Die aktuell veröffentlichten Pisa-Ergebnisse zeigen: Jede und jeder dritte 15-Jährige erreicht beim Lesen nicht das grundlegende Kompetenzniveau. Betroffen sind vor allem Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien. Auch in Mathematik und Naturwissenschaften sind die herkunftsbedingten Unterschiede erheblich. So groß wie jetzt waren sie noch nie.
Der eigentliche Skandal der aktuellen Ergebnisse ist, dass wir es schon seit der ersten Pisa-Studie 2001 wissen: Bildungserfolg ist in Deutschland so eng mit der sozialen Herkunft verbunden wie kaum irgendwo sonst.
Kinder kommen mit enorm unterschiedlichen Wissensständen und Sprachkenntnissen in die Schule. Beides ist zwar nicht nur, aber doch entscheidend davon abhängig, ob ihnen von klein auf jemand zu Hause vorgelesen hat. Das wissen wir aus anderen Untersuchungen. Werden solche Kinder in der Grundschulzeit nicht speziell gefördert, können sie die Unterschiede nicht aufholen. Und wer nicht richtig lesen kann, kann auch die Chance auf Bildung nicht annähernd so ergreifen wie ein lesekompetentes Kind.
Es gibt viele Möglichkeiten, für mehr Bildungsgerechtigkeit zu sorgen. Eine, die ohne großen finanziellen Aufwand schnell realisierbar wäre, ist eine besondere Form individueller Förderung.
Lehrkräfte haben im Schulalltag kaum die Möglichkeit, jedes Kind mit seinem Wissensstand, Lerntempo und seinen Interessen regelmäßig intensiv zu begleiten. Ehrenamtliche Lesementorinnen und -mentoren können hier die Arbeit der Lehrkräfte sinn- und wirkungsvoll – und eben wirklich sehr individuell – ergänzen. Sie haben Zeit, genau hinzusehen und zuzuhören: Was hat ein Kind verstanden? Wo verliert es den Faden? Was interessiert es? Was traut es sich noch nicht zu?
Wie wertvoll individuelle Zeit sein kann, erleben wir seit vielen Jahren in der Leseförderung des Lesementor-Bundesverbands. Allein im vergangenen Schuljahr begleiteten hier 17.500 Ehrenamtliche 23.500 Kinder und Jugendliche: eine Mentorin oder ein Mentor, ein Kind. Eine Stunde pro Woche, mindestens ein Jahr lang. Das bedeutet: Einem einzelnen Kind werden kontinuierlich, regelmäßig und verlässlich Zeit, Zuwendung und ungeteilte Aufmerksamkeit geschenkt.
Ein Kind erlebt so Woche für Woche: Da kommt jemand nur für mich. Jemand hört zu, nimmt mich ernst und sieht meine Fortschritte. Beim Lesen entstehen daraus Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten und Freude daran, sich auf Texte einzulassen. Lehrkräfte berichten, dass die geförderten Kinder sich nach einiger Zeit öfter im Unterricht melden, sich trauen, vor der Klasse zu lesen, Referate übernehmen und sich sogar ihr soziales Verhalten verbessert.

© Richard Friebe
Dass Mentoring gerade im Hinblick auf Bildungsgerechtigkeit Wirkung entfalten kann, zeigt auch die Forschung: Armin Falk, Fabian Kosse und Pia Pinger etwa untersuchten ein Mentoringprogramm im Grundschulalter. Bei Kindern aus Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status verringerte das Mentoring den Abstand zu Kindern aus besser gestellten Familien bei der späteren Wahl des weiterführenden Schulzweigs erheblich.
Lesementoring hilft durch die individuelle Begleitung Kindern auch, bessere fachübergreifende Basisfähigkeiten zu entwickeln. Studien zeigen etwa, dass Schüler mathematische Sach- und Textaufgaben besser lösen, je stärker ihre Lesekompetenz ausgeprägt ist. Überraschen sollte das niemanden, denn wer eine Aufgabe nicht versteht, kann auch mathematisches Wissen eben kaum anwenden. Auch naturwissenschaftliches Lernen setzt voraus, Informationen und Zusammenhänge aus Texten zu erschließen.
Ehrenamtliche können und sollen dabei PädagogInnen und Pädagogen nicht ersetzen. Aber sie können die Schulbildung um eine Ressource ergänzen, die im Unterricht zwangsläufig knapp ist: individuelle Zuwendung und Zeit.
Mehr Bildungsgerechtigkeit ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Das Potenzial dafür in dieser Gesellschaft ist nicht ansatzweise ausgeschöpft.
Huguette Morin-Hauser, Lesementor Bundesverban
Das Startchancen-Programm der Bundesregierung greift dieses Potenzial auf und fordert Schulen ausdrücklich zur Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern auf. Damit das gelingt, braucht es jedoch professionelle Strukturen auf beiden Seiten: Schulen benötigen klare Zuständigkeiten und verlässliche Abläufe. Ehrenamtsorganisationen auf der anderen Seite müssen Menschen, die sich engagieren wollen, finden, gewinnen, auswählen, qualifizieren, vermitteln und begleiten können. Dafür brauchen diese Organisationen eine verlässliche Finanzierung – für Koordination und Qualifizierung ebenso wie für Materialien und Infrastruktur.
Mehr Bildungsgerechtigkeit ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Das Potenzial dafür in dieser Gesellschaft ist nicht ansatzweise ausgeschöpft. Sehr viele Menschen – von der Studentin bis zum Pensionär – wären bereit, sich einzubringen. Und die, die bereits dabei sind, das wissen wir, erleben es meistens als erfüllend und sinnstiftend.
Wenn bessere Strukturen für Mentoring und individuelle Lernbegleitung aufgebaut und Ehrenamtliche gut vorbereitet und qualifiziert werden, können wir als Zivilgesellschaft etwas bewirken. Und das genau dort, wo die alten und neuen Pisa-Ergebnisse für Deutschland hochpeinlich, ja geradezu skandalös, ausfallen: Wir können effektiv, individuell und menschlich Bildungsungleichheiten zumindest zum Teil ausgleichen und die Startvoraussetzungen verbessern. Das hilft jedem einzelnen Kind – und in ein paar Jahren bestimmt auch den Pisa-Ergebnissen.