Warum das französische Hausbootrevier Canal du Midi eine Radreise wert ist

Fahrradurlaub

Warum das französische Hausbootrevier Canal du Midi eine Radreise wert ist

Der Treppelweg zwischen Toulouse und dem Mittelmeer bietet eine gute Gelegenheit, in der der südfranzösischen Landschaft buchstäblich einen Gang runterzuschalten

Harald Sager

"In den frühen Siebziger-Jahren wollte der damalige Bürgermeister den Kanal zuschütten lassen und eine sechsspurige Stadtautobahn darauf errichten. Das wurde durch Bürgerproteste und einen darauffolgenden politischen Wechsel vereitelt", erzählt die Guide Céline Laurière. Wie sich die Zeiten ändern: Seit 30 Jahren ist der Canal du Midi (der Kanal des Südens), der in Toulouse beginnt und bei Sète ins Mittelmeer mündet, Unesco-Weltkulturerbe. Und die Stadt selbst gilt mit ihrem über 600 Kilometer großen Radnetz als besonders fahrradfreundlich.

Ein Radfahrer fährt auf einem grasbewachsenen Weg entlang eines Kanals, der von einer Allee hoher Bäume gesäumt ist. Die Herbstblätter der Bäume spiegeln sich im ruhigen Wasser des Kanals.
Der 240 Kilometer lange Canal du Midi verbindet Toulouse mit dem Mittelmeer.

Laurière kommt, wie es sich für Puristen gehört, mit dem Rennrad zur Stadttour, ich auf dem E-Bike, das ich mir ausgeliehen habe. Eine zügige Art, um einen ersten Eindruck von der vom Fluss Garonne sowie dem Canal du Midi umfangenen Altstadt zu gewinnen: Wir kommen vorbei am belebten Platz der Daurade, dem früheren Hafen längs der Garonne mit Blick auf das historische Armenspital Hôpital de la Grave und radeln weiter zum prächtig barocken "Capitol", dem Rathaus mit dem übergroßen Hauptplatz. Wir passieren das Benediktinerkloster der Jakobiner im Stil der Südfranzösischen Gotik sowie die romanische Basilika St.-Sernin, die größte erhaltene des Landes.

Diese Bauten sowie ein Gutteil des Zentrums sind aus sonnengebleichtem roséfarbenen Backstein, der der Stadt die Bezeichnung "la ville rose", die rosarote Stadt, eingetragen hat. Aber ich beschränke mich auf das, was ich auf einer zweistündigen Tour zu sehen bekomme, denn Toulouse ist erst Ausgangspunkt meiner E-Bike-Tour entlang des 240 Kilometer langen Canal du Midi, den ich mir in vier Tagesetappen vorgenommen habe – was sich als überambitioniert herausstellen wird.

Ein lebendiges Gemälde

Es dauert eine Weile, bis ich das Weichbild von Toulouse mit seinen Vorstädten, Gewerbegürteln und Zubringerstraßen hinter mir gelassen, mich auch aus dem städtischen Tempo sozusagen herausgeradelt und in das Gemächlichere des Kanalwegs hineingefunden habe. Die Jogger, Spaziergänger und Radler aus Toulouse werden weniger, hie und da überhole ich andere Canal-du-Midi-Fahrer und – mit Leichtigkeit – das eine oder andere Hausboot.

Hier bin ich also und labe meine Augen an ständig wechselnden impressionistischen Gemälden, zusammengesetzt aus dem mal bräunlichen, mal grünlichen Wasser des Kanals und den sich darauf spiegelnden Platanen längs des Wegs, an den Grünschattierungen der Büsche und Bäume, an gelegentlichen Steinbrücken und den Schleusen mit ihren schmucken Wärterhäusern, von denen manche kleine Gaststätten beherbergen.

