Stand: 15.09.2026, 19:03 Uhr
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Ein Raubmörder erschlug 1893 auf einem Hof bei Salmdorf eine Witwe und ihre drei Töchter. Der Hauptverdächtige erhängte sich im Gefängnis, bevor er aussagen konnte.
Vaterstetten – Als die Feuerwehr am 12. März 1893 gegen Mitternacht zum Brand auf dem Neuhauser-Hof etwas außerhalb von Salmdorf Richtung Vaterstetten eilt, ahnen die Männer nicht, welch grauenhaftes Verbrechen dort gerade passiert ist. Da es an zwei verschiedenen Punkten brennt, sieht es zunächst „nur“ nach Brandstiftung aus. Im dichten Rauch findet man in der Schlafkammer die vier Frauen des Hofs: Bäuerin Anna Reitsberger (57) und ihre Töchter Kreszenz (23), Anna (16) und Maria (14).

Drei von ihnen liegen „mit furchtbaren Kopfwunden in ihrem Blute schwimmend bewusstlos in ihren Betten“, berichtet später der Korrespondent des „Neuen Münchener Tagblatts“. Die jüngste Tochter kauert schwer verletzt in einer Ecke. Offensichtlich hatte sie zu fliehen versucht. Anna Reitsbergers Gesicht ist völlig entstellt, ihre Backenknochen sind zertrümmert, Schulterblatt und Becken sind gebrochen, die Arme bluten, Mund und Augen stehen weit offen vor Entsetzen. „Ein grauenhafter, erbarmungswürdiger Anblick.“ Die Frauen leben zwar noch, doch es kommt jede Hilfe zu spät. In den nächsten Stunden erliegen sie alle ihren schrecklichen Verletzungen, die ihnen wohl mit einem Beil zugefügt wurden. Der Hof brennt komplett nieder, in der Ruine findet man aufgebrochene Truhen und Schränke. Offensichtlich ein Raubmord.
Serie
Die Ebersberger Zeitung hat Mordfälle im Landkreis Ebersberg aus 400 Jahren recherchiert. In einer losen Artikelserie berichten wir über einige spektakuläre Verbrechen. Folge 15.
„Vierfacher Mord, Raub und Brandstiftung“ titelt die Presse am Tag danach. In der ganzen Umgebung steht man unter Schock. Die Witwe Reitsberger, die noch zwei Brüder und eine Schwester in Vaterstetten und Aschheim hat, galt als fleißige, gutherzige und unbescholtene Frau. Ihre Töchter werden als hübsche, liebenswürdige und brave Mädchen beschrieben. Sofort setzen die wildesten Verdächtigungen ein. War es ein Einheimischer oder ein Fremder? Man hält das Verbrechen für vorbereitet, es könnte also jemand aus der Gegend gewesen sein. Andererseits hatte an dem Rosensonntag in Salmdorf ein Kirchenfest samt kleinem Jahrmarkt stattgefunden, bei dem zu viele Menschen auch aus der weiteren Umgebung zusammengekommen waren. Anna Reitsberger hatte mit ihren drei Töchtern ebenfalls an der Messe teilgenommen.

Das Volk lechzt nach Gerechtigkeit. Von überall werden Verdächtige gemeldet. „Mit wahrem Bienenfleiß werden selbst die unscheinbaren Atome von Beweis von jedem Einzelnen zusammengetragen, um den berufenen Organen des Staates das Material an die Hand zu geben, den Mörder fassen zu können“, schreibt das Münchener Tagblatt. Ohne großen Erfolg. Zwar werden einige Männer festgenommen, nach Verhör aber wieder auf freien Fuß gesetzt.
Die vier Toten, die in einem Salmdofer Hof aufgebahrt sind, locken viel Schaulustige an. Es habe eine wahre Völkerwanderung ab Ostbahnhof bis Salmdorf eingesetzt, berichtet die Presse. Alle wollten die Leichen besichtigen. Der kleine Ort werde regelrecht überschwemmt von Hunderten von Neugierigen aus München. „Als gelte es, ein Volksfest zu feiern.“ Als das Gerücht aufkommt, man habe den Täter gefasst, er komme mit dem nächsten Zug, versammelt sich eine Menschenmenge am Bahnhof. Die Polizei befürchtet sogar Lynchjustiz. Doch es war ein falscher Alarm.
Vier Tage nach der „ruchlosen Tat“ werden Anna Reitsberger und ihre Töchter unter großer Anteilnahme auf dem Friedhof von Salmdorf im Grab ihres bereits acht Jahre zuvor verstorbenen Ehemanns bzw. Vaters beigesetzt. An der Stelle des abgebrannten Hofes wird später eine Kapelle errichtet, die 1964 abgebrochen und durch ein Wegkreuz ersetzt wird. In der Salmdorfer Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt erinnert eine Marmortafel an den Tod der Familie Reitsberger.
1902 wird die „Schmaderer-Bande“ in München verhaftet. Sie wird einer Vielzahl von Einbrüchen verdächtigt. Im Laufe der Ermittlungen verdichten sich die Hinweise, dass sie auch Raubmorde begangen haben. Dann wird der Kopf der Bande, Josef Schmaderer, zur Herkunft bestimmter, bei ihm gefundener Gegenstände befragt, die eindeutig dem Raubmord in Salmdorf zugeordnet werden können. Schmaderer gibt keine Auskunft, erhängt sich jedoch danach im Gefängnis. Damit bleibt der Fall bis heute ungelöst.

Georg Reitsberger, 3, Bürgermeister von Vaterstetten und ehemaliger Vize-Landrat von Ebersberg, lässt der Salmdorfer Fall aus persönlichen Gründen nicht los. Die ermordete Bäuerin war die Tante seines 1884 geborenen Großvaters Baltasar, der als Kind alles miterlebt hat. „Das war ein sehr dramatischer Fall, das hat die Familie ausgesprochen mitgenommen.“ Die Schreckenstat sei immer wieder Thema bei Familientreffen gewesen. Die Großeltern hatten die alten Zeitungen in Gewahrsam, hätten daraus vorgelesen und die Bilder angeschaut. „Meine jüngere Schwester hat danach nicht mehr schlafen können“, erinnert sich Reitsberger, der alles Material in seinem persönlichen Archiv aufbewahrt hat. Er hat sich auch mit dem berühmten, ebenfalls ungelösten Sechsfachmord von Hinterkaifeck beschäftigt. Wegen erstaunlicher Parallelen wird der historische Kriminalfall von Salmdorf oft damit verglichen.