Unfreiwilliges Trinkgeld bei Kartenzahlung? Das sagen Gastronomen

Stand: 05.09.2026, 07:00 Uhr

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Trinkgeld per Kartenzahlung

Beim Bezahlen mit Karte werden Gäste in vielen Restaurants konkret gefragt, ob und wie viel Trinkgeld sie geben wollen. © Jens Kalaene

In immer mehr Restaurants müssen Gäste bei der Kartenzahlung anklicken, ob sie Trinkgeld geben. Die Option „Kein Trinkgeld" ist oft schwer zu finden.

Waldeck-Frankenberg – Ein geselliger Abend, leckeres Essen, gepflegte Getränke, eine zuvorkommende Bedienung – da zahlen zufriedene Gäste am Ende gern Trinkgeld. Bei der Barzahlung ist es für die meisten Gäste selbstverständlich, den Betrag aufzurunden. Bei Kartenzahlung zahlt man oft nur die auf dem Display angezeigte Summe. In immer mehr Restaurants gibt es aber mittlerweile Kartenlesegeräte, auf denen der Kunde gefragt wird und aktiv anklicken muss, ob er Trinkgeld gibt und wie viel. In der Regel hat er die Wahl zwischen 5, 10 und 20 Prozent – oder er klickt auf „kein Trinkgeld“.

Teamleistung würdigen: Der Inhaber des alteingesessenen Adorfer Gasthauses „zur Linde“, Bernd Becker, achtet auf die faire Verteilung des Trinkgeldes an alle Mitarbeiter.
Bernd Becker am Zapfhahn der Gastwirtschaft.

Teamleistung würdigen: Der Inhaber des Adorfer Gasthauses „Zur Linde“, Bernd Becker, achtet auf die faire Verteilung des Trinkgeldes an alle Mitarbeiter – auch bei digitaler Bezahlung. © Foto: Karl Schilling

Verbraucherschützer sprechen von Manipulation

Mit der Gestaltung der Kartenterminals würden die Kunden manipuliert, wirft der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) der Gastronomie vor. Die Prozent-Buttons sind oft groß und auffällig platziert, die Option „Kein Trinkgeld“ sei dagegen leicht zu übersehen. Verbandschefin Ramona Pop forderte in einem WDR-Bericht: „Es muss auf den ersten Blick erkennbar sein, wie Gäste Trinkgeld ablehnen oder die Höhe selbst festlegen können.“ Der Verband der Verbraucherzentralen will die EU-Kommission dazu bringen, solche Bezahl-Masken künftig zu verbieten.

Trinkgeld ist auch Psychologie

In der Verhaltensökonomie spricht man vom „Nudging“, was bedeutet, dass man den Kunden bewusst zum Trinkgeldgeben anstupst. Anstatt sich zu fragen „Gebe ich Trinkgeld?“, verschiebt sich die Frage im Gehirn zu „Wie viel gebe ich?“. Dabei tendieren viele Menschen zur Mitte, da sie instinktiv extreme Optionen vermeiden. Der Knopfdruck auf die niedrigste Option, die 5 Prozent, erzeugt das Gefühl, geizig zu wirken, während die höchste Option, die 20 Prozent, oft zu teuer wirkt. Wir ziehen daraus die Konsequenz, die mittlere Option zu wählen. Wer jedoch darauf verzichtet, Trinkgeld zu geben, ist sozialem Druck ausgesetzt, da der Bezahlmoment häufig unter den Augen der Servicekraft oder an der Kasse neben anderen Kunden stattfindet. Hierbei muss dann aktiv die Option „Kein Trinkgeld“ gewählt werden, was bei vielen Menschen für ein unangenehmes Gefühl sorgt. Wer will schon geizig wirken!?

Thorsten Hellwig, Pressesprecher des Deutsche Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) in NRW, hält die Aufregung für übertrieben. Trinkgeld sei nach wie vor freiwillig; der Gast entscheide selbst, ob und wie viel er geben möchte. Die Vorschläge auf dem Terminal böten eher Orientierung und stellten keinen Zwang dar. Dehoga NRW findet, eine EU-weite Regelung sei überflüssig, die Trinkgeld-Frage könnten Gastronomen, Servicepersonal und Gästen untereinander regeln.

