Ukraine: Der umstrittene Abschied von SS-Veteran Zenon Wrublewskij

Männer in Uniform mit ukranischer Flagge

Die Beisetzung des SS-Veteranen fand mit staatlichen Ehren statt

(Bild: Ole Henning Dupont/FB)

Mit 99 Jahren geehrt, in Polen verurteilt: Lwow nimmt Abschied von OUN- und Divisionsveteran Wrublewskij. Ein Fall, der die Erinnerungspolitik spaltet.

Am vergangenen 3. Oktober wurde Zenon Wrubleswkij in der ukrainischen Stadt Lwow (Lemberg) mit offiziellen militärischen Ehren beigesetzt. Unter wehenden Ukraine-Flaggen sowie rot-schwarzen Fahnen der nationalistischen OUN-UPA, für die er damals kämpfte, fand der Trauerzug für einen statt, der als 16-Jähriger freiwillig der 14. SS-Grenadier-Division "Galizien" beigetreten ist.

Empörung in Polen

Der Gouverneur der Oblast Lwow, Maksym Kosyzkyj, sprach den Angehörigen und Freunden von Zenon Wrublewsky sein Beileid aus und dankte allen Divisionsangehörigen, denen es vergönnt war, eine unabhängige Ukraine zu erleben, sowie jenen, die dafür das Kostbarste opferten.

"Fast ein Jahrhundert Leben. Und was für ein Leben! Ein Untergrundkämpfer der OUN, Soldat der Division 'Galizien' und der Ukrainischen Aufstandsarmee. Er überstand die sowjetische Gefangenschaft und die Lager. Er kämpfte für die Ukraine schon damals, als man für den bloßen Gedanken an ihre Unabhängigkeit mit der Freiheit oder dem Leben bezahlen musste", erklärte Kosyzkyj.

Insbesondere in Polen stieß die Aktion auf Kritik und Empörung. Polnische Historiker und Medien verurteilten die offizielle Ehrung eines Mitglieds einer Organisation, die in den Nürnberger Prozessen als verbrecherisch eingestuft wurde und deren Einheiten für Massaker an polnischen Zivilisten verantwortlich waren.

Stationen eines umstrittenen Lebens

Wrublewskij, geboren am 17. März 1927 in Lwow, war am 1. Oktober im Alter von 99 Jahren verstorben. Im Jahr 1943 trat er der Division "Galizien" bei. Dem ukrainischen Geschichtsarchiv Zhyva istoriya (Lebendige Geschichte) zufolge fand seine Ausbildung hauptsächlich auf dem SS-Truppenübungsplatz Heidelager in der heutigen polnischen Woiwodschaft Karpatenvorland statt.

Er war Mitglied der Kampfgruppe Beyersdorf, ein militärischer Verband der Waffen-SS, der im Februar und März 1944 zur Partisanenbekämpfung in der Grenzregion zwischen dem Distrikt Galizien, dem Distrikt Lublin und dem Reichskommissariat Ukraine (Wolhynien) eingesetzt wurde.

Als Rottenführer (Dienstgrad in der SS, der etwa dem Rang eines Obergefreiten in der Wehrmacht entsprach) nahm er im Juli 1944 an der Kesselschlacht von Brody teil, wo er beim Durchbruch aus der Einkesselung in sowjetische Gefangenschaft geriet. Zwei Jahre später, im Jahr 1946, gelang Wrublewskij die Flucht.

Nach seiner Rückkehr nach Lwow schloss er sich dem bewaffneten Untergrund der rechtsextremen Organisation ukrainischer Nationalisten (OUN) an. Im Jahr 1947 wurde er von den sowjetischen Strafverfolgungsbehörden verhaftet und zu 25 Jahren Haft verurteilt, aber bereits 1958 freigelassen.

Nach seiner Freilassung kehrte er nach Lwow zurück und half beim Aufbau der Galizischen Bruderschaft ehemaliger Soldaten der 1. Ukrainischen Division "Galizien" der Ukrainischen Nationalarmee. Seit 1992 war er Mitglied der Veteranenorganisation "Bruderschaft der UPA" (Ukrainische Aufstandsarmee, militärischer Arm der OUN).

Staatliche Ehrung

Im Jahr 2025 ist Zenon Wrublewskij als Opfer politischer sowjetischer Repression juristisch rehabilitiert und ukrainischen Medienberichten zufolge auf staatlicher Ebene als Kämpfer für die Unabhängigkeit der Ukraine anerkannt worden.

Die Erinnerung an das Bestehen der UPA wird in ukrainischen Regierungskreisen sowie in Teilen der Bevölkerung als Symbol für den Widerstand gegen die sowjetische Besatzung angesehen. Doch als militärischer Arm der OUN waren UPA-Einheiten an Gewalttaten und sogenannten ethnischen Säuberungen an Zivilisten beteiligt. In ihren Schriften erklärte die OUN "Juden, Polen und Russen" zu ihren Feinden.

Insbesondere aus Respekt vor den Opfern sollte man diesen Teil nicht verschweigen, bezieht man sich zur symbolischen Begründung der eigenen nationalen Erzählung auf Organisationen dieser Art. Doch eine positive und teilweise heroische Darstellung der OUN und der UPA gewann bereits seit der Präsidentschaft Wiktor Juschtschenkos (2005 bis 2010) in der staatlichen ukrainischen Erinnerungspolitik deutlich an Bedeutung.

Erinnerungspolitischer Wandel

Dies zeigte sich besonders in der posthumen Verleihung des Titels "Held der Ukraine" an Roman Schuchewytsch 2007 und Stepan Bandera 2010. Beide wurden für ihren Beitrag zum ukrainischen "nationalen Befreiungskampf" beziehungsweise zur Unabhängigkeit gewürdigt. Historiker sehen darin einen Versuch Juschtschenkos, OUN und UPA als Teil einer ukrainischen nationalen Befreiungsgeschichte zu rehabilitieren und zu heroisieren.

Während der Präsidentschaft Petro Poroschenkos (2014 bis 2019) verabschiedete das ukrainische Parlament 2015 ein Gesetz, das die OUN und UPA in den Kreis der "Kämpfer für die Unabhängigkeit der Ukraine im 20. Jahrhundert" aufnahm. Damit wurden diese Organisationen staatlich als Teil der ukrainischen Unabhängigkeitsgeschichte anerkannt, was ebenfalls zu ihrer erinnerungspolitischen Rehabilitierung und einer teilweise heroischen Darstellung beitrug.

Auch unter Präsident Wolodymyr Selenskyj setzte sich die staatliche Würdigung der ukrainischen nationalistischen Bewegung fort. So nahm Selenskyj 2026 an der feierlichen Umbettung des ehemaligen OUN-Vorsitzenden Andrij Melnyk teil und unterstützte die Rückführung weiterer zeithistorischer Vertreter der ukrainischen Nationalbewegung (Telepolis berichtete).

Am 26. Mai 2026 verlieh er zudem dem Separaten Spezialoperationszentrum "Nord" den Ehrennamen "Benannt nach den Helden der UPA". Damit wurde die UPA ausdrücklich in die historische Traditionspflege einer heutigen ukrainischen Spezialeinheit einbezogen.