Festival
Van der Bellen eröffnete Bregenzer Festspiele: Liberale Demokratie als Ideal
Der Bundespräsident sieht die liberale Demokratie als "tägliche Übung", das Festival feiert seine 80. Ausgabe
Bregenz - Präsident Alexander Van der Bellen hat am Mittwoch zur Eröffnung der 80. Bregenzer Festspiele die liberale Demokratie in den Mittelpunkt gestellt. Er wünsche sich "ein Österreich, das auf unsere freie, liberale Demokratie nicht nur stolz ist, wenn sie bequem ist", sagte er. Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ) verband das 80-Jahr-Jubiläum der Festspiele mit den aktuellen Krisen unserer Zeit, und auch Festivalpräsident Hans-Peter Metzler zeichnete das Werden der Festspiele nach.
Van der Bellen nimmt die Eröffnung der Bregenzer Festspiele seit Jahren zum Anlass, auf Entwicklungen in Österreich, Europa und der Welt einzugehen. In der jüngeren Vergangenheit appellierte er gegen Spaltung und sprach sich gegen ausgrenzende Sprache aus, skizzierte ein "Mindset, das in die Zukunft führt" oder schalt die Parteien. In seiner ihm eigenen Art – stets ein wenig launig, betont gelassen, aber auch vorsichtig optimistisch und mit einem Schuss Humor – betonte er am Mittwoch die freie, liberale Demokratie als "tägliche Übung". Sie habe Österreich zu der Heimat gemacht, "die wir so lieben". Dabei sei Österreich ein Land, das sich nach Katastrophen habe neu erfinden müssen. "Ein Land, das gelernt hat – manchmal schmerzhaft, manchmal auch zu spät – dass Freiheit, Frieden und Wohlstand nicht von alleine kommen", so das Staatsoberhaupt.
"Freiheit, unser Leben zu gestalten"
Freie, liberale Demokratie habe die Aufgabe, Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten, unterschiedlichen Überzeugungen, unterschiedlichen Interessen zu einem gemeinsamen Ganzen zu verbinden. Im Kern gehe es um "Freiheit. Gleichheit. Geschwisterlichkeit. Menschenwürde. Rechtsstaatlichkeit. Mitmenschlichkeit. Und Verantwortung", so Van der Bellen. Das seien die tragenden Elemente "unseres Hauses Österreich", das es zu pflegen gelte, und zwar "von uns allen". Das Funktionieren Österreichs verglich der Bundespräsident insofern mit einer Opernaufführung, als es dabei "ein Zusammenspiel" benötige. Vor allem brauchten wir aber auch die Überzeugung, "dass es sich lohnt, gemeinsam etwas zu schaffen, das keiner allein schaffen könnte". Das gelte für Österreich wie für Europa.
Dass die freie, liberale Demokratie uns etwas abverlange, sei ihre Stärke, nicht Schwäche. Dafür gebe sie die "Freiheit, unser Leben selbst zu gestalten" zurück, sagte Van der Bellen. Er wünsche sich ein Österreich, das die freie, liberale Demokratie verteidigt, "wenn es anstrengend wird", ein Österreich mit Geschichts- und Traditionsbewusstsein, aber ohne Zukunftsangst, ein Österreich, "das sich nicht klein macht". Seine vielleicht wichtigste Botschaft an diesem Tag sei: "Wir müssen nicht alle gleich sein, um zusammenzugehören."
"Dinge selbst in die Hand nehmen"
Kulturminister Babler ging auf die widrigen Umstände rund um die ersten Festspiele im Jahr 1946 ein, die wenig Anlass zur Hoffnung boten. Seit damals habe sich Österreich "aus diesem in Trümmern liegenden Land" zu einer der lebenswertesten Demokratien der Welt entwickelt. Aus mehreren diesjährigen Festspielproduktionen entnahm Babler seine persönlichen Lehren – schließlich mache die Kunst "die Probleme unserer Zeit wie unter einem Brennglas sichtbar". La traviata – das heurige Spiel auf dem See – etwa zeige, "wie groß der Schaden ist, wenn gesellschaftliche Regeln stärker werden als Mitgefühl". Aus der Hausoper Die Ausflüge des Herrn Broucek schloss der Vizekanzler, dass man auf Krisen nicht mit Eskapismus reagieren dürfe.
