Stand: 27.08.2026, 22:00 Uhr
Kommentare
Steht Natalie Portman tatsächlich im Zentrum von Rachel Cusks neuem Roman – oder ist der Wirbel nur cleveres, inszeniertes Literaturmarketing?
Los Angeles – Eine der meistdiskutierten literarischen Neuerscheinungen dieser Woche – manche sagen sogar dieses Jahres – ist „Life of M“, der neue Roman der viel gelobten und preisgekrönten britischen Autorin Rachel Cusk.
Cusk, deren Werke in der internationalen Literaturszene hohes Ansehen genießen, hat sich vor allem als präzise Beobachterin komplexer innerer und zwischenmenschlicher Zustände einen Namen gemacht und wurde dafür mit zahlreichen Preisen gewürdigt.
Content-Partnerschaft
Dieser Artikel von David Mouriquand entstand in Kooperation mit Euronews
Sie ist bekannt für Romane wie „The Lucky Ones“, die Outline-Trilogie („Outline“, „Transit“ und „Kudos“), „Second Place“ sowie das mit dem Goldsmiths Prize ausgezeichnete Buch „Parade“.
Ihr Name galt bislang nicht als Kandidat für skandaltauglichen Klatsch oder Schlagzeilen, sondern eher als Garant für literarische Ernsthaftigkeit und formal ambitionierte Prosa, die sich dem schnellen Sensationshunger üblicherweise entzieht.

Doch nun ist es so weit: Alle reden über „Life of M“. Die zentrale Frage lautet: Steckt hinter der Figur M eine fiktionalisierte Version von Natalie Portman, also ein literarisches Spiegelbild der Hollywood-Schauspielerin, oder handelt es sich bloß um eine Reihe zufälliger Ähnlichkeiten, die von der Öffentlichkeit überinterpretiert werden?
Literarische Vorlage und mögliche Portman-Parallelen
Der Verlag Farrar, Straus and Giroux preist den Roman als „flammende Untersuchung von Ruhm, Macht, Schönheit und Wahrheit“ an. Literaturkritiker rätseln, ob es sich um ein nur dünn verschleiertes, wenig schmeichelhaftes Porträt der Oscar-Preisträgerin handelt, das sich hinter einer vermeintlich anonymen Figur verbirgt und dabei bewusst mit der Grenze zwischen Fiktion und biografischer Anspielung spielt.
„Life of M“ erzählt von einer namenlosen Schriftstellerin, die eine berühmte Schauspielerin namens M als Inspiration für ihr nächstes Projekt nutzen will. Sie zeichnet das Leben des Stars nach und beschreibt „eines der bekanntesten Gesichter unserer Zeit“ als distanziert und selbstgerecht – eine Frau, die sich nahbar gibt, um den inneren Blender zu verbergen, und deren öffentliche Persona als sorgfältig kalkuliertes Image erscheint.
Ein literarischer Seitenhieb? Berichten zufolge ja, denn die Parallelen zwischen M und Portman sind zu deutlich und zu zahlreich, um sie zu übersehen. Viele sehen in der Darstellung eine gezielte Zuspitzung, die bewusst darauf abzielt, ein wiedererkennbares reales Gegenüber im Kopf der Leserschaft hervorzurufen und damit den Reiz des vermeintlichen Enthüllungsromans zu verstärken.
Valerie Stivers’ Kritik und konkret benannte Überschneidungen
Aufgelistet hat sie zuerst die Kritikerin Valerie Stivers beim Magazin Unherd. Sie schrieb, Portman „wirke seit Langem eher wie jemand, der sich als klug vermarkten will, als wie jemand, der tatsächlich klug ist – und ihre Entscheidung, ihre Freundin Rachel Cusk ein Buch über sie schreiben zu lassen, scheine das zu bestätigen“.
Damit legte Stivers nahe, dass hinter der literarischen Konstruktion eine bewusste Zusammenarbeit oder zumindest ein Einverständnis Portmans stehen könne. Während neue Rezensionen zu „Life of M“ erscheinen, tragen Leserinnen und Leser weiter zur Debatte bei und führen zahlreiche Überschneidungen auf.
Bereits auf Seite drei schildert M ihre Erfahrungen als Kinderstar in einem Film, der „ihre Kindheit schlagartig beendete“, eine Beschreibung, die viele Beobachter sofort mit einem konkreten Filmprojekt verbinden und als Schlüsselmoment der vermeintlichen Enthüllungsdramaturgie lesen.
Viele sehen darin einen Hinweis auf Léon: The Professional. Portman war damals elf Jahre alt, als sie die Rolle bekam, und 13 bei den Dreharbeiten, was genau jener biografischen Konstellation entspricht, die im Roman anklingt. In der öffentlichen Debatte wird dieser Punkt häufig als eines der deutlichsten Indizien für eine bewusste Anlehnung an Portmans Lebensgeschichte genannt.
