Während die Regierungsspitze in diesem Sommer von Termin zu Termin eilte, dürfte Herbert Kickl vergleichsweise gemächlich durch die politischen Ferien gekommen sein. Die Bilder, die der FPÖ-Chef auf seinen Social-Media-Kanälen verbreitete, vermitteln jedenfalls ein anderes Sommergefühl als jenes, das Christian Stocker und Andreas Babler begleitete: Natur statt Bürgergespräch, Wanderkleidung statt Sommertour, Wienerwald statt Wahlkampfbühne.
Am 11. Juli grüßte Kickl seine Anhänger lachend und mit Sonnenbrille aus dem Wienerwald. Einen Tag später zeigte er sich in den Bergen, mit Helm und einem blauen Papagei als Begleiter. Anfang August posierte er mit einem Freund auf dem Gipfel der "Tauernkönigin" in Kärnten. "Ein Traumtag", wie er dazu schrieb.
Es ist nicht das Bild eines Parteichefs, der sich im politischen Hochsommer abmühen muss. Anders als der Bundeskanzler, der im Zuge seiner "Sommertour" durch Österreich unterwegs war, oder der Vizekanzler, der seit Juni mit seiner "Ordnen statt spalten"-Tour durch das Land zieht, konnte Kickl offenbar Kraft tanken.
Ganz aus der politischen Welt verabschiedet hat er sich freilich nie. Zwischendurch meldete er sich per Presseaussendung zu Wort – meist, um die Bundesregierung zu attackieren. Auch auf Social Media blieb die politische Botschaft präsent: "ORF-Zwangsgebühr abschaffen", forderte Kickl etwa, erklärte die Regierung zur "Verliererkoalition" und bekräftigte: "Die Festung Österreich ist eine absolute Notwendigkeit."
Kraft tanken, Kräfte bündeln
Vor einer Woche kam dann beides zusammen: Wienerwald und politische Botschaft. In einem Video kündigte Kickl seine Rückkehr auf die politische Bühne an.
Er sei gerade "eine kleine Runde im Wienerwald" unterwegs, sagte er. Es gehe darum, "ein bisschen Kraft zu tanken", denn die kommende Woche werde "einige Herausforderungen" bringen. Dann verriet er sein "kleines Geheimnis": Ab Mitte September wolle er zu einer "österreichweiten Tour" aufbrechen.
Die eigentliche Botschaft folgte danach. Österreich stecke voller "Kraft" und "Energie", sagte Kickl. Es brauche nur "eine richtige Führung", die diese Kräfte freisetze. Dann, so seine Verheißung, gehe es "guten Jahren" entgegen.
Das ist die politische Erzählung, mit der Kickl in den Herbst startet: Österreich als Land voller ungenutzter Möglichkeiten, die Regierung als jene Kraft, die sie brachliegen lässt – und die FPÖ als Alternative, die das ändern will.
Auch abseits von Kickls Tour setzt die FPÖ im Herbst auf Mobilisierung: Am 12. September erinnert sie in Innsbruck an 40 Jahre seit Jörg Haiders Übernahme der Partei, im September soll zudem ein neues ORF-Volksbegehren eingebracht werden.
Richtung 40 Prozent
Die Botschaft trifft auf eine politische Lage, die für die Freiheitlichen kaum günstiger sein könnte. Die jüngste, vom STANDARD beim Linzer Market-Institut in Auftrag gegebene Umfrage bestätigt den Trend: Die Freiheitlichen kommen auf 38 Prozent. Die ÖVP liegt bei 18 Prozent, die SPÖ bei 17.
Die FPÖ nähert sich damit der 40-Prozent-Marke – und kann besonders auf Männer, Menschen am Land und über 50-Jährige zählen. Laut Market-Politikforscher David Pfarrhofer ist das der höchste Wert für die FPÖ, an den er sich erinnern kann.
Auch Kickl selbst gewinnt in der fiktiven Kanzlerdirektwahl dazu. 34 Prozent würden sich für ihn entscheiden, nach 29 Prozent bei der vorherigen Erhebung. Stocker kommt auf 15 Prozent, Babler auf neun.
In den Ländern zeigt sich ein ähnliches Bild. In Oberösterreich könnte die FPÖ die ÖVP bei der Landtagswahl 2027 erstmals überholen. Eine Spectra-Umfrage im Auftrag der Grünen sieht die Freiheitlichen bei 32 Prozent, die ÖVP bei 26. Die Schwarzen kontern mit einer eigenen Befragung, in der sie mit 32 Prozent knapp vor der FPÖ mit 31 Prozent liegen. In Tirol, wo 2027 ebenfalls gewählt wird, wurde zuletzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen ÖVP und FPÖ mit jeweils 29 Prozent ausgewiesen. Auch in Niederösterreich rückt die FPÖ näher an die ÖVP heran. Die Volkspartei liegt mit 35 Prozent noch voran, die Freiheitlichen erreichen mit 30 Prozent aber einen historischen Höchstwert.
In der Steiermark ist die Entwicklung am eindeutigsten. Dort haben die Freiheitlichen die ÖVP bereits bei der Landtagswahl 2024 überholt. Mario Kunasek regiert seither mit der ÖVP als Juniorpartner. Eine aktuelle Umfrage sieht die FPÖ inzwischen sogar bei 43 Prozent – gegenüber 34,8 Prozent bei der Wahl 2024. ÖVP und SPÖ liegen bei jeweils 19 Prozent. Bei einer fiktiven Direktwahl des Landeshauptmanns käme Kunasek auf 47 Prozent.
