Ryanair-Treppenstürze: Warum fallen Passagiere so oft?

Es sind Fälle im wahrsten Sinne des Wortes, die die Billigfluggesellschaft Ryanair in einer italienischen Untersuchung in den Fokus rücken. Ausgewertet wurden Stürze von Passagieren auf Treppen am Flugzeug beim Ein- oder Aussteigen. Und die Daten der italienischen Flugsicherheitsbehörde ANSV deuten an, dass Ryanair-Passagiere statistisch häufiger zu Fall kommen als Kunden anderer Airlines.

104 gemeldete Stürze, zu denen es in Jahren 2023 bis 2025 an italienischen Flughäfen kam, hat die Behörde analysiert. Auffällig daran: 85 davon ereigneten sich den Stufen an einem Ryanair-Flugzeug der Boeing-Baureihe 737, die restlichen 19 bei allen übrigen Fluggesellschaften zusammen. Auf Ryanair entfielen 82 Prozent der Treppenstürze, obwohl die Gesellschaft laut ANSV nur knapp 27 Prozent der Passagiere in der italienischen Luftfahrt befördere. Gleichwohl sind Treppenstürze am Flugzeug selten. Alle Airports Italiens zusammen zählten im vergangenen Jahr 219 Millionen Ein- und Aussteiger. Demnach fiel nur ein Reisender unter mehreren Millionen, die Sturzwahrscheinlichkeit scheint bei Ryanair aber höher.

Die Ursachensuche führt zur Treppe. Denn die ist bei dem irischen Billigflieger häufig anders als bei anderen Airlines. Ryanair ist eine von wenigen Fluggesellschaften, deren Flugzeuge oft die Treppe mitbringen. Nach dem Erreichen der Parkposition am Zielflughafen wird sie unterhalb der Vordertür aus dem Rumpf ausgefahren. Boeing bietet diese Mitnahmetreppe als Extra für die Mittelstreckenflugzeugbaureihe 737 an.

Schmaler und steiler

In dem italienischen Untersuchungsbericht wird eine Boeing-Stellungnahme zitiert, dass dem US-Konzern keine amerikanische Fluggesellschaft bekannt sei, die diese Ausklapptreppe verwende. Die Option scheine vor allem in Europa genutzt zu werden. Und weiter heißt es: „Die Vorfälle im Zusammenhang mit den Treppen wurden fast ausschließlich von einem in Irland ansässigen Betreiber gemeldet.“ Dort sitzt Ryanair.

Der Billigflieger leistet sich die Zusatzoption für die eingebaute Treppe – mit dem Kalkül, dass der Flugbetrieb dann günstiger ist. Am Flughafen muss kein Bodendienstleister mehr beauftragt werden, eine Treppe heranzurollen. Und Wartezeiten wegen fehlender Treppen werden auch vermieden. Doch die Ausklapptreppe ist schmaler und steiler als eine herangerollte. Sie ist bloß 61 Zentimeter breit. Die zwölf Stufen sind etwa 20 Zentimeter hoch, der Stufenauftritt ist je 25 Zentimeter tief, die Treppe hat eine Neigung von 35 Grad. Und die oberste Stufe hat wegen des zum Bug hin schlanker werdenden Rumpfs eine andere Form als die übrigen Stufen.

Das Treppenmodell ist nicht zum ersten Mal Thema einer Untersuchung. Irische und spanische Behörden haben sich nach Stürzen in den vergangenen Jahren schon damit beschäftigt. Binnen fünf Jahren soll es insgesamt 360 Vorfälle auf den Ausklapptreppen gegeben haben. Die spanische Stelle empfahl gar, Boeing solle die Treppe neu konstruieren, und Ryanair solle sie bis auf Weiteres nicht nutzen. Die irische Stelle wies hingegen darauf hin, dass es keine Rechtsvorgaben für Maße solcher Treppen gebe. Die Italiener nennen nun Vorgaben für Treppen, die auf dem Vorfeld herangefahren werden. Die dürfen eine Neigung von 24 bis 40 Grad haben. Hinsichtlich der Maße für Stufenhöhen und Auftrittsflächen liegt Ryanair noch in der branchenüblichen Spanne, wenn auch am Rand.

Während die Untersuchung in Italien lief, hat Ryanair reagiert. Durchsagen im Flugzeug wurden angepasst. Zum Ausstieg müssen Flugbegleiter nun auch wiederholt erklären, dass Passagiere auf jeden Fall das Treppengeländer nutzen sollen. Die Durchsagen müssen auf Englisch sowie in den Sprachen des Abflug- und des Ziellandes erfolgen. Der Verweis auf das Geländer hat auch einen Grund, die Treppe scheint nicht die einzige Sturzursache zu sein. Mehrfach fielen aussteigende Reisende, die in beiden Händen Gepäckstücke trugen und sich nirgendwo festhielten. In einem Fall ist zudem nachgewiesen, dass der betroffene Reisende alkoholisiert war.