Ein ruhiger Abschnitt des Canal du Midi, flankiert von dichten, grünen Bäumen. Auf der rechten Seite liegen farbenfrohe Boote am Ufer vertäut. Der Himmel ist klar und blau.
Die vielen Schleusen und Wärterhäuschen am Canal du Midi kann man vom Hausboot aus bewundern – aber auch vom Begleitweg mit dem Rad.

Wer etwas von Technik versteht, wird sich an diesen Denkmälern hochstehender Ingenieurskunst aus Gusseisen, Stein, Holz erfreuen, die in ihren Grundformen noch aus dem 17. Jahrhundert stammen. Einige von ihnen haben, um die Sache noch zu komplizieren, mehrere "Treppen", das heißt Schleusenkammern hintereinander. Alles in allem zählt der Kanal mehr als sechzig Schleusen, von denen etwa die Hälfte automatisch, die andere Hälfte manuell von Wärtern betrieben wird.

Marjorie ist eine von ihnen, und sie erzählt, dass diese in den kommenden Jahren nach und nach automatisieren werden sollen: "Außer die komplizierteren mit mehreren Treppen – sonst würde es Unfälle unter den Hausbooten geben!" Aber was wird sie dann machen? Ihr von schlanken Zypressen und rosa blühenden Lorbeerbäumen umstandenes Wärterhaus aufgeben? "Ach, ich bin fünfzig, bis dahin bin ich längst in Pension!"

Flussszene mit einer historischen Schleusenanlage, umgeben von grünen Bäumen und Vegetation. Eine Straße und ein Fußweg führen auf beiden Seiten der Schleusen nach oben. Der Himmel ist teils bewölkt, die Umgebung strahlt herbstliche Farben aus.
Die Schleusentreppe Fonseranes ist besonders aufwändig konstruiert: Sie verfügt über sechs Kammern und überwindet einen Höhenunterschied von fast 14 Metern.

Die Bootstouristen auf – jährlich bis zu 10.000 – Hausbooten und die zahlreichen Radler am Canal du Midi – wem verdanken sie das alles eigentlich? Letztendlich jenem Mann, der Mitte des 17. Jahrhunderts eine folgenschwere Beobachtung machte: Pierre-Paul Riquet, der die königliche Salzsteuer einhob und dadurch schwer reich wurde, bemerkte, dass sich das Flusswasser an einem ganz bestimmten Punkt, der Schwelle von Naurouze, teilt: Ein Teil fließt Richtung Atlantik, der andere südlich in Richtung Mittelmeer. Seine Vision war, zwei Kanäle sowie einen Wasserspeicher zu bauen. Diese sollten einen Kanal permanent mit Wasser speisen, der von der Wasserscheide nördlich nach Toulouse und südlich ans Mittelmeer reichen sollte.

Er ruinierte sich dabei finanziell und erlebte ihre Realisierung nicht mehr. Doch im Jahr 1681 konnte der königliche Kanal des Languedoc schließlich eingeweiht werden. Damit war zugleich auch ein bereits seit der Antike bestehendes Projekt, nämlich die beiden Meere zu verbinden, Wirklichkeit geworden.

Touristen radeln auf einem von Bäumen gesäumten Weg entlang des Canal du Midi bei Sonnenschein. Der Kanal reflektiert das Licht, und die Szene ist von ländlicher Landschaft und schattenspendenden Bäumen geprägt.
Über weite Strecken säumen schattenspendende Platanen den Kanal.

Der Kanal verläuft nicht gerade, sondern schlängelt sich in sanften Windungen durch die Landschaften. Der Fahrradweg folgt ihm darin stets auf dem Fuße, denn es ist der alte Treidelweg aus den Zeiten der Gütertransporte, als die Schiffe kanalaufwärts gezogen wurden. Gelegentlich erhasche ich durch das Buschwerk einen Blick auf die Ebene sowie sanft hügelige Landschaft südöstlich von Toulouse. Sie machte die lokale Bevölkerung wegen ihrer Fruchtbarkeit und des früher hier angebauten Pastel (eine Pflanze, aus der Indigoblau gewonnen wurde) wohlhabend.

