Warum Quizfragen für Menschen mit Demenz tabu sind

Stand: 26.09.2026, 19:00 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Wie man mit dementen Menschen umgeht, erfahren die Besucher bei einem Vortrag von Annett Staab.

Wie man mit dementen Menschen umgeht, erfahren die Besucher bei einem Vortrag von Annett Staab. © Burghard Wittekopf

Annett Staab von der Hessischen Alzheimer Gesellschaft hat in Dietzenbach über den Umgang mit Demenzkranken referiert. In der Fragerunde danach zeigte sich, wie überfordert viele Angehörige sind.

Dietzenbach – Demenz ist eine Krankheit, die nicht nur einen Menschen trifft, sondern eine ganze Familie. Sie kommt schleichend, hat viele Gesichter und nimmt dem Erkrankten Stück für Stück das, was ihn ausmacht: Erinnerungen, Orientierung, Worte. Der Betroffene lebt zunehmend in einer eigenen Welt, die dem gesunden Partner irrational erscheint – und doch ist sie für den Kranken die einzige Wirklichkeit. Das verlangt von Angehörigen unendlich viel Geduld und Kraft. Wie man diese Kraft aufbringt, ist Thema im gut besuchten Großen Saal des Städtischen Seniorenzentrums. Annett Staab, Mitarbeiterin der Stadt Langen und Beisitzerin der Hessischen Alzheimer Gesellschaft, referiert über den „Umgang mit Menschen mit Demenz“. Der Abend ist Teil einer Informationsreihe zum Thema Demenz der Leitstelle Älterwerden des Kreises Offenbach und der Seniorenarbeit der Kreisstadt Dietzenbach.

„Ein Mensch mit Demenz stellt eine Frage oft mehrfach am Tag“, sagt Staab. Wer zum dreißigsten Mal gefragt wird, wie spät es ist, reagiert durchaus genervt. Doch für den Erkrankten ist es immer wieder die erste Frage und eine heftige Reaktion des Gegenübers schwer einzuordnen. Sie zeigt die Zeichnung eines „Sortierers im Kopf“, der die Eindrücke nicht mehr in die richtigen Schubladen legt. Daraus leitet die Referentin ihre Tipps ab: „Das größte Rädchen, an dem man drehen kann, ist man selbst. Sprechen Sie in kurzen Sätzen und stellen Sie immer nur eine Frage auf einmal.“ W-Fragen wie „wie, weshalb, warum“ verunsichern demente Menschen und sollten vermieden werden. Quizfragen wie „Weißt du noch, wie ich heiße?“ sind tabu. Statt „Das Essen ist fertig“ rät sie, direkt zu sprechen: „Komm zu mir, wir essen jetzt.“ Wichtig sei, Gefühle ernst zu nehmen, auch wenn das angeblich gestohlene Portemonnaie nur verlegt ist; nicht jeden Fehler korrigieren und kleine Notlügen, die den Kranken vor Überforderung schützen, sind erlaubt.

Rein statistisch, rechnet Staab vor, leben in Dietzenbach rund 727 Menschen mit Demenz; mit Angehörigen und deren Unterstützern sind es schnell mehr als 7000 Betroffene. Ihr Appell: „Gehen Sie gut mit sich selbst um.“

Es gibt kein Patentrezept

Wie groß der Beratungsbedarf ist, zeigt die anschließende Fragerunde, die teilweise sehr emotional abläuft. Eine Besucherin fragt, wie sie mit einer Freundin umgehen soll, die immer dieselbe Geschichte erzählt – Staab rät, ein Fotoalbum mitzubringen und das Zuhören als Geschenk zu begreifen. Ein Sohn zweifelt, ob seine 89-jährige Mutter noch eine Diagnose braucht. „Jeder hat ein Recht auf eine Diagnose, aber auch ein Recht auf keine Diagnose“, antwortet Staab. Andere fragen, wie sie einen Vater orten können, der allein im Wald spaziert, oder wie sie auf Ängste und Wahnvorstellungen reagieren sollen. Spürbar ist, wie überfordert viele sind. Ein Patentrezept gibt es nicht, betont die Referentin – denn jede Demenz ist anders. Laut Deutscher Alzheimer Gesellschaft macht die Alzheimer-Krankheit 60 bis 70 Prozent der Fälle aus; daneben gibt es unter anderem gefäßbedingte, Lewy-Körperchen- und frontotemporale Demenzen.

Umso wichtiger sind Anlaufstellen vor Ort. Seniorenberaterin Christel Meyer von der Kreisstadt Dietzenbach bietet Hausbesuche, einen monatlichen Angehörigenabend und geschulte Ehrenamtliche zur Entlastung an (Telefon 06074/42078). Bundesweit berät die Deutsche Alzheimer Gesellschaft unter der Nummer 030/259 37 95 14 (montags bis donnerstags von 9 bis 18 Uhr und freitags von 9 bis 15 Uhr). Nächste Veranstaltung ist am Donnerstag, 8. Oktober: „Mit Kraft und Gelassenheit herausfordernde Situationen meistern“ heißt der Vortrag von Sozialpädagogin Martina Geßner. Am Donnerstag, 22. Oktober, geht es mit Musiktherapeut Michael Keßler um „Musik im Alltag von Menschen mit Demenz“. Beide Vorträge beginnen um 17.30 Uhr im Großen Saal des Seniorenzentrums, Siedlerstraße 66. Die Teilnahme ist kostenlos.