Wochenlang hatte im Juli eine der für mich schönsten Regionen der Welt mit nie zuvor erlebten Waldbränden zu kämpfen. Abertausende Hektar wurden von Feuer und Flammen verwüstet, Feuerwehr und Bevölkerung leisteten höchste Anstrengungen, um ihre sehenswerte Heimat zu retten und wieder auf Vordermann zu bringen.
Und eine deutsche überregionale Zeitung mit drei Buchstaben, für die das Glas nicht selten halb leer zu sein scheint, war sich nicht zu schade, zu titeln: „Der Absturz von Bordeaux“. Es folgte ein in meinen Augen nicht nur völlig unangebrachter, sondern auch einseitig recherchierter Artikel über den angeblichen Niedergang der Weinwirtschaft. Da mein Credo hingegen stets ein halbvolles Glas ist, schreibe ich heute über meine Herzensangelegenheit: Bordeaux.
20 Winzerpersönlichkeiten, 30 Weingüter
Nur wenige Regionen sind so vielfältig wie eben jene im Südwesten Frankreichs. Nehmen wir etwa Cap Ferret und Arcachon, nahe des Atlantischen Ozeans, oder die Stadt Bordeaux selbst – allein sie ist einen Besuch wert, ganz gleich, ob man sich für Wein interessiert oder nicht. Oder St. Émilion zum Beispiel: Hier wurden Ort und Umgebung bereits 1999 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt.
Weitere 15 Minuten von St. Émilion entfernt befindet sich außerdem das Château Marjosse. Wenn sich eine Familie seit 1650 und über fünf Generationen hinweg der Passion Wein verschrieben hat und mit dem Schwerpunkt in Frankreich lebt, dann will das wohl etwas heißen. Und so kommen wir heute zur Familiendynastie der Lurton.
Sowohl der Ort St. Émilion als auch dessen Umgebung wurden 1999 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt.
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Wir sprechen von fast 20 Winzerpersönlichkeiten, die weltweit mehr als 30 Weingüter prägen und verantworten – jedes für sich mit eigener Geschichte und Charakteristik. Der sicherlich bekannteste Vertreter der Familie ist Pierre Lurton, ein charismatischer und nach Perfektion strebender Gentleman. Jahrzehntelang verantwortete er die Geschicke von so manchem namhaften Château, etwa dem Cheval Blanc in St. Émilion und dem d’Yquem in Sauternes, für die er noch heute als Präsident um die Welt fliegt. Für Liebhaber zählen diese Weine der Louis-Vuitton-Moët-Hennessy-Gruppe zum Gipfel des Weingenusses.
Ich möchte Ihnen heute jedoch die Weine seines Château Marjosse ans Herz legen. Interessanterweise ist dieses Weingut in Deutschland noch weitgehend unbekannt; in London, Paris, New York und selbst im entfernten Brasilien hingegen stehen die Marjosse-Weine bereits seit einigen Jahren auf namhaften Weinkarten und erfreuen sich Nachfrage und Begeisterung.
1991 kaufte Pierre Lurton dieses charmante Weingut im Bordelais und investierte eine beträchtliche Summe, um seinem Anspruch, stets beste Qualität zu liefern, gerecht zu werden. Hierfür musste er zunächst neue Reben anlegen und einen neuen Keller bauen. Vom ersten Moment an ging es ihm darum, auf lange Sicht bestmögliche Bedingungen zu schaffen, sodass weitere Generationen damit planen können.
Allein der neu gebaute Keller erstreckt sich auf über 180 Meter und beherbergt mehr als 40 Zementfässer. Auf ausgezeichneten Lehm- und Kalksteinböden wächst heute an mehr als 35 Jahre alten Rebstöcken eine Vielzahl verschiedener Traubensorten für die Weiß- und Rotweine des Château Marjosse heran. Alle Trauben werden von Hand gepflückt und separat vinifiziert.
Verantwortete jahrzehntelang die Geschicke von so manchen namhaften französischen Châteaux: Pierre Lurton
© IMAGO/Edward Wong
Gepflückt wird auf Château Marjosse lange vor Sonnenaufgang. Hier ist es noch kühler, was für ein deutlich besseres Ergebnis sorgt. Gerade im Sommer und dem vor der Tür stehenden Herbst empfehlen sich die Einstiegsqualitäten, der Marjosse Blanc und Rouge. Im Blanc vereinen sich Sauvignon Blanc, Sauvignon Gris, Sémillon und ein Hauch Muscadelle zu einem Wein, der hervorragend zu Speisen wie zum Beispiel Meeresfrüchten oder einem Ceviche genossen werden kann. Seine Aromenkomposition von Mango, Grapefruit und Ananas sowie eine leichte Bitternote von Orangen befähigen ihn auch zum einfachen Genuss bei schönstem Sonnenschein.
Beim roten Château Marjosse spielt der Merlot die erste Geige, was bedeutet, dass rund 80 Prozent der verwendeten Trauben Merlot-Trauben sind. Diese geben ihm eine ausgezeichnete Kraft und Struktur. Eine perfekte Mischung aus Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon und etwas Malbec runden den Wein ab. Für zwölf Monate reift der Rotwein in zu 50 Prozent neuen Fässern aus französischer Eiche heran, bevor er auf den Markt kommt. Ich genieße ihn sehr gerne zu Geschmortem, einem schönen Saftgulasch zum Beispiel.
