Tausende Jahre im Rhein: „Spektakulär“ - Hobbyarchäologe bei Niedrigwasser auf Suche

Tausende Jahre im Rhein „Spektakulär“ - Hobbyarchäologe bei Niedrigwasser auf Suche

Koblenz · Eine bronzezeitliche Gewandnadel oder sogar Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg? Am Rhein kann das aktuelle Niedrigwasser so manche Überraschung ans Licht bringen - und echte Gefahren.

15.08.2026 , 06:00 Uhr

Christian Ganser ist Hobby-Archäologe.

Christian Ganser ist Hobby-Archäologe.

Foto: Christian Butt/dpa

Wo normalerweise Wasser fließt, liegen Steine in der prallen Sonne. Der Rhein führt derzeit so wenig Wasser, dass an vielen Stellen Uferbereiche und Teile des Flussbetts frei liegen. Für Hobbyarchäologe Christian Ganser ist das eine seltene Gelegenheit. Mit einem Metalldetektor geht der 46-Jährige über die trockengefallenen Flächen im Raum Koblenz.

Das Gerät piept. Ganser bleibt stehen, geht noch einmal über dieselbe Stelle. Dann kniet er sich hin, schiebt einige Steine beiseite und nimmt eine kleine Spitzhacke zu Hilfe. Wenig später hält er ein Stück Metall in der Hand.

„Das gibt's doch nicht“, staunt er. Nach seiner ersten Einschätzung könnte es sich bei seinem Fund um den Kopf einer bronzezeitlichen Gewandnadel handeln - möglicherweise 3.000 bis 4.000 Jahre alt. Das Fundstück wird Ganser der Landesarchäologie melden, von der er auch eine amtliche Nachforschungsgenehmigung erhalten hat. 

Der Hobby-Archäologe Christian Ganser sucht mit Genehmigung der Landesarchäologie am Rheinufer.

Der Hobby-Archäologe Christian Ganser sucht mit Genehmigung der Landesarchäologie am Rheinufer.

Foto: Christian Butt/dpa

Spurensucher aus Leidenschaft

Das Niedrigwasser im Rhein ermöglicht archäologische Funde.

Das Niedrigwasser im Rhein ermöglicht archäologische Funde.

Foto: Christian Butt/dpa

Die Begeisterung für Geschichte begleitet Ganser schon seit seiner Kindheit. „Ich habe vermutlich die falschen oder die richtigen Bücher gelesen - Die Schatzinsel, Troja oder Julius Cäsar - seitdem bin ich verrückt nach Geschichte“, sagt er. 

Aktuell kann der Spurensucher seiner Leidenschaft besonders gut nachgehen. „Die Bedingungen sind wirklich außergewöhnlich“, sagt er. Große trockengelegte Flächen wie jetzt habe es zuletzt 2018 gegeben. Ein- oder zweimal pro Woche schafft er es derzeit ans Rheinufer. Viel häufiger lässt es sein Alltag mit Beruf, Kindern und Haushalt nicht zu. 

Und der Rhein gibt derzeit einiges frei. Neben modernem Müll findet Ganser auch Spuren vergangener Zeiten: Netzsenker aus dem antiken Fischfang, Vorderladergeschosse aus dem 17. Jahrhundert oder einzelne besondere Funde. In diesem Jahr seien ihm unter anderem eine Spitze einer Schwertscheide, eine frühmittelalterliche Gewandspange und bronzezeitliche Pfeilspitzen begegnet. Viele seiner Funde könnten mehr als 3.000 Jahre im Wasser gelegen haben. 

„Das ist natürlich spektakulär“, betont Ganser. Auf Instagram teilt er unter @confluentia.explorations seine Spurensuchen und Funde.

Auf die Suche, fertig, los?

Doch wer jetzt selbst am trockengefallenen Rheinbett auf die Suche gehen will, sollte vorsichtig sein - und nicht nur wegen der rutschigen Steine und des unebenen Geländes. Die gezielte Suche nach historischen oder archäologischen Funden ist in Rheinland-Pfalz grundsätzlich genehmigungspflichtig. Das gilt laut Landesarchäologie nicht nur für die Suche mit Metalldetektoren oder Magnetangeln, sondern auch für die gezielte Suche mit bloßem Auge.

Christian Ganser besitzt eine solche amtliche Nachforschungsgenehmigung der Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz. Sie erlaubt ihm, in einem festgelegten Gebiet gezielt zu suchen. Dabei muss er bestimmte Regeln beachten: Löcher wieder verschließen, keinen Müll hinterlassen und seine Genehmigung auf Verlangen vorzeigen. Macht er einen sogenannten unberührten Fund, muss er die Grabung einstellen. Dann übernehmen Archäologen die weitere Untersuchung.

Denn für die Wissenschaft ist nicht nur entscheidend, was gefunden wird. Ebenso wichtig ist, wo und unter welchen Umständen ein Gegenstand lag. „Ohne solche Informationen sind Funde aus wissenschaftlicher Sicht verloren“, erklärt Lennart Niehues von der Landesarchäologie.

Schon während des extremen Niedrigwassers 2018 gingen zahlreiche Fundmeldungen bei der Landesarchäologie ein. Auch jetzt melden sich wieder viele Menschen, wie Niehues berichtet. Doch: „Was uns erreicht, kann nur ein Bruchteil der tatsächlichen Funde darstellen, wie Blicke in die sozialen Medien zeigen“, sagt er. „Dort werden Funde oder Entdeckungen gepostet, aber nur in den seltensten Fällen auch bei der Landesarchäologie gemeldet oder angezeigt.“

Das trockengefallene Rheinufer birgt zudem noch eine andere Gefahr: Durch das Niedrigwasser werden derzeit auch Kampfmittel aus dem Zweiten Weltkrieg sichtbar, die zuvor unter Wasser verborgen waren, sagt Niehues. Von Patronen, Granaten oder Bomben könne weiterhin erhebliche Gefahr ausgehen. Wer einen verdächtigen Gegenstand findet, soll Abstand halten und Polizei oder Ordnungsbehörde informieren - keinesfalls sollte das Objekt berührt oder aufgehoben werden.

Wissen über die Vergangenheit

Ganser dokumentiert seine Funde und übergibt sie der Landesarchäologie. Dort werden sie erfasst, wissenschaftlich eingeordnet und datiert. Das kann mitunter mehrere Jahre dauern. In vielen Fällen erhalten die Finder ihre Stücke anschließend zurück. Besonders bedeutende Funde können allerdings nach dem Denkmalschutzgesetz Eigentum des Landes werden.

Ganser stört das nicht. Ihm gehe es vor allem um die Geschichte hinter den Gegenständen und darum, etwas zum Wissen über die Vergangenheit beizutragen.

Der Rhein wird irgendwann wieder steigen. Dann verschwinden die derzeit freiliegenden Flächen erneut unter Wasser. Bis dahin könnten noch weitere Gegenstände sichtbar werden - manches davon wertlos, manches vielleicht von wissenschaftlicher Bedeutung.

Für die Archäologen wäre es allerdings kein Grund, möglichst schnell alles aus dem Flussbett zu holen. Was seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden im Rhein liege, sei dort zunächst auch geschützt, betont die Landesarchäologie. Und niemand wisse, mit welchen Methoden Funde in Zukunft untersucht werden könnten.

© dpa-infocom, dpa:260815-930-533087/1

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