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Was für Dörfer, die sich da an die Landstraße drücken, irgendwo im brandenburgischen Niemandsland zwischen den alten Mächten Preußen und Sachsen. Tief im Osten also. Aber mittendrin in einer von Tagebauen malträtierten Landschaft, unweit der Autobahn, die Berlin mit Dresden verbindet, auf der niemand abfährt, um von der Trostlosigkeit der Gegend nicht angesteckt zu werden. Würden die Reisenden mit der Bahn fahren, zögen sie spätestens jetzt die Gardinen zu.
Aber es gibt keine Bahn und auch keine Gleise. Bestenfalls eine vernarbte Landstraße und einen Überlandbus. Der fährt schon selten genug und nur unter der Woche. Trotzdem ist er leer, weil weder jemand gebracht, noch abgeholt wird.
Die Niederlausitzer Orte, die unweit der alten Kreisstädte Luckau und Calau, im Schatten der pulsierenden Autobahnmagistrale liegen, scheinen für niemanden ein Ziel zu sein. Dabei hat die Gegend einst mit seiner unberührten Natur, den unendlichen schwarzen Kieferwäldern, den Waldseen und Fließen für einen Erholungsaufenthalt geworben. Dazu Einkehr, Gondelfahrt und Übernachtung an frischer Luft. Heute ist der Reisende froh, findet er noch ein Gasthaus. Eigentlich ist das ausgeschlossen, denn den alten Dreiklang Kirche, Schloss und Dorfschänke gibt es schon lange nicht mehr und trotz allem sichtbaren Wohlstand in den Dörfern ist die Trostlosigkeit in die Orte gezogen.
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Rücksichtsloser Umbau zu Wohnzwecken
Die Ursachen sind vielfältig, der letzte Krieg hatte bereits tiefe Wunden geschlagen. Die Kriegerdenkmale vor den Dorfkirchen erinnern an die Gefallenen und Vermissten. Zahlenmäßig wurden die Verluste ohne Probleme durch die Aufnahme von Vertriebenen aus der Neumark und Schlesien wettgemacht. Wenngleich die Fremden auch ungern gesehen wurden, fanden sie zwangsläufig ein neues Zuhause und brachten eine eigene Vitalität in die Aufnahmeorte.
Letzteres war auch der großen Zahl von Kindern geschuldet, die mit den Trecks aus dem alten deutschen Osten hinter die neuen von den Siegern gezogenen Grenzen strömten. Sie trugen ihrerseits dazu bei, die dörfliche Infrastruktur zu erhalten. Hier fand eher ein Raubbau am kulturellen Erbe statt, manch Herrenhaus wurde Kinderheim, Konsum oder diente nach rücksichtslosen Umbauten zu Wohnzwecken.
Doch die Dorfbevölkerung hatte die Herausforderung gemeistert, obgleich nach der Bodenreform „Junkerland in Bauernhand“, die in den Fünfzigerjahren beginnende Zwangskollektivierung neue Abhängigkeiten schuf. So wurden die soeben mit Land bedachten Neubauern als auch die alteingesessenen Bauern das Land wieder los. Ziel war es, die gesamte Bauernschaft in die Produktionsgenossenschaften (LPG) zu zwingen. Mit der erwarteten Produktivitätssteigerung sollte ganz nach sowjetischem Vorbild eine industrielle Produktion landwirtschaftlicher Güter ermöglicht werden.
In der Folge kehrten Hunderttausende dem SED-Staat und ihrem Kollektivierungswahn den Rücken. Die meisten zog es in den Westen, Republikflüchtige, wie es offiziell hieß. Das Tor zum Westen stand in Berlin, keine Tagesreise entfernt. Doch auch die Abwanderung stellte die Vitalität der dörflichen Gemeinwesen nicht in Frage. Sie funktionierten trotz erheblichen Aderlasses.
Mit dem Mauerbau versiegten die Fluchtströme. Über Nacht war es vorbei mit dem massenhaften „Abhauen“. Die Dorfbewohner mussten sich wie alle Bürger des jungen Staates mit der neuen Ordnung arrangieren, sich anpassen. Und das machten sie, so gut sie konnten. Schließlich ging das Leben weiter, es wurden Kinder geboren, es wurde geheiratet und es wurde gestorben. Und dazwischen musste irgendwie gelebt werden.