Wo namhafte Pariser Sommeliers gerne zulangen
Tja, und dann kommen wir zu den Filetstücken, sprich Qualitäten allerhöchster Weinmacherkunst. In Kleinstmengen vinifiziert Pierre Lurton mit seinem Team aus außergewöhnlichen Rebsorten reine Weine. Darunter einen hundertprozentigen Chardonnay namens Chardonneret. Dieser wächst auf kieselsäurehaltigem Kalksteingestein und erfährt eine zehnmonatige Fermentation und Lagerung in Fässern aus französischer Eiche, zum einen in neuen, aber auch in alten Fässern.
Des Weiteren umfasst das reinsortige Weinangebot einen Muscadelle namens Hirondelle, einen Malbec als Gros Bec, einen Cabernet Franc als Ortolan und einen Merlot als Les Truffiers. Von all diesen genannten Weinen gibt es je Jahrgang nur zwischen 1500 und 6000 Flaschen – wovon namhafte Sommeliers in Pariser Sternerestaurants kaufen, so viel sie bekommen können. Und da das Auge bekanntermaßen mitgenießt, sind alle Etiketten ebenfalls schön anzusehen.
Das Auge trinkt mit: Schöne Etiketten wie das des Rotweins sind beim Château Marjosse ebenso wichtig wie der Flascheninhalt.
© Château Marjosse
Nicht nur, um das Sortiment abzurunden, sondern vor allem, weil Pierre Lurton mit seiner Frau Alexandra auch wahnsinnig gerne Champagner genießt, gibt es auch alle Jahre einen sehr hochwertigen sprudelnden Begleiter namens Blanksy. Der Blanksy Brut Nature, aktuell Jahrgang 2019, besteht zu einhundert Prozent aus Chardonnay, also ein Blanc de Blancs, und seine Fermentation erfolgt zur einen Hälfte im Holzfass, zur anderen in einem thermoregulierten Betontank. Mindestens vier Jahre lang verbleibt er auf der Hefe im Keller. Sein ebenfalls attraktives Etikett ist in Zusammenarbeit zwischen Pierre Lurton und dem brasilianischen Künstler Walmor Correa entstanden.
Mit seiner eleganten und frischen Charakteristik, seinen Aromen von Citrus, exotischen Früchten und einem Hauch Haselnuss ist der Blanksy der perfekte Begleiter zu Austern, gegrilltem Steinbutt, einer Seezunge oder einem Hummer und verträgt dazu auch eine leichte Schärfe bei passenden Soßen zu eben genannten Speisen. Was alle Weine des Château Marjosse besonders empfehlenswert macht, ist ihr grandioses Preis-Leistungs-Verhältnis. Alle liegen sie zwischen zehn und 40 Euro – allerdings nur in von Pierre Lurton ausgewählten Weinfachgeschäften.
Vom Regionalflughafen BER: Auf nach Bordeaux!
Doch zurück zum Anfang und dem wenig erquicklichen Artikel jener überregionalen Zeitung mit den drei Buchstaben. Freunde von mir mussten vor den Waldbränden fliehen. Sie wurden gleich dreimal evakuiert und kehrten erst vor wenigen Wochen wieder zurück in ihre Heimat Bordeaux. Sie sagten etwas Bemerkenswertes: „Wir wollen keine einseitigen Spenden. Es wäre schön, wenn viele Menschen wieder in die Region Bordeaux reisen würden, unsere Schönheit bewundern und ihren Gaumen von unseren lokalen Produkten verwöhnen lassen. Bis dahin und bei der Planung Eurer Reise trinkt Bordeaux-Weine mit gutem Gewissen und Freude!“
Traubensaft aus dem französischen Südwesten – dafür lohnt sich sogar eine Anreise vom Hauptstadtflughafen BER.
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Für alle Berlinerinnen und Berliner: Vom Regionalflughafen BER aus fliegt Easyjet in etwas mehr als zwei Stunden nach Bordeaux, eine der wenigen Direktverbindungen, die die Lufthansa in ihrem Kleinhalten von Berlin noch nicht verhindert hat. Es ist bedauerlich, welche Macht die Lufthansa auf den Standort Berlin ausübt, um das Wachstum am Berliner Flughafen durch andere interessierte Fluglinien zu verhindern und ihre Drehkreuze Frankfurt und München zu stärken – bedenkt man, dass die Milliardenhilfe während der Corona-Zeit aus dem gesamtdeutschen Steuerbudget die Lufthansa am Leben hielt.
Aber bevor ich weiter abschweife: Besuchen Sie Bordeaux! Sie werden es nicht bereuen und ich danke Ihnen dafür sehr! Auf Ihr Wohl!
Zum Autor: Martin Pelz ist geschäftsführender Gesellschafter des Berliner Restaurants Einstein Unter den Linden und Weinkolumnist dieser Zeitung. Er begann in der Gastronomie, arbeitete unter anderem im Berliner Hotel Adlon und gründete 2002 eine Beratungsgesellschaft sowie einen Weinhandel. Später leitete er die Adlon Holding, engagierte sich bei der Eröffnung des 959 Heidelberg und führt seit 2019 das Berliner Traditionshaus sowie die Weinhandlung Ex Château.
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