Während ihr der Fahrtwind bei der Bootsfahrt auf dem Rhein durch die Haare weht, berichtet Sigrid Krebs aus ihrer Kindheit: „Die Fährfahrt war immer ein Abenteuer für uns Kinder.“ Die Eltern der heute 68 Jahre alten Frau arbeiteten in der Landwirtschaft und im Weinbau in Rheinhessen. Mit der Fähre setzte die Familie im Sommer von Guntersblum in Rheinhessen auf den Kühkopf in Hessen über, wo sie damals noch Ländereien besaß, um Heu für die Tiere zu machen.
Beim Anblick eines verfallenen Gebäudes am Ufer des Kühkopfs fällt Jörg Hartung ebenfalls eine Geschichte aus längst vergangener Zeit ein. Es ist 62 Jahre alt und erinnert sich daran, wie sein Großvater mit ihm schimpfte, als er als kleiner Bub beim Spielen am Fährhaus auf hessischer Seite eine Tafel umdrehte. Mit dieser habe man dem Fährmann auf rheinhessischer Seite signalisiert, dass er übersetzen solle, um Kundschaft zu holen.
Auch die Großeltern von Christian Metzger, dem 57 Jahre alten Steuermann und Maschinisten an Bord, hatten Flächen auf dem Kühkopf. Mit dem Unimog seien sie auf die Holzfähre gefahren, um dorthin zu gelangen. Eine Fähre, die Traktoren oder andere landwirtschaftliche Geräte befördern könnte, gibt es an dieser Stelle schon lange nicht mehr. Und auch die Personenfähre hat ihren Betrieb vor mehr als zehn Jahren eingestellt.
Viele Genehmigungen sind erforderlich
Der Rhein hat hier etwas Trennendes. Zwischen Mainz und Worms gibt es keine Brücken und nur zwei Autofähren: in Nierstein und Gernsheim. Deshalb hat sich ein Verein vorgenommen, mit der Wiederaufnahme der Fährverbindung zum Kühkopf die Kulturregionen auf beiden Seiten des Rheins zu verbinden. Dem Verein gehören auch Krebs, Hartung und Metzger an. Gemeinsam mit weiteren Vereinsmitgliedern machen sie heute eine Testfahrt mit dem Aluminiumboot, das möglichst bald als „Kühkopf-Fähre“ über den Rhein pendeln soll. Dabei wechseln sich die Mitglieder beim Fahren ab, damit jeder ein Gefühl für das Boot bekommt.
Es gehört dem Verein schon seit mehr als einem Jahr. Doch um zahlende Gäste mitnehmen zu können, braucht es eine Menge Genehmigungen. Die wichtigste ist im vergangenen Monat von der zuständigen Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd in Neustadt eingegangen: die zur Wiederaufnahme des Fährverkehrs.

Das wird allerdings nicht vor dem Herbst der Fall sein. Denn erst nach dieser Zusage hat der Verein weitere notwendige Arbeiten in Auftrag gegeben. Beim Unternehmen in Andernach, das auch das Schiff gebaut hat, wurde die Festmacheinrichtung für die NATO-Rampen in Guntersblum und auf dem Kühkopf bestellt. Vorbereitende Arbeiten an den Rampen sind für Mitte August geplant, danach könnten die Teile montiert werden.
Bevor es losgehen kann, müssen sie vom zuständigen Wasser- und Schifffahrtsamt Mannheim abgenommen werden. Doch im Abwarten sind die Vereinsmitglieder geübt: Ihr Ziel verfolgen sie schon seit mehr als zwölf Jahren.
Erste Fährverbindung nach der Rheinbegradigung
Die Fährverbindung am Rheinkilometer 472,4 hat eine lange Tradition: Sie wurde 1829 nach der Rheinbegradigung eingerichtet. Denn dadurch wurde die vorige Halbinsel Kühkopf von Guntersblum und Gimbsheim abgetrennt. Danach konnten die Menschen nur noch mit dem Schiff zu ihren landwirtschaftlichen Flächen und Weiden gelangen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten die linksrheinischen Gemeinden ihre Gebiete an Hessen abgeben. Inzwischen gehört die Insel, die vom Rhein und einem Altrheinarm umschlossen wird, zu Stockstadt und Erfelden im Kreis Groß-Gerau. Schon in den Fünfzigerjahren wurde der Kühkopf unter Naturschutz gestellt, doch die Landwirtschaft erst in den Achtzigern aufgegeben.