Neulewin im Landkreis Märkisch-Oderland in Brandenburg
© f8das bild/Imago
Ungemeiner Fleiß und Geschäftstüchtigkeit
Die Dörfer stabilisierten sich und die Bewohner wussten im Laufe der Jahre durchaus die Vorteile genossenschaftlicher Bearbeitung von Großflächen und Massentierhaltung zu schätzen. Denn damit war man seiner Zeit weit voraus. Dank ungemeinem Fleiß und Geschäftstüchtigkeit entstanden so dörfliche Strukturen, denen man heute nur wehmütig nachweinen kann.
Als Beispiel sei der Ort Zinnitz genannt, das erst größere Dorf, wenn man die besagte Autobahn verlässt. Auf die ca. 350 Seelen des Ortes nebst zwei kleinerer Ortsteile kam eine Dorfschule (bis zur 8. Klasse), ein Hort, ein Kindergarten, eine Kinderkrippe, eine Post, drei Gaststätten (je Ortsteil eine), die gelegentlich Tanzveranstaltungen und andere Feste anboten. Ein Lebensmittelladen, der Konsum hieß, ein Fleischer, der auch Milch verkaufte, ein Bäcker, eine Bäuerliche Handelsgenossenschaft (BHG), die allerlei Gerätschaften für die Landwirtschaft anbot. Ein Industrieladen, in dem sogar technische Geräte und Textilien verkauft wurden, ein Fahrradladen, eine Schmiede, ein Friseur, ein Zahnarzt, ein Schneider, eine Karosseriewerkstatt, zwei Tischlereien, eine Krankenschwesterstation und natürlich eine LPG. Dazu gab es jeden Donnerstag im alten Gartensaal des Schlosses Kino, nachmittags für die Kinder, abends für Erwachsene.
Bei so viel intaktem Dorfleben würde man heute von Musterdorf sprechen. Damals, in Zeiten deutlich geringerem Wohlstandes eine Normalität. Wie viele hatten so im Dorf ihr Auskommen und bedurften weder eines Überlandbusses noch eines Autos.
Ein Dorf, das lebt, als Heimat, in dem jeder arbeiten und leben kann, am besten autark, ist Vergangenheit. Was bleibt, sind Erinnerungen an eine Zeit, die trotz ihrer einfachen Verhältnisse oder gelebter Bescheidenheit seiner Bewohner Lebensqualität bot, die heute unerreichbar ist.
Der Verlust von „sozialen Kommunikationszentren“
Auch wenn wie am Beispiel von Zinnitz, die Schule auf Grund der fehlenden Schüler (eine Reihe von Nachbargemeinden fiel dem Tagebau zum Opfer) geschlossen wurde, hat der Niedergang dörflichen Lebens hier wie überall in den neuen Bundesländern mit den veränderten politischen und ökonomischen Verhältnissen in Folge der Wiedervereinigung zu tun. Gewinnmaximierung, Effizienzsteigerung, Renditen sind die modernen Schlagwörter. Mit Ihnen kamen nicht nur die großflächigen Eingemeindungen, die die Identifikation der Bürger mit ihrem Gemeinwesen erschwerten, sondern auch der Verlust von „sozialen Kommunikationszentren“, wie sie Geschäfte und Gaststätten boten und den sozialen Zusammenhalt sicherten. Zwar sind die Häuser renoviert, die Dächer neu gedeckt, die Höfe gepflastert und die Straßen asphaltiert, doch scheint aus den Orten das Leben gewichen zu sein.
Heute zählt Zinnitz noch einen Agrarbetrieb mit einer Handvoll Mitarbeiter, einen Friseur, eine Karosseriewerkstatt, eine Imkerei und eine Ferienwohnung. Zum Glück gibt es in Zinnitz dank engagierter Bürger einen Heimatverein und die Freiwillige Feuerwehr. Sie stemmen sich gegen die Zeitläufe. Dafür sind Gasthäuser weit und breit nicht mehr zu finden. Der Einkauf ist nur noch in den großen Einkaufszentren, vornehmlich der Kreisstädte möglich und damit ein Auto lebensnotwendig.
Die Dörfer sind blühende Landschaften, aber zu Schlafstätten degradiert. So gesehen hat der Fortschritt dem Ort nicht gutgetan. Die Moderne hat nicht nur zu Mobilität, sondern auch zu fehlender Lebensqualität, zur Individualisierung, zur sozialen Entkernung, zum Auseinanderdriften, ja zur Entfremdung geführt.
Andreas H. Apelt, Schriftsteller und Publizist, promovierter Politikwissenschaftler, DDR-Oppositioneller, zahlreiche Veröffentlichungen zur deutschen Zeitgeschichte, zuletzt: „Sechsunddreißig Seelen“, Roman. Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
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