Flugabwehr in Europa
Oberst Reisner spricht von "absoluter Niederlage"
Aktualisiert am 10.09.2026 - 13:43 UhrLesedauer: 3 Min.
Russland rüstet für neue Angriffe im Winter. Militärexperte Markus Reisner warnt vor einer entscheidenden Schwäche der Ukraine.
Russland hat sich nach Einschätzung des österreichischen Militärexperten Oberst Markus Reisner darauf eingestellt, die Ukraine im kommenden Winter mit massiven Luftangriffen unter Druck zu setzen. Wladimir Putin ist demnach "zutiefst überzeugt, die Ukraine im Winter endgültig in die Knie zu zwingen", wie Reisner der österreichischen Nachrichtenagentur APA sagte.
Trotz der Vermittlungsbemühungen der USA sehe er "keinerlei Entgegenkommen von russischer Seite", sagte der Oberst des österreichischen Bundesheeres weiter. "Wir sehen im Gegenteil eine Eskalation der Luftkriegsführung auf die Ukraine, und wir sehen auch eine Eskalation der hybriden Kriegsführung gegenüber Europa."
Nach dem Besuch des CIA-Direktors John Ratcliffe Ende August habe Russland seine Luftangriffe auf die Ukraine massiv verstärkt. "Das ist eigentlich die Antwort Putins auf die Initiative der USA gewesen", sagte Reisner. Auch die russischen Angriffe auf Flughäfen in der Umgebung von Kiew führte er als Beispiel an.
Große militärische Veränderungen an der Front erwartet Reisner dagegen zunächst nicht. Die Front sei "mehr oder weniger nahezu erstarrt". Auf der "taktisch-operativen Ebene" könne sich nur etwas ändern, falls nach der Duma-Wahl zusätzliche russische Kräfte mobilisiert würden.
Reisner: "Das ist die Achillesferse"
Anders bewertet Reisner die Lage auf der strategischen Ebene. Russland nehme Tankstellen und die Energieversorgung der Ukraine ins Visier. "Das ist der Punkt, wo Putin ansetzt, und Putin glaubt, dass er jetzt diesen Winter nützen kann, um die Ukraine quasi in die Knie zu zwingen."
Eine besondere Schwäche sieht Reisner bei der ukrainischen Flugabwehr. Patriot-Abwehrraketen seien "das entscheidende Mittel, um sich gegen ballistische Raketen und Marschflugkörper zur Wehr setzen zu können". In der Nacht auf Dienstag habe die Ukraine nur etwa die Hälfte der rund 60 russischen Raketen abschießen können. "Das ist die Achillesferse, die Putin erkennt."
Nach Reisners Angaben haben die USA im Krieg gegen den Iran "rund zwei Drittel ihres Arsenals an Patriot-Raketen aufgebraucht". Zugleich sagte er: "Aber natürlich könnten die USA noch etwas liefern, beziehungsweise gibt es auch einige Staaten, die einen Bestand haben."
Dass europäische Staaten die Produktion von Flugabwehrsystemen nicht deutlich steigern konnten, bezeichnete Reisner als "absolute Niederlage". Den USA warf er vor, "hier mit zweierlei Maß" zu agieren. Einerseits unterstützten sie die Ukraine mit Aufklärungsdaten für Langstreckenangriffe, andererseits verweigerten sie Patriot-Raketen, "um den Russen Druckmöglichkeiten zu geben".
Die Aussicht auf eine ukrainische Lizenzproduktion von Patriot-Raketen bewertet Reisner grundsätzlich positiv. Die Produktion könne allerdings erst im Frühjahr oder Sommer beginnen. "Das ist jetzt das Entscheidende: Was passiert bis dorthin? Würden die USA es jetzt wirklich ernst meinen, dann würden sie den Ukrainern auch zugestehen, über die nächsten Monate eine gewisse Stückzahl an Raketen zu haben, damit sie diese Lücke überstehen können." Die von Präsident Wolodymyr Selenskyj geforderten 300 Raketen seien "sehr realistisch".
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Russland baut neue Drohnenbasen
Russland habe unterdessen seine Produktion von Marschflugkörpern und ballistischen Raketen weiter gesteigert. "Im Vorjahr betrug die Produktionsrate circa 130 bis 150 Stück, und jetzt haben wir bereits eine Produktionsrate von 200 Stück", sagte Reisner. Hinzu kämen nordkoreanische Raketen, etwa vom Typ KN-23.
Auch bei Drohnen sieht Reisner eine für die Ukraine problematische Entwicklung. Die vom Kreml bislang eingesetzten Geran-2-Drohnen seien wegen ihrer vergleichsweise geringen Geschwindigkeit leichter abzuschießen gewesen. Neuere Modelle wie die Geran-5 könnten dagegen bis zu 600 Kilometer pro Stunde erreichen. "Das macht es wieder extrem schwierig für die Ukraine."
Zudem seien auf Satellitenaufnahmen in den besetzten ukrainischen Gebieten sowie in russischen Grenzregionen zahlreiche neue Drohnenabschussbasen zu erkennen. Diese würden "massiv" ausgebaut, "im Prinzip in Vorbereitung auf die Winteroffensive". Reisner sagte: "Aufgrund dieser Abschussrampen kann man davon ausgehen, dass die Russen damit die Luftkriegsführung in den nächsten Monaten noch massiv steigern werden."
Reisner erwartet weitere Sabotagefälle
Parallel dazu erwartet Reisner weitere hybride Angriffe auf Europa. Russland werde versuchen, den Winter zu nutzen, um die kritische Infrastruktur der Ukraine zu treffen und gleichzeitig die Bevölkerung in Europa zu verunsichern. Damit solle der Druck auf die Regierungen wachsen, die Unterstützung der Ukraine einzustellen.
Reisner rechnet zudem mit einer Zunahme von Sabotagefällen. Er verwies unter anderem auf sprengstoffbeladene Pakete aus dem Jahr 2024 sowie den Versuch, drei deutsche Marineschiffe unbrauchbar zu machen. Auch begrenzte russische Angriffe auf das Baltikum seien "durchaus vorstellbar". Europa müsse sich nach Ansicht des Militärexperten auf weitere Eskalationen vorbereiten.