Ukraine greift das russische Amazon an – dahinter steckt eine Strategie

Die Flammen schlugen hoch in den Himmel über Krasnodar: In der Nacht haben ukrainische Drohnen bei einem Angriff auf die Stadt im Süden Russlands ein Logistikzentrum getroffen und dabei in Brand gesteckt. Videos in den sozialen Medien zeigten, wie das Feuer wütete und dicker schwarzer Qualm aufstieg. Die Anlage gehört dem größten russischen Online-Versandhändler Wildberries, der gemeinhin als russische Variante von Amazon gilt.

Behördenangaben zufolge starb bei dem Angriff eine Person, 15 weitere wurden verletzt. Unklar blieb, ob die getötete Person bei dem Angriff auf Wildberries starb. Der Gouverneur der Region Krasnodar gab lediglich an, dass zehn Menschen dort verletzt worden seien. Das Logistikzentrum in Krasnodar und ein weiteres in der Stadt Newinnomyssk wurden evakuiert, sagte die Geschäftsführerin Tatjana Kim.

Damit hat die Ukraine mittlerweile das dritte Wildberries-Logistikzentrum innerhalb einer Woche angegriffen. Am 17. Juli und 18. Juli schlugen Drohnen in zwei Anlagen in Elektrostal, nahe Moskau, und Kotowsk im Südosten der Hauptstadt, ein. In beiden Fällen kam es zu Großbränden, mit Toten und Dutzenden Verletzten.

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Die Jacht "Graceful" vom russischen Präsidenten Wladimir Putin liegt am 13.07.2015 im Jachthafen von Sotchi (Russland).

Der Kreml kann die Situation nicht kleinreden

Der Gouverneur der Region Stawropol, Wladimir Wladimirow, erklärte auf der staatlichen russischen Plattform Max, nach einem Drohnenangriff am Rand von Newinnomyssk sei ein Logistikzentrum in Brand geraten. Fünf Menschen seien medizinisch versorgt worden. Zuvor hatte der Gouverneur erklärt, die Luftabwehrkräfte seien dabei, einen „Angriff feindlicher Drohnen auf das Industriegebiet von Newinnomyssk“ abzuwehren.

Das russische Ermittlungskomitee kündigte die Einleitung einer Untersuchung an wegen eines „Anschlags“ aufgrund der „Angriffe der ukrainischen Streitkräfte auf die Logistikzentren in Krasnodar und Newinnomyssk“. Das Ermittlungskomitee ist in Russland für die Verfolgung besonders schwerwiegender Straftaten zuständig.

Die Angriffe treffen das Unternehmen schwer: Um die sieben Prozent seiner Lagerfläche seien abgebrannt, schreibt die Zeitung „Kommersant“. Die russische Ausgabe des „Forbes“-Magazins geht sogar von rund neun Prozent verlorener Fläche aus – ein Schaden von 33 Milliarden Rubel sei entstanden. Das sind gut 368 Millionen Euro.

Selbst der Kreml musste eingestehen, dass die Situation „schwierig“ ist, wie Sprecher Dmitrij Peskow am Dienstag sagte. Die Schläge träfen nicht nur Wildberries, sondern auch mittlere und kleinere Unternehmen, die ihre Bestellungen über den Händler abwickeln. Diese erleiden nun teils existenzbedrohende Verluste – zumal der Versandhändler erst vor Kurzem seine Geschäftsbedingungen änderte: Wildberries haftet nun nicht mehr für Schäden, die auf Drohnenangriffe zurückgehen.

„Wir bringen den Krieg nach Hause“

Derweil teilt der ukrainische „Kyiv Independent“ ein Video, das angeblich Händler zeigt, die ihrer Verzweiflung und ihrem Ärger über die Angriffe auf die Logistikzentren Luft machen. „Die gesamte Ware meiner Kunden geht gerade in Flammen auf“, schluchzt eine ganz in Schwarz gekleidete Frau, laut der englischen Untertitel. Die Echtheit der Aufnahmen lässt sich nicht abschließend überprüfen.

Viele Menschen in Russland haben bislang wenig Konsequenzen des Krieges gegen die Ukraine gespürt – das ändert sich zunehmend, weil Kiews Drohnentruppen gezielt etwa Ölraffinerien und Depots zerstören, was zu langen Schlangen an Tankstellen im ganzen Land führt. Die Angriffe auf Wildberries dürften ebenfalls dazu dienen, den Krieg für die russische Zivilbevölkerung spürbar zu machen – der Online-Händler wickelt täglich mehr als zehn Millionen Bestellungen ab. Die Zerstörung der Versandzentren führt zu Verzögerungen bei der Zustellung von Waren und macht den Krieg für Millionen Russen so real.

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Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte die Angriffe auf die Wildberries-Zentren am Mittwoch. Er erklärte, die Ukraine habe Logistikzentren angegriffen, die an der Versorgung der russischen Armee mit Drohnenkomponenten, Navigationsausrüstung und anderem Material beteiligt gewesen seien.

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Der Kreml dementierte zuletzt, dass man über Wildberries solche „Dual-Use“-Güter beziehe. Der Online-Marktplatz dient jedoch zivilen Händlern als Beschaffungskanal, über den in Russland etwa Funkgeräte und andere Elektronik für Militär und Freiwilligenverbände bezogen werden. Selenskyj kommentierte Angriffe kühl: „Wir bringen den Krieg – völlig zu Recht – nach Hause.“