Danach verband aber immer noch eine Personenfähre die beiden Ufer. Das letzte Schiff König Gunther stellte seinen Betrieb 2012 ein. Damals hatten neue Auflagen der Europäischen Union einen Umbau erforderlich gemacht, der sich nicht lohnte. Bald danach fand sich jedoch eine Interessengemeinschaft von Anwohnern beiderseits des Rheins zusammen, um wieder einen Fährbetrieb zu organisieren.
Tatsächlich konnten die Mitglieder schon 2013 monatliche Fährüberfahrten von der NATO-Rampe in Guntersblum zum Kühkopf anbieten. Dafür lieh man sich ein Schiff der Gesellschaft, die die Autofähre vom benachbarten Nierstein nach Kornsand im Hessischen betreibt. Doch nach einem Betreiberwechsel war dies nicht mehr möglich. Die Fahrten wurden nach sechs Jahren eingestellt.
Verbindung für touristische Zwecke
Schon 2014 war der „Verein zur Verbindung der Kulturlandschaften Altrhein und Insel Kühkopf“, auch Förderverein Kühkopf-Fähre genannt, gegründet worden. Wie Krebs, Hartung und Metzger gehörte auch die 65 Jahre alte heutige Vereinsvorsitzende Claudia Bläsius-Wirth zu den Gründern.

Dabei hatten viele der Gründungsmitglieder auch ein berufliches Interesse an der Wiederaufnahme der Fährverbindung, weil sie im Tourismus tätig waren. So war die CDU-Politikerin Bläsius-Wirth seinerzeit als erste Beigeordnete für Kultur und Tourismus der 4000 Einwohner zählenden Ortsgemeinde Guntersblum zuständig und von 2016 bis 2024 deren ehrenamtliche Bürgermeisterin.
Krebs wiederum war und ist – auch in der Rente – Geschäftsführerin des Touristikvereins der rheinhessischen Verbandsgemeinde Eich, zu der die Gemeinde Gimbsheim gehört. Und Hartung ist Geschäftsführer des Hofguts Guntershausen auf der hessischen Seite, auf dem sich das Umweltbildungszentrum Schatzinsel Kühkopf befindet.
Heute zählt der Verein etwa 60 Mitglieder. Die meisten haben Ausdauer bewiesen und sind seit mehr als zehn Jahren dabei, um das gemeinsame Ziel einer Fährverbindung zu verwirklichen. Mittlerweile sind einige schon in Rente, es gibt aber auch jüngere Mitglieder. Etwa zwei Drittel von ihnen kommen aus Rheinhessen, die anderen von der hessischen Seite.
Zunächst war eine Elektrofähre vorgesehen
Ziel des Fördervereins war von Anfang an, ein eigenes Schiff anzuschaffen, um im Sommer an Wochenenden und Feiertagen einen Pendelverkehr zu ermöglichen. Das Angebot soll sich vor allem an Radfahrer und Wanderer richten, schließlich liegen die Anlegestellen außerhalb. Auf der rheinhessischen Seite gibt es den Gasthof „Zum Rheinhof“, dessen Wirt auch zu den Vereinsgründern gehört. Er wird die im Genehmigungsverfahren geforderten Toiletten für Wartende anbieten. Vom Hofgut Guntershausen auf der hessischen Seite muss man jedoch etwa eine Dreiviertelstunde bis zum Rhein laufen, wie Hartung sagt.
Zunächst habe der damalige Grünen-Bürgermeister von Guntersblum, Reiner Schmitt, eine Solarfähre vorgeschlagen, berichtet Bläsius-Wirth. Doch das sei nicht genehmigungsfähig gewesen, weil für Schiffe auf dem Rhein zwei Motoren vorgeschrieben seien. Also entschied man sich für eine umweltfreundliche Elektrofähre. Für die Kosten in Höhe von etwa 635.000 Euro gab es Zusagen von den drei Landräten der anliegenden Kreise und für Fördermittel der EU. Rund 200.000 Euro sollten allein aus dem LEADER-Programm für den ländlichen Raum kommen.
Krisen der Welt machten Pläne zunichte
Im Jahr 2020 sollte die neue Fähre gekauft werden. Doch dann kamen Corona, der Ukrainekrieg und vor allem die damit verbundene Rohstoffkrise. Die Werft in Stralsund konnte die kalkulierten Kosten nicht halten, statt mehr als 600.000 sollten sie auf fast eine Million Euro steigen – zu viel für den Verein.