Der Weg ist asphaltiert, was sehr angenehm ist – leider nur die ersten 50 Kilometer. Danach beginnt fester Erdboden sowie Kiesweg, was freilich nur die stören kann, die – wie der Autor – mit einer normalen Hose losgezogen sind statt mit einer gesäßkissenbewehrten Fahrradhose. Ebenso nötig ist auch eine Windjacke, denn der vom Meer hereinwehende Gegenwind kann durchaus heftig sein. Die meisten Radfahrer, denen ich begegne, wissen das und sind damit ausgestattet. Ich kann am Ende der ersten Tagesetappe, im Gewerbegürtel von Castelnaudary, glücklicherweise beides ergattern.

Boote sind am Hafen von Castelnaudary am Canal du Midi in Südwestfrankreich festgemacht, umgeben von Gebäuden, Bäumen und geparkten Autos.
Der Hafen von Castelnaudary stammt aus dem 17. Jahrhundert.

So wie der Asphaltweg unvermittelt endet, so hört auch die Platanenallee, die bis Castelnaudary relativ lückenlos ist, irgendwann auf. Ein Pilz hat die Bestände dezimiert, andere Arten wurden ersatzweise gepflanzt, darunter eine resistente Platane. Es wird eine Weile dauern, bis sie in ebensolcher Pracht dastehen wie ihre Kollegen, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts angepflanzt wurden. Optisch entschädigt werde ich in Castelnaudary durch ein großes, in den 1670ern ausgehobenes Becken, das als Hafen genutzt wurde. Gekrönt wird das Ganze durch die eindrucksvolle Schleuse Saint-Roch mit ihren vier Treppen.

Auf dem Weg zum zweiten Tagesziel Carcassonne folgt ein kleiner Abstecher nach der rundförmig angelegten Ortschaft Bram, einer einstigen wehrhaften Bastide der Katharer. Die aneinandergeschmiegten Häuser mit ihren engen Gässchen dazwischen scheinen sich ängstlich um die Kirche St. Julien zu scharen. Gegen die Truppen des berüchtigten Kreuzzüglers Simon de Montfort half das nichts, die Stadt wurde im Jahr 1210 kurz belagert und rasch eingenommen.

Marodierende Touristen

Die Cité de Carcassonne ist der Star der Route: eine spektakulär mächtige, auf einen Hügel gebaute mittelalterliche Festung, die die ganze Ebene des Flusses Aude überblickt, eingefasst von der Montagne noire, dem Schwarzen Berg, im Norden und den in der Ferne sich aufbauenden Pyrenäen im Süden. 52 Wehrtürme und drei Kilometer Ringmauern soll die Cité haben, ich habe sie nicht gezählt. Aber es sind viele, und sie wurden gebraucht, denn Carcassonne war die Grenzfestung der französischen Krone gegen jene von Aragón. Die jetzigen einfallenden Belagerer sind harmlose Touristen aus aller Welt, die ihre leichte Beute in den Boutiquen, Kunsthandwerks- und Souvenirläden, in den Restaurants und den Eisgeschäften finden und anschließend noch im Museumoder in der Basilika marodieren. Es ist schon ein wenig übertouristisch, aber auch, wie man auf Französisch sagt, "incontournable", also unmöglich, einfach daran vorbeizuradeln.

Zwei Kämpfer in mittelalterlichen Rüstungen treten in einem historischen Festival in Mirepoix, Südwestfrankreich, bei einem Vollkontaktturnier gegeneinander an. Im Hintergrund sind Zuschauer, Marktstände und historische Gebäude zu sehen.
Ritter kämpfen in Carcassonne nur mehr zur Belustigung der Touristen.