Ein Sommer mit Reibungsflächen
Doch eitel Wonne herrscht auch bei den Freiheitlichen nicht. Ausgerechnet der Sommer, der Kickl persönlich viel Erholung beschert haben dürfte, brachte seiner Partei einige unangenehme Themen.
Eines davon kam buchstäblich von oben: die Hitze. Während Österreich mit extremer Trockenheit und Dürre kämpfte, wurde die FPÖ mit einem Widerspruch konfrontiert, den sie bislang nicht auflösen kann. Kickl spricht von "Klimakommunisten", warnt vor "Klimahysterie" und kritisiert Klimaschutz als Geschäftemacherei. Gleichzeitig fordern die Freiheitlichen staatliche Hilfen für betroffene Bauern.
Ein Posting Kickls zu einem verdorrten Maisfeld, mit dem er rasche Dürrehilfen verlangte, löste selbst auf seiner sonst ausgesprochen loyalen Facebook-Seite einen ungewöhnlich heftigen Shitstorm aus. Darin zeigt sich die politische Fallhöhe: Wer die Klimakrise jahrelang kleinredet oder ihre menschengemachten Ursachen negiert, gerät in Erklärungsnot, wenn ihre Folgen zugleich zum politischen Argument für staatliche Hilfe werden.
Die Grenze verschwimmt
Noch unangenehmer für die FPÖ ist allerdings eine andere Front. Sie begleitet die Partei seit Monaten: die enge Verbindung zum rechtsextremen und gewaltbereiten Milieu der Identitären.
Bereits im Frühjahr enthüllten Recherchen von STANDARD und ORF-"Report", dass parlamentarische Mitarbeiter von FPÖ-Abgeordneten in Beobachtungen des Verfassungsschutzes auftauchen. Dabei handelt es sich überwiegend um Personen mit Naheverhältnis zur Identitären Bewegung. Anders als andere Personen mit Zugang zu sensiblen Bereichen des Parlaments müssen parlamentarische Mitarbeiter bislang keine Sicherheitsüberprüfung durchlaufen.
Dann folgte die Causa Leoben. Ein Mitarbeiter des Abgeordneten Michael Oberlechner, der sich in der Identitären Bewegung engagiert hatte, wurde wenige Tage nach einer mutmaßlich brutalen Attacke auf einen Taxifahrer gekündigt. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung. Der Fall verschärfte dennoch die Debatte über die Beschäftigung von Identitären im blauen Klub.
Und nun zeigen jüngste STANDARD-Recherchen, wie tief die Verbindungen zwischen der Freiheitlichen Jugend (FJ) und dem identitären Milieu reichen. Die Grenze zwischen der Parteijugend und der identitären Tarnorganisation "Aktion 451" wirkt an manchen Stellen nicht mehr nur durchlässig, sondern geradezu verschwommen. Es gibt personelle Überschneidungen, gemeinsame Auftritte und Kontakte. Führende Identitäre treten als Vortragende bei Veranstaltungen der FJ auf, identitäre Ideologie findet sich auch in der politischen Kommunikation der Jugendorganisation wieder.
Es ist eine Entwicklung, die unter Kickl befördert wurde. Die frühere Distanz der FPÖ zu den Identitären ist weitgehend Geschichte. Kickl selbst hat immer wieder Begriffe und Kampagnen aus diesem Milieu aufgegriffen. "Remigration" etwa ist längst Teil des freiheitlichen Vokabulars.
Distanz in den Ländern
In der Bundespartei soll die Aufregung über die jüngsten Enthüllungen groß sein. In den Landesparteien wiederum ist, so ist zu hören, die Einschätzung verbreitet, dass die von Kickl und der Bundespartei gesuchte Nähe zu den Identitären ein Fehler war. Offiziell artikuliert hat diese Distanz bislang allerdings nur einer: der steirische FPÖ-Landeshauptmann Mario Kunasek. "Das ist ganz klar zu verurteilen", sagte er im Presse-Interview zu den Gewaltvorwürfen in Leoben.
Die Landesparteien wissen, dass die Freiheitlichen gerade dort erfolgreich sind, wo sie als wählbare, regierungsfähige Partei auftreten. Je stärker die Bundespartei mit rechtsextremen Netzwerken und deren Umfeld verbunden erscheint, desto größer ist das Risiko, dass diese politische Anschlussfähigkeit Schaden nimmt.
Die Schonfrist ist vorbei
Kickl selbst hat sich zu den jüngsten Enthüllungen bislang nicht geäußert – und auch nicht zu der Frage, wie er es mit einem Milieu hält, dessen Vertreter zunehmend in die eigenen Strukturen hineinreichen. Das konnte im Sommer funktionieren: ein paar Bilder aus dem Wienerwald, ein Ausflug auf einen Berg, politische Ansagen zwischendurch – und ansonsten Abstand zum politischen Alltag.
Am Montag sitzt Kickl im ORF-"Sommergespräch". Dann endet der politische Sommer auf Abstand. Er wird über seine Pläne, die Stärke der FPÖ und seine Österreich-Tour sprechen können. Aber er wird auch zu jenen Fragen Stellung nehmen müssen, die seine Partei im Sommer lieber unbeantwortet gelassen hätte. (Sandra Schieder, 5.9.2026)