Timekettle: Das Geschäft mit der Sprachbarriere
Der chinesische Übersetzungskopfhörer Timekettle will Google und Apple die Show stehlen. Doch was kann er wirklich?
Die neue Generation der Timekettle-Übersetzungskopfhörer Foto: PR
„Unser CEO ist sehr jung“, flüstert der kleine, anthrazitfarbene Kopfhörer ins Ohr: „Er sieht aus, als wäre er erst 30 Jahre alt. Manchmal tut er es. Er kleidet sich wie ein sportlicher Stil.“
Nein, perfekt komponierte Sätze sind das nicht, die das Gerät des chinesischen Herstellers Timekettle da ausspuckt. Und doch sorgte die Technik bei der diesjährigen Technologiemesse ifa in Berlin für viel Aufsehen: Timekettles Kopfhörer sind das erste verfügbare Gerät, um Gesprochenes direkt synchron ins Ohr zu übersetzen. In zwei ganz unterschiedlichen Sprachen können sich Menschen so unterhalten und verstehen sich dennoch.
Bereits beim Mobile World Congress in Barcelona im Frühjahr hatte der Hersteller die Technologie gezeigt. In Berlin folgte jetzt der ganz große Auftritt. Der Gründer, Leal Tian – 38 Jahre alt –, war dafür aus dem südchinesischen Shenzhen angereist. Der frühere Huawei-Ingenieur hatte enorme Ankündigungen im Gepäck: Mehr als 1.000 Sprachpaare könne sein Dienst übersetzen, 52 Sprachen und 106 Akzente sollen über den Kopfhörer miteinander verbunden werden können.

Foto: PR
Selbstbewusst nennt er sein Betriebssystem „Babel OS“, eine Anspielung auf den Babelfisch aus dem Kultbuch „Per Anhalter durch die Galaxis“, den man sich ins Ohr steckt, um dann polyglott alle Sprachen der Galaxis zu beherrschen.
Ein verwegenes Ziel. Aber eines, das zu den Ambitionen des Start-ups passt. Denn Gründer Tian und sein Team haben sich nicht weniger vorgenommen, als mit ihrer Technologie die US-Giganten Apple und Google zu schlagen. Beide sind mit Übersetzungs-KI am Markt, und beide beherrschen diese Technologie bereits sehr gut.
Dennoch hat Timekettle es in den USA bereits geschafft, seinen Markt zu finden. Menschen dort sind von dem Produkt begeistert, weil das gut funktionierende Sprachpaar Englisch–Spanisch dort auf hohe Nachfrage stößt. Bloß: Kann Timekettle diesem Anspruch auch mit anderen Sprachkombinationen gerecht werden?

