Ein warmer Sommertag in der Krefelder Innenstadt. Es ist ruhig in der Fußgängerzone. Goldene Lettern an einer sonst unscheinbaren Hausfassade verraten, was sich dahinter verbirgt: "Städtische Bäder". Kaum zu glauben, dass sich hier, nur einige Schritte vom Hauptbahnhof entfernt, eine riesige Badeanstalt versteckt.
Tritt man durch die Metalltür des Baugitters, ist es wie ein Schritt in eine andere Zeit. In der kleinen Vorhalle befindet sich rechts das Schaufenster eines alten Friseurs, links der ehemalige Eingang des Bads - auch die kleine Kassenkabine steht noch.
Das alte Jugendstilbad erstreckt sich über achttausend Quadratmeter, umringt von einem Häuserblock. Zu seiner Glanzzeit gab es hier zwei große Schwimmhallen, eine größer als die andere, denn "die Herren hatten mehr Platz als die Damen", erzählt Ruth Esser-Rehbein von der Stadt Krefeld.
Als Warmwasser Luxus war: die Anfänge des Stadtbads Krefeld
Das Bad stammt aus einer Zeit, in der Wohnhäuser noch nicht mit fließendem Wasser versorgt waren. Wannenbäder wie die des Stadtbads Krefeld fungierten daher als Hygiene-Einrichtungen. Neben den medizinischen Bädern, inklusive Dampfbad und Sauna, gab es im Stadtbad Neusser Straße ein Freibad.
Vor allem Warmwasser war eine Innovation für die Krefelderinnen und Krefelder, die sich hier waschen konnten. Für die dritte Klasse gab es nur Brausen. Im Stockwerk der ersten Klasse hingegen befand sich sogar das Kaiserbad, ein luxuriöser Raum für den Fall, dass der Kaiser mal in Krefeld vorbeikam.
Olympionikin Anne Poleska zog hier ihre Bahnen
Eröffnet hat die Badeanstalt im Jahr 1890. Damals galt sie als schönste und prächtigste im Deutschen Reich. Rund 100 Jahre später trainierte hier zeitweise die ehemalige Olympia-Schwimmerin Anne Poleska. Sie erinnert sich gerne daran zurück.
"Ich weiß noch ganz genau, wie sich das anfühlt, wenn man rückenschwimmt und an diese hohe Decke guckt und dann fliegen die Tauben über einem hinweg, weil sich immer irgendwelche Tauben reingeschmuggelt hatten. Und wenn einer oben am Gang gegangen ist, dann hat man das mitbekommen und es war eigentlich immer eine ganz tolle Atmosphäre und auch irgendwie ein bisschen mystisch." Anne Poleska, ehemalige Olympia-Schwimmerin
Zwischen Glanz und Verfall
Weil die Hallenbäder immer sanierungsbedürftiger wurden, legte die Stadt im Jahre 2003 den aktiven Betrieb des Stadtbads Neusser Straße endgültig still.
Was einst ein prunkvolles Bad war, fasziniert heute eher als Lost Place. Manches wirkt, als wäre die Zeit stehen geblieben. Von einer Staubschicht verdeckt, aber intakt genug, um sich auszumalen, wie es hier war, als das Bad noch in Betrieb war.
Im Stadtbad Krefeld gibt es so einiges, was in modernen Schwimmbädern nicht mehr zu finden ist: Stuck an den Decken der imposanten Flure, Türrahmen aus Holz, Geländer aus kunstvollem Schmiedeeisen verzieren Treppen und Galerien der Badehallen, und dann wären da noch die unzähligen detailreichen Fliesen.
Von Zwischennutzung und Zukunftsvisionen
Auch für die Öffentlichkeit ist diese mystische Atmosphäre zugänglich. Es gibt historische Führungen durch das Gebäude, Kunstausstellungen oder Kulturabende, komplett verloren ist dieser Lost Place also nicht.
Aktuell wird das Freibadgelände bereits in Teilen als soziokultureller Veranstaltungsort bespielt. Der ehrenamtliche Verein "freischwimmer" ist hier aktiv. Weitere Sanierungen auf dem Freibadgelände sind in Arbeit. Auch für den Hallenbadtrakt gibt es Pläne: Ein Jugendkulturhaus mit einem Quartierszentrum. "Da muss jetzt eine Entscheidung durch den Stadtrat gefällt werden, ob das weitergehen kann", sagt Esser-Rehbein, Projektmanagerin im Stadtbad.
Egal, auf welche Nutzung es hinausläuft - Hauptsache, der besondere Charme des alten Stadtbads bleibt erhalten.