Stand: 20.08.2026, 08:00 Uhr
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Das Henschel-Areal ist eines der wichtigsten Stadtentwicklungsprojekte in Kassel. Im Ausschuss der Stadtverordneten wurde ausgiebig diskutiert. Am Ende gab es eine Überraschung.
Kassel – Dass dies eine besondere Ausschusssitzung werden würde, war schon vor Betreten des Kasseler Rathauses klar. Auf der Treppe hatten sich am Dienstag knapp 100 Demonstranten versammelt, um ihren Unmut über die Pläne für das Henschel-Areal deutlich zu machen. Eine ihrer Botschaften lautete: „Panzer raus.“ Auch im Stadtverordnetensaal waren viele Gäste, unter ihnen Markus Vogel, der Entwickler des Geländes in Rothenditmold, der aus Berlin angereist war. Dann schritt Oberbürgermeister Sven Schoeller ans Rednerpult, was im Ausschuss für Stadtentwicklung praktisch nie vorkommt. Der Grünen-Politiker warb mit deutlichen Worten für das vielleicht umstrittenste Projekt in der Stadt.
Am Ende verließen Schoeller und Vogel erleichtert das Rathaus, die Gegner des Projekts waren umso enttäuschter. Nach einer 50-minütigen Debatte gab es eine knappe Mehrheit für den Offenlegungsbeschluss zum Henschel-Areal. Für den Antrag stimmten Grüne, CDU sowie FDP und Freie Wähler, die sich gegen die ablehnenden Stimmen von SPD und Linken nur durchsetzten, weil sich die AfD enthielt. Wie schon bei einer Abstimmung im Mai gab letztlich das Votum der extrem rechten Partei den Ausschlag. Vor allem in den Reihen der unterlegenen Sozialdemokraten sieht man dies als Beleg dafür, dass ein festes Bündnis besser ist als wechselnde Mehrheiten.
Eine Mehrheit muss auch in der Abstimmung am Montag im Stadtparlament gefunden werden. Über die Endfassung des B-Plans wird erst später debattiert. Es ist also nur ein erster Schritt getan für die Stadt und die Projektentwickler. Der Investor Sector Seven aus Berlin will in dem zehn Hektar großen Quartier unter anderem Gewerbe und Wohnungen schaffen. Der Rüstungskonzern KNDS hat offenkundig Interesse, eine öffentliche Kantine zu eröffnen. Das gefällt vielen Menschen in Rothenditmold nicht. Die Linken-Bundestagsabgeordnete Violetta Bock, die im Stadtteil wohnt, befürchtet, dass KNDS durch die Räume für eine Kantine und vielleicht auch für die Verwaltung am Firmensitz nebenan noch mehr Platz bekäme, um Waffen zu produzieren. Auch deshalb hatte sich der Ortsbeirat einstimmig gegen das gesamte Projekt ausgesprochen.
Größter Streitpunkt ist jedoch eine Lkw-Einfahrt vor dem Hospiz des Heilhauses. Für Mario Lang von der SPD ist das „der fatal falsche Standort“. Zwar sehe er in dem Henschel-Plan viele gute Ansätze, aber: „Wo auch Kinder sterben, gehört keine Lkw-Einfahrt hin.“ Seit Monaten wird über diesen Aspekt sehr emotional gestritten. Die Grüne Selina Holtermann versicherte am Dienstag, man sei nicht gegen sterbende Kinder. Und ihre Fraktionskollegin Eva Koch berichtete, wie sie im vorigen Jahr ihren Bruder beim Sterben im Hospiz begleitete. Sie sei sehr dankbar über den Hospizplatz, meint jedoch auch: „Ob da ein Lkw vorbeifährt, ist relativ belanglos.“
Oberbürgermeister Schoeller hat das Henschel-Areal längst zur Chefsache gemacht. Er sieht in dem Projekt „große Entwicklungschancen für ein Gelände, das viele Jahre unter seinen Möglichkeiten geblieben ist“. Mit dem Bebauungsplan werde die schwerindustrielle Nutzung des Geländes unmöglich gemacht, die dort in den vergangenen Jahrzehnten stattfand. Wer für den Antrag stimme, mache eine Ausweitung der industriellen Produktion von KNDS unmöglich. Die Verkehrsbelastung sei keineswegs so dramatisch wie dargestellt. Heiko Büscher vom Stadtplanungsamt rechnet mit sieben Lkw am Tag, also nicht mal einem Laster pro Stunde. Schoeller verwies zudem auf Einschränkungen für den Verkehr, die so intensiv seien wie an keiner anderen Stelle der Stadt. Sozialdemokraten und Linke sowie viele Zuschauer überzeugte das nicht.
Grünen-Fraktionschefin Pilar Butte, die ebenfalls zu Gast war, gab am Tag danach zu, dass man nicht gewusst habe, ob es eine Mehrheit geben würde: Natürlich wäre es einfacher, wenn es eine Einigung mit CDU und SPD über ein Bündnis gäbe, aber es ist eben auch nicht einfach, diese Einigung zu finden.“ Bislang habe die SPD vor allem über Posten sprechen wollen. „Es müsste jetzt auch mal um Inhalte gehen“, findet Butte.
Nach HNA-Informationen könnte es am Freitag noch ein Gespräch zwischen Grünen, CDU und SPD geben. Thema wäre dann aber nicht ein mögliches Bündnis, sondern nur eine Abwahl von Kämmerer Matthias Nölke (FDP), über die seit Monaten gesprochen wird und die am Montag Thema im Stadtparlament werden könnte. CDU-Parteichef Maximilian Bathon gibt aber zu bedenken, dass es unabhängig davon vorerst bei wechselnden Mehrheiten bleiben wird. Das bedeute, dass jeder Antrag bei den anderen Fraktionen beworben werden müsse. Zudem sagt der Landtagsabgeordnete: „Was man in sechs Monaten nicht hinbekommen hat, bekommt man auch in zwei Tagen nicht gebacken.“ (Matthias Lohr)