The Strokes: Ein Berliner Konzert für die Ewigkeit?

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Es kam an diesem gelungenen Strokes-Konzertabend einfach sehr vieles zusammen: Es war mit 24 Songs ihr längster Auftritt (dazu später mehr), Julian Casablancas trug wieder mal seinen Neue-Deutsche-Härte-Mantel à la Witt, Fab Moretti, die Super-Mario-Maschine am Schlagzeug, trank tatsächlich aus einem Bierkrug (mit Zinndeckel!), die Lasershow bot Tokyo Lights, wie man sie von den Cyberpunk-2077-Strokes der Zehnerjahre erwarten durfte, und der Ersatzgitarrist Steve Schiltz fiel physiognomisch nicht negativ auf, auch wenn er nie durch die Apparel-Schule der Strokes gegangen war und deutlich älter aussieht als der schöne Nick, der leider fehlt.

Auf YouTube hat ein Fan den treffenden Kommentar hinterlassen, die Strokes seien wie unsere Eltern, die nur noch wegen der Kinder zusammenblieben. Vielleicht stimmt das, aber es wäre schade, falls sie sich nach „Reality Awaits“, ihrem fantastischen siebten Album (früher hätte man es „Grower“ genannt, und der Autor dieser Zeilen lag mit seiner im Juli verfassten Rezension komplett daneben), auflösen sollten.

Albert Hammond, Jr., der wie immer am meisten von allen zu arbeiten scheint, bezeichnete die Platte als ihre beste. Top 3 ist sie ganz sicher.

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Die einzige Kalamität

Produzent Rick Rubin ist kein Disruptor, es geht ihm immer um Versöhnung, vielleicht hat er deshalb in Kooperation mit Casablancas diesen Vaporwave-Glitch-Sound für „Reality Awaits“ eingerichtet, im Grunde ein Memory-Lane-Feeling für eine Vergangenheit, die nur in nostalgischen Träumen existiert. Der Berliner Abend eröffnet mit jenem Shopping-Mall-after-the-Dark-Sound von „Going Shopping“, ein wirklicher Scheiß-Song, ein Springsteen-Verschnitt, den nur Rubin so verhunzen konnte, dass man die Speed-Drums Morettis nicht mal live hört.

Aber das ist die einzige Kalamität, es geht danach steil bergauf. Casablancas, dessen Ansagen auf Bootlegs unter der Rubrizierung „Banter“ ihre eigenen Indizes haben, nuschelt etwas von „Christopher Walken“, und die Band spielt „Hard To Explain“ auch live mit Break, den sie ohne Klick geschlossen fortführt. „Reptilia“, wahrscheinlich noch beliebter als „Last Nite“ (warum heißt „Reptilia“ eigentlich nicht „Room On Fire“?), trägt sich durch die ganze Arena, allein durch den Gesang des Publikums, das seit jeher die Gitarrenmelodie durch ein Scooter-artiges „Döp Döp“ repliziert. „The Adults Are Talking“ ist das neue „Steppin’ Out“. „Going To Babble On“ endet mit einer Queen-Coda. Nikolai Fraiture, der stillste, aber auch coolste Stroke, muss den Running Gag aufleben lassen, das Publikum mit Prolo-Ansagen aufzuheizen („Make Some Noise“). „Ode To The Mets“ erhält seinen Schlagzeugeinsatz nicht durch den Ruf „Drums please Fab“, sondern „Sex please, Fab“. „Psycho Shit“ fehlt leider, ein Lied, das seinesgleichen sucht, wenn es um die hasserfüllte Aussprache ausgerechnet des lieblichen Wortes „Pet“ geht.

Wie geht es mit den Strokes weiter?

Aber wie geht es mit den Strokes weiter? „Past. Present. Future“ hieß eine EP der Band, deren Song „Oblivius“ – glaubt man den Gerüchten – beim Coachella im April zum Streit zwischen Nick Valensi, der nun fehlt, und Julian Casablancas führte. In einer Videomontage wurde damals der große Bogen gesponnen zwischen den Bombardierungen in Gaza, Sklavenhandel in Amerika, Segregation und CIA-Interventionen. Casablancas ist ein erklärter Palästina-Unterstützer, Valensi jüdischer Abstammung. Vielleicht war das alles ihm einfach zu viel.

Die offizielle Erklärung lautet, Valensi sei derzeit müde. Aber für Konzerte mit Jack White und Singleaufnahmen hat er noch Power.

Sind die Strokes wirklich wie unsere Eltern, die nur noch wegen uns Kindern zusammenbleiben? Immerhin haben die Strokes in Berlin 24 Songs gespielt. Einer davon war ein improvisierter Jam.

Solche Momente sollte man gut festhalten. Im Schnitt veröffentlichen sie nur noch alle sechs, sieben Jahre eine Platte. Wenn die Strokes an dem Stück weiterfeilen, finden sie vielleicht wieder einen Grund, ins Studio zu gehen.