren. Die Politik versuche, mit opportunistischen Entscheidungen keine Wähler zu verärgern, erreiche aber das Gegenteil: Viele wendeten sich frustriert von den „etablierten Parteien“ ab, darunter Klimaschutzbefürworter ebenso wie Unternehmer. Da sich die Politik auf kurzfristige Maßnahmen konzentriere, fehle ihr die Kraft für dringend nötige Strukturreformen. „Dies dürfte für die Bürgerinnen und Bürger mehr Wohlstandsverlust bedeuten als vorübergehend höhere Spritpreise“, so Grimm.
Mineralölindustrie ist gesprächsbereit, warnt aber vor „erheblicher zusätzlicher Bürokratie“
Man nehme das Gesprächsangebot der Bundesregierung an, erklärte der Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbands Fuels und Energie, Christian Küchen, der Welt am Sonntag. Doch auch er warnte angesichts der 14.000 Tankstellen in Deutschland vor „erheblicher zusätzlicher Bürokratie“. Ein zu niedrig angesetzter Deckel könnte im schlimmsten Fall sogar die Versorgungssicherheit gefährden.
Damit der Tankrabatt wie geplant am 1. Oktober in Kraft treten kann, muss das Gesetz im Eiltempo verabschiedet werden. Catarina dos Santos-Wintz (CDU), Geschäftsführerin der Unionsfraktion, kündigte gegenüber der Rheinischen Post an, die Fraktionen würden das Paket so rasch wie möglich beraten und beschließen, damit Bürger und Unternehmen schnell entlastet werden. (Quellen: AFP, dpa, Bild, Rheinische Post, Redaktionsnetzwerk Deutschland) (jaka)