Zwei Beispiele aus Waldeck-Frankenberg

Geräte zum Online-Bezahlen mit Trinkgeld über eine Bankkarte sind im Dodenauer Hotel Sassor schon jahrelang im Einsatz. „Viele Menschen glauben, das hätten sich die Wirte ausgedacht. Das stimmt aber nicht“, betont Hotel-Chef Axel Sassor. Die aktuellen Telecash-Geräte mit der Option, 5, 10 oder 20 Prozent Trinkgeld gleich mit abzubuchen, seien durch ein Update der Hersteller eingeführt worden. „Wenn ich mit dem Essen und dem Service zufrieden war, gebe ich auch gern ein Trinkgeld“, sagt der Hotelchef. „Aber darüber möchte ich selbst entscheiden.“

Mit elektronischem Kartenlesegerät: Der Dodenauer Hotelier Axel Sassor.

Der Dodenauer Hotelier Axel Sassor mit einem Kartenlesegerät. © Thomas Hoffmeister

Praktisch handhabe er es beim Online-Bezahlen so, dass er „zweimal Ok“ drücke und das automatische Trinkgeld damit ausschalte. Ähnlich wie bei der Eingabe der PIN sollten Gastronomen und Service-Mitarbeiter „sich beiseite drehen“, um dem Kunden bei der Eingabe nicht auf die Finger zu schauen. Ein Zwangs-Trinkgeld von 5, 10 oder 20 Prozent finde er „total bescheuert“, so Sassor wörtlich.

Wie viel Trinkgeld gegeben werde, sei sehr unterschiedlich. Etwa 5 Prozent seien üblich. Zufriedene Kunden im Restaurant rundeten den Rechnungsbetrag in der Regel auf eine glatte Summe auf, beispielsweise von 48 auf 50 Euro. „Jüngere Menschen geben mehr Trinkgeld“, hat Axel Sassor beobachtet. „Geschäftsleute, bei denen das Essen auf die Hotelrechnung gebucht wird, eher etwas weniger.“ Gern denkt Sassor an einen Kunden aus dem Dorf zurück, der nach einer größeren Veranstaltung „immer 10 bis 15 Prozent Trinkgeld“ gegeben habe, dann aber noch zusätzlich jedem Mitarbeiter aus der Küche und dem Service noch einmal 10 Euro in die Hand gedrückt habe.

Praktisch sei es im Dodenauer Hotel Sassor so geregelt, dass alle Trinkgelder – ob für Zimmermädchen, Küchen-, Hotel- oder Servicemitarbeiter – in einer großen Sammelbüchse landen. Am Ende eines Monats werde das Trinkgeld dann von einer Mitarbeiterin aufgeteilt, und zwar nach den geleisteten Stunden. „Alle unsere Mitarbeiter sind mit diesem Verfahren einverstanden“, so Axel Sassor.

So läuft es auch im alteingesessenen Gasthaus „zur Linde“ in Diemelsee Adorf. „Die Regel in unserem Haus ist, dass wir alles in einen Topf tun“, sagt Inhaber Bernd Becker über das Trinkgeld. Ob Auszubildende, Bedienungen, Küchenhelferinnen oder der Etagenservice: „Alle kriegen was. Das halte ich für die gerechteste Sache“, findet der Gastronom.

Becker beschäftigt 15 Mitarbeiter, die meisten wegen des unterschiedlichen Gästeaufkommens in Teilzeit. Die Trinkgeldkasse verwalteten seine Mitarbeiter selbst. Ein bis zwei Mal im Jahr werde das Trinkgeld ausgezahlt. Dabei würden die geleisteten Arbeitsstunden zusammengezogen und das Geld dann geteilt. „Jeder bekommt pro Stunde seinen Obolus“, erklärt er. „Das ist mehr als fair.“

Mittlerweile zahlten aber mehr als die Hälfte der Gäste im Hotel oder im Restaurant mit Karte, berichtet Becker. Werden die Trinkgelder digital mit überwiesen, muss Becker die Summen herausbuchen und aufs Trinkgeld-Konto der Mitarbeiter übertragen. Mit seinem Kassensystem könne er die Beträge relativ gut herausrechnen, aber für kleinere Häuser sei es mit einem erheblichen Aufwand verbunden – während der Ertrag vielleicht nur bei 2 Euro liege. Er kenne einen Kollegen, bei dem eine Mitarbeiterin jeden Vormittag ihre Arbeitszeit verwenden müsse, um die Trinkgelder herauszurechnen. Betriebswirtschaftlich lohne sich dieser Verwaltungsaufwand nicht. Die meisten seiner Kartenzahler gäben ihr Trinkgeld weiter in bar, um die Leistung des Teams anzuerkennen.