Die Huthi beherrschen die asymmetrische Kriegsführung auf See. Das haben sie lange vor ihrem jüngsten Vormarsch im Jemen bewiesen. Seit Jahren geraten Handelsschiffe im Roten Meer ins Visier der mit Iran verbündeten Miliz. Mit ihrem breiten Waffenarsenal brachte sie selbst die Vereinigten Staaten in Bedrängnis. Nun haben die Rebellen in einer Bodenoffensive strategische Positionen an der wichtigen Meerenge Bab al-Mandab erobert. Das eröffnet ihnen zusätzliche militärische Optionen für Angriffe auf die Schifffahrt.
Ende vergangener Woche haben die Huthi zunächst die Hafenstadt Mokha an der Westküste des Landes und kurze Zeit später die Insel Mayyun (Perim) sowie die Hanisch-Inselgruppe unter ihre Kontrolle gebracht. Mayyun liegt am südlichen Ende und engsten Stelle von Bab al-Mandab, die Hanisch-Inseln weiter nördlich. An beiden Standorten sind auf Satellitenbildern Startbahnen und Hangars zu sehen. Sie standen zuvor unter Kontrolle der jemenitischen Regierung, die von Saudi-Arabien und einer internationalen Anti-Huthi-Koalition unterstützt wird.
Huthi können mit vielen verschiedenen Waffen angreifen
Mit ihren Eroberungen weiten die Huthi ihren Zugriff über eine der weltweit wichtigsten Schifffahrtsrouten erheblich aus. Insbesondere mit Mayyun steht den Rebellen nun ein strategisch günstiger Außenposten mitten in der Meerenge zur Verfügung – die Insel liegt etwa drei Kilometer von der jemenitischen Küste und 20 Kilometer von der Küste Djiboutis entfernt.
Reedereien zeigen sich besorgt, dass nach der Straße von Hormus nun in der nächsten wichtigen Meerenge die Schifffahrt zum Erliegen kommen könnte. Sie dürften den Zusicherungen der Miliz, nur saudi-arabische Schiffe anzugreifen, angesichts früherer Erfahrungen mit Vorsicht begegnen.
Ende 2023 starteten die Huthi eine Angriffskampagne im Roten Meer. Sie erklärten, damit aus Solidarität mit den Palästinensern Druck auf Israel ausüben zu wollen, zielten aber auch auf Schiffe ohne erkennbare israelische Verbindung. Mehrere Schiffe wurden versenkt und Seeleute getötet; zu den spektakulärsten Aktionen gehörte die Kaperung eines Frachtschiffs per Hubschrauber.
Die Huthi können mit einer Vielzahl von Waffen Ziele auf See attackieren: darunter Drohnen, Minen, Antischiffsraketen oder Marschflugkörper. Wie technologisch fortgeschritten sie sind, zeigte sich bei einem massiven Angriff der Gruppe im Roten Meer 2024. Der amerikanische Vizeadmiral Brad Cooper erklärte damals, die Huthi seien „die erste Gruppe in der Weltgeschichte, die jemals ballistische Antischiffsraketen gegen die Schifffahrt eingesetzt hat“. Bei einem Luftangriff der Huthi im vergangenen Jahr musste ein US-Flugzeugträger derart abrupt ausweichen, dass ein Kampfflugzeug über Bord fiel.
Spekulationen über eine Intervention Washingtons
Mit ihren neu eroberten Stellungen befinden sich die Rebellen jetzt in einer noch stärkeren Position. Zum einen könnte sich die Reaktionszeit auf mögliche Huthi-Angriffe deutlich verringern. Zum anderen weisen Fachportale wie „The War Zone“ darauf hin, dass die Miliz nun nicht einmal auf ihre modernen Waffen zurückgreifen müsste, sondern etwa auch mit Panzerabwehrraketen oder Artillerie die Schifffahrt ins Visier nehmen könnte.
Sollten die Huthi ihre Angriffe im Roten Meer wie 2023 eskalieren, dürften sich die Blicke auf Amerika richten. Laut amerikanischen Medienberichten hat Präsident Donald Trump Anfragen aus Riad, militärisch einzugreifen, abgelehnt. CNN zufolge stellen die USA Saudi-Arabien aber mehr als 100 Militärplaner zur Verfügung, die das Königreich mit nachrichtendienstlichen Informationen und Zielerfassung im Kampf gegen die Huthi unterstützen. Ein amerikanischer Regierungsvertreter sagte „The War Zone“, dass eine Militärintervention Washingtons nicht ausgeschlossen sei. Derzeit setze man aber auf die Partner in der Region.
Trump weiß, dass die Huthi auch mit massiver militärischer Gewalt nicht einfach zu besiegen sind. Im Frühjahr 2025 starteten die USA eine 52-tägige Angriffskampagne gegen die Rebellen. Obwohl die amerikanischen Streitkräfte nach eigenen Angaben mehr als 1000 Ziele im Jemen angegriffen hatten, waren die Huthi weiterhin in der Lage, Schiffe zu beschießen. Die Amerikaner hätten nicht einmal die Luftherrschaft über die Rebellen errungen, berichtete die „New York Times“ damals. Die Huthi verfügen über mobile Raketensysteme, die schnell verlegt werden können und im gebirgigen jemenitischen Terrain schwer zu entdecken sind.
Trump nennt Miliz „äußerst widerstandsfähig“
Nach dem Waffenstillstand bescheinigte Trump den Rebellen öffentlich, „äußerst widerstandsfähig“ gewesen zu sein. Auch angesichts der Munitionsknappheit der Amerikaner, die sich durch den Irankrieg akut verschärft hat, ist es fraglich, ob sich Washington auf ein neues Jemen-Abenteuer einlässt.
Auch die Europäer sind mit Kriegsschiffen in der Region präsent. Die defensive EU-Operation Aspides zum Schutz der Schifffahrt vor Huthi-Angriffen, an der unter anderem Deutschland und Frankreich beteiligt sind, wurde im Februar bis Anfang 2027 verlängert. Das Einsatzgebiet umfasst unter anderem die Meerenge Bab al-Mandab sowie das Rote Meer oder den Golf von Aden. Also jene Gewässer, die die Huthi nach ihrem Vormarsch noch stärker bedrohen. Die Deutsche Marine hatte zuletzt 2024 eine Fregatte in das Einsatzgebiet geschickt.
Anzeichen, dass die Europäer das Mandat angesichts der aktuellen Huthi-Vorstöße ausweiten wollen, gibt es derzeit nicht. Ausgeschlossen ist das allerdings nicht. Vor wenigen Tagen teilte das französische Militär mit, dass eine französische Fregatte im Rahmen von Aspides „zahlreiche Handelsschiffe“ durch die gefährdete Meerenge Bab al-Mandab eskortiert habe.