Ex-Huawei-Ingenieur Leal Tian gründete Timekettle 2019 mit Blick auf den US-Markt. Foto: PR/Timekettle
In den neun Jahren, seit der ehemalige Huawei-Ingenieur Timekettle gründete, will er eine Million Kopfhörer verkauft haben – für den stolzen Preis von aktuell 440 Euro das Stück: „Der Umsatz wächst nicht einmal so schnell, wichtiger ist uns, dass die Menschen die Kopfhörer häufiger nutzen“, sagt Tian. „Das wird sich später in einen Umsatzschub übersetzen.“ Und die durchschnittliche Nutzungsdauer habe sich, so Tian, im vergangenen Jahr verfünffacht.
Vom Bergbahn-Schock zum Millionenmarkt
Die Entstehungsgeschichte von Timekettle ist so kurz wie schlüssig: Die Eltern von Tian waren 2016 auf ihrer allerersten Europareise in der Schweiz unterwegs, als die Mutter in einer Bergbahn höhenkrank wurde – und sich das Paar trotz aller Sprachapps, die er den beiden als Vorbereitung heruntergeladen hatte, kaum verständigen kann, wie Tian erzählt: „Meine Eltern konnten noch nicht einmal ein Wasser kaufen.“ Aus dieser Erfahrung entwickelte Tian seine Geschäftsidee und gründete 2017 Timekettle. Inzwischen arbeiten 200 Menschen im Unternehmen.
Das Geld sammelt er auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter in den USA ein – mit knapp 280.000 Dollar bekommt er fünfmal mehr zusammen, als er eigentlich zum Ziel hatte. So ergibt es sich auch, dass die USA schnell zum wichtigsten Markt für Timekettle werden.
Der Anwendungsbereich der Geräte ist breit. Während man bei anderen Angeboten immer auf dem Display mitlesen muss, können sich Timekettle-Nutzer bei der Konversation in die Augen schauen. Das eignet sich sowohl für private Gespräche wie auch für geschäftliche Verhandlungen.
Ausgerechnet in China abgehängt
Ausgerechnet im eigentlichen Heimatmarkt China jedoch hat Timekettle sich nie durchgesetzt – hier dominiert der Konkurrent iFlytek mit einem Marktanteil von mehr als 70 Prozent. Das liegt wohl auch daran, dass Timekettle auf westliche Cloud-Dienste zugreift, die in China nur mit einer VPN erreichbar sind. Weltweit dagegen soll Timekettle laut chinesischen Medienberichten mit einem Umsatz von 256 Millionen Euro im Jahr 2025 derzeit der Marktführer in seinem Segment sein. Ausgeblendet sind dabei jedoch Apple und Google, die keine eigene Hardware für diese Anwendungen bauen, sondern Simultanübersetzungen als Zusatzfunktion für ihre Kopfhörer oder Smartphones anbieten.
Gegenüber den beiden Giganten sieht Timekettle seine Chancen in der einfachen Bedienbarkeit. Bei Apple müssen beide Teilnehmer mit den Kopfhörern des Unternehmens ausgestattet sein, damit die Übersetzung möglich ist. Google Translate funktioniert zwar mit nahezu allen Bluetooth-Kopfhörern als Simultanübersetzer – man muss sich allerdings tief in die Gebrauchsanweisungen einarbeiten.
Timekettle-Kopfhörer dagegen funktionieren sofort: Anders als klassische Kopfhörer, bei denen nur ein Kanal offen ist und man sich mit Sprechen und Zuhören abwechseln muss, kann Timekettle die Vier-Wege-Simultanübersetzung: Beide Teilnehmer können zeitgleich sprechen und übersetzte Sprache erhalten – theoretisch. In der Praxis aber ist oft so viel Latenz in der Übersetzung, dass der andere schon ausgesprochen hat, wenn die Übersetzung eintrifft.
Eine spezielle „Vector Noise Cancellation“ filtert gezielt wirklich nur die Stimme des Sprechenden heraus aus den Umgebungsgeräuschen. Die sogenannte Knochenleitung nimmt mit einem Vibrationswandler die Schwingungen an den Wangenknochen auf und nutzt sie als weiteren Input, der mit den anderen Signalen kombiniert wird, erklärt Gründer Tian.

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Wenn die Übersetzung zu spät kommt
Die eigentliche Übersetzungsleistung kauft Tian teilweise von Anbietern von Large Language Models ein. In einer Produktinfo nennt Timekettle als Dienstleister konkret Microsoft, Google und DeepL. Zudem werde DeepL in Europa priorisiert. Laut Unternehmenskreisen unterhält DeepL aktuell jedoch keine aktive Geschäftsbeziehung mit Timekettle. Eine Anfrage der WirtschaftsWoche lassen alle drei genannten Anbieter unbeantwortet. Tian weicht der Frage aus: „Wir mixen die Übersetzungsengines mit unserem eigenen System.“ Die Nutzer interessiere es nicht, „ob er das Timekettle-System höre, Google oder DeepL“: „Unser Ziel ist es, das bestmögliche Resultat zu liefern.“
Je nach Standort des Nutzers und Sprachpaar bestimmt laut Tiang die KI die beste Kombination aus einem Server-Standort mit der niedrigsten Latenz und dem leistungsfähigsten Sprachmodell: „Babel OS entscheidet, welcher Server und welches Modell verbunden werden.“
Die KI entscheidet – der Nutzer nicht
Für den Nutzer bleibt die Entscheidung intransparent: „Wenn eine Anfrage aus Frankfurt kommt, verarbeiten wir sie in einem Frankfurter Datencenter und schicken sie nicht nach China“, erklärt Tian. Selbstverständlich halte man sich an die Datenschutzgrundverordnung, das überprüfe auch ein externer Dienstleister. Diese Unklarheiten aber dürften es Timekettles Erfolg derzeit noch um einiges schmälern. Gerade im geschäftlichen Kontext werden es nur die wenigsten Kunden akzeptieren, dass sie Timekettle alle Details etwa von Verkaufsverhandlungen anvertrauen sollen – ohne jegliche Kontrolle darüber zu haben, bei wem genau diese Daten letztlich landen.
Immerhin hat Timekettle inzwischen selbst auch 13 Offline-Sprachpaare für die Nutzung ohne Internet programmiert, die Nutzer auf ihre Kopfhörer herunterladen können. Das Offline-Sprachpaar Deutsch–Chinesisch zum Beispiel würde bei einer China-Reise sehr relevant, da von China aus nicht auf die westlichen Cloud-Anbieter zugegriffen werden kann, auf denen Timekettles Dienstleistungen basieren.

