Stand: 19.10.2026, 20:09 Uhr
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Einschnitt für den Wirtschaftsstandort Süddeutschland: Nach 115 Jahren stoppt der Zigarrenhersteller Villiger seine Produktion im baden-württembergischen Waldshut-Tiengen. 40 Arbeitsplätze fallen weg.
Waldshut-Tiengen – Im deutschen Mittelstand setzen sich Werksschließungen und Produktionsverlagerungen fort. Nach 115 Jahren Firmenhistorie stellt der Zigarren- und Zigarillohersteller Villiger die Fertigung an seinem Traditionsstandort in Waldshut-Tiengen (Baden-Württemberg) ein. Wie der Südkurier zuerst berichtete, soll die Zigarrenproduktion schrittweise bis Ende 2027 vollständig ins Schweizer Stammwerk nach Pfeffikon sowie nach Jember in Indonesien verlagert werden.
Für die Belegschaft im Dreiländereck bedeutet die Restrukturierung einen harten Einschnitt: Rund 40 der derzeit 190 Arbeitsplätze in Tiengen fallen durch diesen Schritt weg. Das Unternehmen begründet den Rückzug aus der deutschen Fertigung mit Überkapazitäten, rückläufigen Absatzzahlen im klassischen Tabakmarkt sowie gestiegenen bürokratischen und regulatorischen Anforderungen.
Tabakkonzern Villiger in Deutschland: Logistik bleibt – Zigarren kommen künftig aus der Schweiz und Asien
Ganz aufgegeben wird das grenznahe Werk an der Wutach nicht: Tiengen soll künftig als Drehkreuz für Logistik, Konfektionierung, Vertrieb und die gesetzlich vorgeschriebene Sendungsverfolgung („Track and Trace“) für den europäischen Markt fungieren. In Deutschland und der EU erwirtschaftet das 1888 gegründete Familienunternehmen rund 80 Prozent seines Jahresumsatzes von zuletzt über 130 Millionen Schweizer Franken.
Christoph Schüpbach, CEO der Villiger-Gruppe, erklärte gegenüber dem Südkurier zur Tragweite der Entscheidung: „Die geplante Verlagerung der Produktion ist einschneidend für unser Werk in Waldshut-Tiengen. Uns ist bewusst, dass diese Veränderung für die Mitarbeitenden mit großen Unsicherheiten verbunden ist.“ Man wolle den Personalabbau über Fluktuation, Pensionierungen und interne Wechselmöglichkeiten so sozialverträglich wie möglich gestalten, betriebsbedingte Kündigungen seien jedoch nicht ausgeschlossen.
Für den Standort ist es bereits der zweite Rückschlag binnen weniger Monate: Erst im Spätsommer musste die Villiger-Tochtergesellschaft 5th Avenue Products Trading – exklusiver Deutschland-Importeur für kubanische Zigarren – Insolvenz anmelden, nachdem EU-Sanktionen gegen einen mittelbaren Gesellschafter griffen.
Wandel der Tabakbranche trifft auf schwierige Wirtschaftslage im Süden
Der Ausstieg aus der deutschen Zigarrenproduktion spiegelt den tiefgreifenden Wandel der Tabakbranche wider. Während der Absatz klassischer Tabakwaren seit Jahren sinkt, wächst der Markt für E-Zigaretten und moderne Nikotinprodukte rasant. Gleichzeitig belasten europäische Dokumentationspflichten und steigende Tabaksteuern die Hersteller.
Gleichzeitig steht das Produktions-Aus bei Villiger im Kontext der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung im Süden: Sowohl in Baden-Württemberg als auch in Bayern häufen sich Betriebsaufgaben und Insolvenzen im verarbeitenden Gewerbe. Hohe Energiekosten, Zinsen und bürokratische Hürden belasten immer mehr Betriebe. Auf Bundesebene verzeichnet Deutschland parallel dazu einen Höchststand bei den Firmenpleiten: Nach Erhebungen des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) liegt das Insolvenzaufkommen auf dem höchsten Stand seit über 20 Jahren und übertrifft das Niveau der Vor-Corona-Jahre um rund 75 Prozent. (Verwendete Quellen: Südkurier, Unternehmensmitteilung Villiger, Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Merkur.de-Archiv) (stma)