AUDIO: Mehr Einser-Abiture in Thüringen (2 Min)
Noteninflation
Einser-Schwemme im Thüringer Abi: Woran liegt's?
Stand: 17.07.2026 06:56 Uhr
Fast 40 Prozent der Thüringer Abiturienten haben eine Eins vor dem Komma. Damit ist Thüringen bundesweit Spitze. Experten warnen vor der Noteninflation und einem erschwerten Auswahlverfahren an Universitäten. Der Thüringer Lehrerverband sieht die Ursache für die vielen guten Noten in der Besonderen Leistungsfeststellung (BLF).
Der Abiturschnitt liegt in diesem Jahr in Thüringen mit 2,11 auf einem ähnlichen Niveau wie im vergangenen Schuljahr. Das geht aus Daten des Thüringer Bildungsministeriums hervor. Demnach schlossen 5.945 Schülerinnen und Schüler die Schule in diesem Jahr mit dem Abitur ab - fast 100 mehr als im Schuljahr 2024/2025. 235 Schülerinnen und Schüler erreichten dabei die Note 1,0 - das ist mit knapp vier Prozent ein etwas höherer Anteil als im vergangenen Schuljahr.
Seit Jahren anhaltend hoch - und bundesweit Spitze - ist der Anteil der Schüler, die ihr Abitur mit einer Eins vorm Komma bestehen. Er lag in Thüringen zuletzt bei fast 40 Prozent. Manche Experten nennen das Noteninflation und meinen, dass besonders gute Noten entwertet werden, wenn zu viele Schüler sie bekommen.
Sind Thüringer Schüler durch die besondere Leistungsfeststellung in der zehnten Klasse der Prüfungssituation im Abitur besser gewachsen?
Einzelne schlechte Noten können gestrichen werden
Stefan Düll, der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, gehört zu diesen Kritikern. Seiner Ansicht nach ist das Bestehen des Abiturs für sich genommen schon einmal eine gute Leistung, die Respekt abverlange. In den vergangenen Jahren hätten sich in manchen Bundesländern immer mehr Schlupflöcher in der Bewertung eingeschlichen.
Als Beispiel nennt Düll, dass einzelne schlechte Noten aus der Gesamtbewertung gestrichen werden können. "Es ist eine Tendenz da, dass, wenn etwas am Abitur geändert wird, man unter keinen Umständen erleben möchte, als Verantwortlicher in Ministerium oder Politik, dass dann die Abiturleistungen schlechter werden", sagt Düll.
Stefan Düll ist Präsident des Deutschen Lehrerverbands.
NC reicht nicht mehr als Kriterium
Düll beklagt, letztlich würden Auswahlverfahren etwa an Universitäten erschwert, wenn es mehr Spitzennoten gebe. Dann reiche etwa der Numerus Clausus nicht mehr als Kriterium für bestimmte Studiengänge.
Dass Schüler durch strengere Noten etwa bei der Bewerbung um Studienplätze schlechtere Chancen hätten, ist für Düll hingegen kein Argument. Spätestens nach zwei Jahren sei das kein Thema mehr. Aktuell könne man das Leistungsniveau von Einser-Abiturienten immer schlechter voneinander unterscheiden, weil es zu viele von ihnen gibt.
Thüringer Lehrerverband: Durch BLF wird ausgesiebt
Tim Reukauf vom Thüringer Lehrerverband tlv allerdings spricht eher anerkennend von den überdurchschnittlich vielen Thüringer Abiturienten mit einer Einser-Note. Und dass dabei ein Thüringer Instrument wichtig ist: "Die Besondere Leistungsfeststellung sorgt dafür, dass vor allem diejenigen Jugendlichen den Weg in die Oberstufe fortsetzen, die die notwendigen fachlichen Voraussetzungen mitbringen. Dadurch entsteht in Thüringen eine andere Ausgangslage als in manch anderem Bundesland."
Die besondere Leistungsfeststellung (BLF) sorgt dafür, dass vor allem diejenigen Jugendlichen den Weg in die Oberstufe fortsetzen, die die notwendigen fachlichen Voraussetzungen mitbringen. Tim Reukauf vom Thüringer Lehrerverband tlv
Tim Reukauf ist Vorsitzender des Thüringer Lehrerverbands.
Nur in Thüringen und Sachsen im Abitur vorgeschrieben
Heißt im Klartext: Die Thüringer Schüler haben bereits Prüfungserfahrung und schneiden deshalb besser ab. Zu unterstellen, dass die Noten zu gut sind, sei der falsche Weg. "Man könnte auch darüber nachdenken, ob die Vorbereitung besonders gut ist", so Reukauf.
Die BLF als Prüfung für Abiturienten am Ende der 10. Klasse gibt es außer in Thüringen nur in Sachsen. Wer sie besteht, hat damit den Realschulabschluss in der Tasche und kann damit seine Bildungslaufbahn auch dann fortsetzen, wenn er oder sie das Abi nicht schafft.
MDR (ask)