Kindheitserfahrungen, „Black Swan“ und weitere Parallelen
M berichtet außerdem, ihre Eltern hätten verlangt, bestimmte Szenen aus dem Drehbuch zu streichen, und sie sei nach der Veröffentlichung des Films in der Schule gemobbt worden. Beide Details hat Portman früher öffentlich erzählt, sodass sich die vermeintliche Fiktion hier bis in kleine biografische Nuancen hinein mit bekannten Aussagen der Schauspielerin deckt und dadurch den Eindruck eines Schlüsselromans verstärkt.
Früh im Buch taucht zudem der Verweis auf Ms „Hauptrolle in einem Film über ein junges Mädchen auf, das für die Hauptrolle in einem Ballett ausgewählt wird“. Viele denken sofort an Black Swan, den Film, in dem Portman eine verstörte Ballerina spielt und dafür einen Oscar erhält. Die Liste der Parallelen ließe sich fortsetzen, denn immer neue Details scheinen auf zentrale Stationen von Portmans Karriere zu verweisen.
Gerüchten zufolge ist Portman über ihre Darstellung wenig erfreut. Menschen aus ihrem Umfeld zeigen sich empört und betonen, Portman habe mit M nichts gemein und sei durch die Diskussion ungerechtfertigt in ein Licht gerückt worden, das weder ihrer Persönlichkeit noch ihrem beruflichen Selbstverständnis entspreche und sie als egomanische Diva erscheinen lasse.
Reaktionen aus Portmans Umfeld und Schauplatz Paris
„Natalie ist ein sehr privater Mensch, deshalb ist sie nach Paris gezogen. Rachels Buch ‚Life of M‘ hat sie wirklich wütend gemacht“, sagte eine anonyme „Insiderin“ der Daily Mail und ergänzte: „Sie hält das für einen echten Tiefschlag und ist entsetzt über das Gerücht, sie sei irgendwie in das Buch eingebunden gewesen – was sie ganz sicher nicht war. Die Figur hat mit ihr nichts zu tun, Natalie ist alles andere als eine Diva, sie ist eine stille Leseratte.“

Trotzdem bestimmen die Spekulationen die Berichterstattung zum Erscheinen des Romans – nicht zuletzt, weil die Handlung in einer namenlosen Stadt spielt, die stark an Paris erinnert, und sowohl Cusk als auch Portman in der französischen Hauptstadt leben. Portman hat Cusk zudem öffentlich unterstützt, indem sie deren Werke für ihren Online-Buchclub auswählte und damit zur Sichtbarkeit der Autorin in neuen Lesergruppen beitrug.
Sie lud die Autorin 2022 zu einem Gespräch ein, und in einem GQ-Interview von 2023 sagte Portman, sie sei „völlig beeindruckt“ gewesen, Cusk zu treffen. Diese Nähe wird nun als möglicher Hintergrund für den Roman gelesen: Der Übergang von künstlerischer Bewunderung zur literarischen Aneignung einer Figur scheint vielen Beobachtern fließend und wirft Fragen nach Loyalität und künstlerischer Verantwortung auf.
Cusks knappe Stellungnahme und die Frage nach Verrat
Cusk und ihr Team äußern sich kaum. Die Autorin sagte der New York Times lediglich, sie erlebe den Boulevard-Rummel als „sehr belastend“ und sehe darin eine Entstellung der eigentlichen literarischen Arbeit, die sie geleistet habe, weil jede Deutung auf die Frage nach vermeintlichen Vorlagen verengt werde, statt sich auf das komplexe Geflecht von Themen und Motiven zu konzentrieren.
„Der Roman, den ich geschrieben habe, wird dadurch fast in einen Gerichtssaal gezerrt, in einen Streit um Fakten“, sagte sie. „Wenn man einmal anfängt, an diesem Faden zu ziehen, löst sich alles auf. Das Buch erklärt sich selbst und verteidigt sich ziemlich umfassend.“
Handelt es sich also um den Literaturskandal des Jahres oder eher um einen deprimierenden, wenn auch wirkungsvollen Marketingtrick, der klatschgetriebene Spekulation auslöst, um die Verkaufszahlen nach oben zu treiben?
Hype versus Literatur und das eigentliche Ärgernis
Wie auch immer: „Life of M“ gilt als die große Meta-Erzählung des Herbstes. Bitter ist, dass der „skandalöse“ Wirbel manchen die Lektüre erschweren dürfte. Viele werden zu Recht beklagen, dass das ewige „Basieren die Figuren auf Portman oder nicht?“ vom eigentlichen Buch ablenkt und die Aufmerksamkeit von der literarischen Struktur und den sprachlichen Feinheiten weglenkt.
Im schlimmsten Fall überlagert der Hype „Life of M“ so sehr, dass einige das Buch nur wegen des Dramas und des Klatschs kaufen – und nicht wegen Cusks Sprache. Angesichts ihres Könnens wäre genau das der eigentliche Skandal, denn die Autorin ist bekannt für eine reflektierte, präzise und oft experimentelle Prosa, die sich einem rein boulevardesken Zugang entzieht und sorgfältige Lektüre verlangt.