Für die Wissenschaftler sah es so aus, als würde der Pelikan sie um Hilfe bitten. An einem Morgen Anfang September stand er plötzlich vor einem Labor der US-Behörde für Ozeanografie, Meteorologie und Klimaforschung (NOAA) in Florida und klopfte mit seinem langen Schnabel kräftig an die Tür. Der Vogel hätte sich wohl keine bessere Adresse aussuchen können.
Eine Forscherin öffnete, und als sie das Tier sah, war sofort klar, dass es dringend Hilfe brauchte: Der Pelikan hatte sich in eine Angelschnur verwickelt, in seinem rechten Flügel steckte ein großer Angelhaken und sein linker Fuß war übersät mit Kaktusstacheln. Die Wissenschaftler befreiten das Tier von der Angelschnur, entfernten den Haken und zogen die Kaktusstacheln aus seinem Fuß. Dann ließen sie den Pelikan frei. Scheinbar erleichtert flog er davon.
Was bleibt, sind viele Fragen: Hat der Vogel die Menschen wirklich um Hilfe gebeten? Können Tiere das überhaupt? Wissen sie, dass Menschen ihnen in Situationen helfen können, in denen sie allein nicht zurechtkommen?
Rund um das Thema Tierrettung kursieren viele Fake News. Youtube zum Beispiel ist voll von emotionalen, aber oft gefälschten Videos, in denen alle möglichen Tiere vom Bären bis zur Schildkröte Menschen angeblich geradezu anflehen, ihnen zu helfen. Doch es gibt auch glaubwürdige Berichte, oft von Tauchern oder Fischern.
In ihren Geschichten geht es um Delfine, Wale und auch einen Mantarochen, die sich ähnlich wie der Pelikan in Angelschnüre oder Fischernetze verwickelt oder sich mit Angelhaken verletzt hatten. Die Tiere hätten sich ihnen gezielt genähert, erzählen diejenigen, die es erlebt haben.
Kängurus, die ein Problem nicht selbst lösen können, wenden sich an einen Menschen
Ob dabei wirklich die Intention all dieser Lebewesen war, Hilfe zu holen? Das wird sich wohl nie beweisen lassen. Die meisten wissenschaftlichen Untersuchungen dazu, und es sind wenige, wurden mit Haus- oder Nutztieren wie Hunden und Pferden gemacht. In diesen Studien wird das Tier vor ein Problem gestellt, das es allein nicht lösen kann – oft wird Futter so platziert, dass es nicht hingelangt. Hunde und Pferde wenden sich in dieser Situation tatsächlich an einen anwesenden Menschen, etwa indem sie Blickkontakt aufnehmen oder ihn auffordernd anstupsen.
Aber Wildtiere? Dazu gibt es noch weniger Forschung. Untersucht wurden etwa Kängurus im Zoo mit dem Ergebnis, dass sie ähnlich wie Hunde Blickkontakt zu ihrem Pfleger aufnehmen, wenn der ihr Futter in eine verschlossene Plastikbox gelegt hat. Am besten erforscht in freier Wildbahn ist wahrscheinlich der „Hilferuf“ des Honiganzeigers. Der etwa zwanzig Zentimeter große, braun-weiße afrikanische Vogel gibt einen gellenden Schrei von sich, wenn er ein für ihn unerreichbares Bienennest in einer Baumhöhle entdeckt hat, mit dem Ziel, einen menschlichen Honigsammler aus dem Volk der Yao oder der Hadza auf sich aufmerksam zu machen. Ist ihm das gelungen, führt er den Menschen zum Fundort, indem er kreischend zwischen ihm und dem Nest hin- und herflattert. Die Menschen ernten dann den Honig, der Vogel vertilgt die Bienenlarven und das Wachs – Honig mag er gar nicht.