"Warum laufen wir weg, lenken uns ab, anstatt die Dinge einfach zu ändern?", fragte Babler. Dass der Demokratie einfach die Luft ausgehe, sei das Ergebnis einer Politik, die sich selbst in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt habe. "Wir brauchen das Selbstbewusstsein, die Dinge wieder in die Hand zu nehmen", so der Vizekanzler. Dafür müsse man aber auch die Demokratie wieder ernst nehmen als das, was sie im Kern sei: "der radikale Gedanke, dass wir gemeinsam über die Verhältnisse bestimmen können, in denen wir leben". Vielleicht sei genau das die Lehre aus 80 Jahren Bregenzer Festspiele und aus der Geschichte Österreichs seit 1946: "Aus zwei Kieskähnen kann die größte Seebühne der Welt werden. Aus Trümmern kann Zukunft entstehen. Dafür brauchen wir Träume und Gestaltungswillen", so Babler.
Internationale Bildsprache
Festivalpräsident Hans-Peter Metzler skizzierte das Jubiläum "80 Jahre Festspiele" als "80 Jahre Mut, künstlerische Neugier, Leidenschaft, Beharrlichkeit und Erinnerungskraft". Aus einer bürgerlichen Initiative sei ein Festival von internationalem Rang geworden, ein Kulturort, der weltweit mit Österreich verbunden werde. Mit der Seebühne hätten die Bregenzer Festspiele eine internationale Bildsprache geschaffen, die großen Bühnenbilder erzählten Geschichten, lange bevor der erste Ton erklinge. Metzler sprach von der Schaffung einer neuen Form, "große Oper unter freiem Himmel für möglichst viele zu erleben". Kritik übte der Festspielpräsident daran, dass die Basisförderung für das Festival 15 Jahre lang nicht angepasst worden sei und – relativ gesehen – "noch nie so gering war wie heute". Gerade die Bregenzer Festspiele zeigten aber, dass Kultur nicht bloß ein Kostenfaktor sei. Kultur schaffe unter anderem immense Wertschöpfung und gesellschaftlichen Zusammenhalt. "Wer in Kultur investiert, investiert [...] in die Zukunft des Landes", betonte Metzler.
Die Festspiele feierten ihr Jubiläum im Rahmen der Eröffnung mit Rückblicken und eingespielten Interviews der Macher der vergangenen Jahrzehnte. So kamen etwa die Vorgänger von Intendantin Lilli Paasikivi zu Wort – Alfred Wopmann, David Pountney und Elisabeth Sobotka. Paasikivi führte wie im vergangenen Jahr als Moderatorin durch die Eröffnungsfeier.
80 Veranstaltungen
Bis 23. August stehen am und auf dem Bodensee etwa 80 Veranstaltungen auf dem Programm, für das 228.000 Karten aufgelegt wurden. Den künstlerischen Auftakt des Festivals bildete am Mittwochabend die Premiere von Giuseppe Verdis La traviata als Spiel auf dem See. Für die 28 La-traviata-Aufführungen gelangten 188.000 Karten in den Verkauf – sie sind bereits vergriffen. Die Ausflüge des Herrn Broucek von Leoš Janácek als Oper im Festspielhaus feiert am Donnerstag Premiere. Mit den Musiktheatern YUM! (Wen Liu, Sarah Théry) und Passion of the Common Man (Daniel Bjarnason, Royce Vavrek), einem Auftragswerk der Festspiele, sowie dem Schauspiel under the influence (Natalie Baudy) sind drei Uraufführungen zu sehen.
Abseits der Reden bestach die live im TV übertragene Eröffnung wie gewohnt durch die Darbietungen der Festspiel-Künstler, die auf höchstem Niveau in vielfältigen Auszügen das Festspielprogramm vermittelten. Im Hinblick auf den "Singalong" – am 1. August singen auf der Zuschauertribüne der Seebühne Hobby-Sänger, Chöre und Festspiel-Darsteller Titel aus vergangenen Jahrzehnten – wurden auch die Gäste der Eröffnungsfeier zum Mitsingen eingeladen. Nach dem Abschluss der Eröffnungszeremonie mit der Europahymne traf man sich – auch das ist Tradition in Bregenz – zum Empfang auf dem Vorplatz des Festspielhauses. (APA, 22.7.2026)
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