Der Plan einer Elektrofähre musste aufgegeben und nach Alternativen gesucht werden. Da traf es sich gut, dass die Mitglieder von einer gebrauchten Diesel-Fähre an der Ems hörten, die zum Verkauf stand. Sie war nach der Kollision eines Frachtschiffes mit der Friesenbrücke im Kreis Leer angeschafft worden. Während der Bauzeit einer neuen Brücke sollte die Friesenfähre Fußgänger und Radfahrer über den Fluss bringen. 2024 war die letzte Saison für sie auf der Ems.
Der Fährverein am Rhein erhielt tatsächlich den Zuschlag. Das von der Schulte und Bruns (SBS) GmbH hergestellte Boot ist allerdings mit knapp zehn Meter Länge, gut 2,5 Meter Breite und einer Kapazität für zwölf Fahrgäste sowie Fahrräder kleiner als die ursprünglich vorgesehene Elektrofähre. Dafür kostete es aber auch nur 150.000 Euro netto, die der Verein mithilfe von Eigenmitteln, Spenden und Krediten allein aufbringen konnte – ganz ohne EU-Fördergeld.

Für die Befestigungsmöglichkeiten an den Rampen sowie Planungs- und Genehmigungskosten wird noch einmal der gleiche Betrag veranschlagt. Dafür konnte mit der Stiftung Flughafen Frankfurt ein neuer Sponsor gewonnen werden. Auch der Schiffsbauer und das Bauunternehmen werden auf der Website des Vereins als Sponsoren genannt, weil sie dem Verein finanziell entgegenkommen. Darüber hinaus engagieren sich Vereine und Verbände aus dem Tourismus sowie Winzer und Jäger für die Fähre.
Für die Unterhaltskosten setzt der Verein zudem auf Einnahmen aus dem Fährbetrieb. Eine Überfahrt soll 3,50 Euro kosten, die Fahrradmitnahme 2,50. Auch deshalb hofft der Verein, bald mit dem Regelbetrieb beginnen zu können. „In diesem Jahr fahren wir dann, solange es geht“, sagt Bläsius-Wirth.
In Zukunft soll der Betrieb von Mai bis Oktober dauern, mit insgesamt 60 Fährtagen im Jahr an Wochenenden und Feiertagen. Gefahren werden soll jeweils von 10 bis 18 Uhr, wobei der Verein trotz einer Übersetzzeit von nur fünf bis sechs Minuten wegen des Ein- und Aussteigens lediglich mit drei Querungen in der Stunde kalkuliert.

Einen niedrigen Pegelstand im Sommer sieht Bläsius-Wirth nicht als Hindernis, schließlich hat das Boot nur einen Tiefgang von 35 Zentimetern. Niedrigwasser wie zurzeit könnte aber auch die Fährverbindung beeinträchtigen, weil die NATO-Rampen dann nicht mehr bis zum Wasser reichen.
Gesucht werden jetzt noch Fährleute. Im Verein gibt es neben dem Maschinisten Metzger noch drei Männer, die dafür infrage kämen. Sie haben – wie andere Mitglieder des Vereins – einen Sportbootführerschein, müssen jedoch noch das Kleinschifferzeugnis für die gewerbliche Nutzung beantragen. Das ist nur noch bis zum 17. Januar 2027 ohne zusätzliche theoretische Prüfung möglich.
Die Vereinsvorsitzende Bläsius-Wirth hat zwar auch einen Sportbootführerschein und lenkt heute das Boot zurück in den Hafen. Sie will aber keine Gäste übersetzen, sondern lieber im Hintergrund arbeiten. So könne sie beispielsweise die Fähre von Oppenheim, wo sie ihren Liegeplatz hat, zum Fähranleger überführen. Näher am Fähranleger gibt es keine Liegeplätze. An diesem Abend hat die Fahrt, ohne die Höchstgeschwindigkeit von 40 Kilometern in der Stunde auszuschöpfen, stromaufwärts rund eine Stunde gedauert.
Oder Bläsius-Wirth fährt das Boot zum Tanken. Denn die Vereinsmitglieder müssen die Fähre dafür bis nach Mainz oder Worms bringen, weil die Bootstankstelle in Oppenheim vor Kurzem überraschend geschlossen wurde. Aber so etwas kann den Verein jetzt auch nicht mehr erschüttern.