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Technische Grenzen der Simultanübersetzung im Praxistest
Im Praxistest offenbaren die Kopfhörer einige Schwächen. So schaffen es die Kopfhörer bei einer Unterhaltung mit den Sprachpaaren Deutsch–Hindi und Deutsch–Tamil problemlos, Formalitäten wie die Frage nach Getränkewünschen zu beantworten. Als jedoch ein Gespräch über die Wahl des geeigneten Studienfachs beginnt, hängt sich die Software auf. Die Übersetzung dauert nicht nur lange. Aus flüssigen Sätzen werden maschinell klingende Allgemeinplätze.

Abhänging vom Sprachpaar: Die Silutanübersetzung ist noch nicht perfekt. Foto: PR
„Es hängt vom Sprachpaar ab und davon, wie viele zugrundeliegende Daten den Sprachmodellen zur Verfügung stehen“, sagt Tian. Der Professor für Dolmetscherwissenschaften und Sprachtechnologien, Claudio Fantinuoli, von der Uni Mainz pflichtet Tian bei: „Anhand einer einzelnen Anwendung oder eines Sprachpaar kann man die großen Fortschritte, die gerade in KI-Übersetzung gemacht werden, unmöglich beurteilen.“ Die maschinelle Simultanübersetzung sei noch nicht perfekt, aber „die Verbesserungen beschleunigen sich massiv.“

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Noch arbeitet Timekettle mit Modellen, die zunächst das gesprochene Wort transkribieren und den erfassten Text anschließend maschinell übersetzen. Ein neuer, weniger fehleranfälliger und stärker am Original bleibender Ansatz ist ein sogenanntes „Audio-Large-Language-Model“, das das Gesprochene ohne jegliche Zwischenschritte übersetzt: „Das überträgt sogar den Tonfall und Nuancen in die andere Sprache“, schwärmt Fantinuoli. Eingesetzt wird es zum Beispiel im Pixel-Handy oder bei der Synchronisation von YouTube-Videos: „Alles ist inzwischen möglich – mich überrascht nichts mehr.“
Warum KI menschliche Dolmetscher vorerst nicht ersetzt
Noch aber erreichen die Modelle dieses Niveau in der Praxis nicht. „Die Sprachmodelle allein sind noch nicht gut genug für eine Simultanübersetzung“, sagt Jan Niehues, Professor für Übersetzungs-KI am Karlsruher Institut für Technologie (KIT): „Ich freue mich sehr, wenn es klappt, aber wenn Leute behaupten, alles sei gelöst, dann stimmt das einfach nicht.“ Es sei sehr viel Kontext nötig, damit ein Inhalt verständlich wird – etwa Informationen aus der jeweiligen Situation. Auch Eigennamen seien oft ein Problem. „Simultandolmetscher werden noch lange nicht arbeitslos“, so Niehues’ Prognose.
Die Timekettle-Kopfhörer und die Frage, ob mit ihnen die universelle Verständigung möglich wird, faszinieren die Menschen. So testete die Wochenzeitung „Zeit“ die Kopfhörer darauf, ob man die Menschen in einem Asia-Center belauschen könnte in der eigenen Sprache. Ein lustiges Experiment, das natürlich scheiterte: „Es ist immer eine Herausforderung, wenn wir etwas Neues erfinden“, sagt Tian. „Wir stellen uns einen speziellen Use Case als möglich vor, und dann klappt es doch nicht.“

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