Die Festung hatte übrigens ein ähnliches Schicksal wie der Canal du Midi: Auch sie wäre, Mitte des 19. Jahrhunderts, beinahe abgerissen worden, nachdem sich die örtliche Bevölkerung der Festungsmauern schon jahrzehntelang als Baumaterial für ihre Einfamilienhäuser bedient hatte. Doch der Schriftsteller Prosper Mérimée, damals auch Generalinspektor der historischen Denkmäler Frankreichs, verhinderte das gemeinsam mit dem Bürgermeister und Historiker Jean-Pierre Cros-Mayrevieille. Seit 1997 ist Carcassonne Unesco-Weltkulturerbe.

Licht aus in Le Somail

Tags darauf radle ich an hübschen Ortschaften wie Trèbes und Homps mit ihren belebten Kanalhäfen vorbei und befinde mich bereits mitten in zwei Weingebieten, dem Minervois im Norden und Corbières im Süden, ehe ich in meiner Frühstückspension, in Le Somail ankomme. Le Somail (nach "sommeil", Schlaf), das um 1680 als "Couchée", das heißt als reine Durchzugs- und Übernachtungsstation der Reisenden auf den Postbooten, entstand, ist ein entzückendes Örtchen mit Hauptplatz, Steinbrücke und historischem turmförmigen Eiskeller und drei, vier Restaurants, wovon mindesten eines, nämlich die "Escale du Somail", verbürgtermaßen (ich habe dort gespeist) ausgezeichnet ist. Sogar eine wohlsortierte antiquarische Buchhandlung namens Le Trouve Tout du Livre gibt es, und nachts, als ich zu den Sternen raufschaue, stelle ich zu meiner Überraschung fest, dass jegliche Straßenbeleuchtung abgeschaltet ist. "Das ist aber toll, dass ihr das Licht abdreht. Macht ihr das bewusst gegen die Lichtverschmutzung?", frage ich anderentags die Vermieterin Isabelle Bonnevie. "Nein, nein, wir müssen Strom sparen. Einige Einwohner mögen es gar nicht, es ist ihnen unheimlich!"

Ein Mann sitzt mit freiem Oberkörper am Ufer der Garonne in Toulouse, Frankreich, mit Blick auf die Chapelle Saint-Joseph de la Grave. Neben ihm ist ein Fahrrad abgestellt.
In Toulouse ist die Garonne breit, der Blick geht auf die Chapelle Saint-Joseph de la Grave in Toulouse.

Am vierten Tag verlasse ich die Route, die eigentlich noch über Béziers verläuft und in Sète endet, eigenmächtig und radle stattdessen weiterhin durch Weinland nach Narbonne. Dazu bewege ich mich entlang des Verbindungskanals Canal de Jonction und des Canal de la Robine – es ist ein beliebter Abstecher. Er fließt geradewegs durch die Altstadt, und ehe ich mir die Sehenswürdigkeiten gönne – die Kathedrale, deren Bau im 13. Jahrhundert begonnen und deren Vollendung fünf Jahrhunderte später endgültig aufgegeben wurde, und die quirlige Place de l'Hôtel de Ville mit dem besichtigbaren erzbischöflichen Palais –, erfreue ich mich nach all dem Strampeln der letzten Tage zunächst einmal einfach an der hellen, heiter südlichen Atmosphäre dieser Stadt so nah am Meer.

Komorebi in Narbonne

Ich spaziere auf den weitläufigen Boulevards und den Kais des Canal de Robine, und da sind sie wieder, die am Canal du Midi so vermissten Platanenalleen! Der warme Tramontane, der den Korridor zwischen den Pyrenäen und dem Zentralmassiv herunterweht, rupft an den Kleidern, umfächelt die Leiber und raschelt durch die Blätter. Sonnenstrahlen verfangen sich darin und fallen durch das Blätterwerk, Licht und Schatten bilden changierende Muster auf dem Kieselboden. Die Bootstouristen am Canal machen sich an ihren angetäuten Hausbooten zu schaffen, in den Cafés und auf den Bänken am Platz wird gesessen, geplaudert und geschaut – alles ganz "relax", wie die Jugendlichen in Frankreich sagen. (Harald Sager, 24.7.2026)

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