Unions Probleme sind größer als das Bayern-Debakel

Analyse 0:7 in München

Unions Probleme sind größer als das Bayern-Debakel

Unions Torhüter Frederik Rönnow und Kapitän Christopher Trimmel beim 0:7 in München (imago images/Bernd Feil)
Unions Torhüter Frederik Rönnow und Kapitän Christopher Trimmel beim 0:7 in München (imago images/Bernd Feil)
  • Beim 0:7 in München macht es Union Berlin in der ersten Hälfte noch ganz gut
  • Überhaupt sind die Bayern wohl einfach nicht der Maßstab
  • Trotzdem wirft der gesamte Saisonstart Grundsatzfragen auf

Icon Kommentar

So häufig, wie der inzwischen 40-jährige Manuel Neuer sie in seinem Fußballer-Leben absolviert hat, hätte er eigentlich längst ein Buch schreiben müssen mit dem Titel: "Meine schönsten Ausflüge". Gemeint sind natürlich jene Ausflüge während eines Fußballspiels. Die Neuer während seiner Karriere immer wieder herausgetragen haben aus seinem natürlichen Habitat, dem Strafraum. Ausflüge, die in der Regel vor allem dann passieren, wenn ihm a) die eigene Mannschaft zu wenig macht oder aber wenn ihm b) schlicht zu langweilig ist.

Zu Beginn macht es Union eigentlich gut

Als Neuer in der 31. Minute der 7:0-Abreibung seiner Bayern gegen Union Berlin und 40 Meter vor seinem Tor zu einer Grätsche ansetzte, um vor Gegenspieler Woo-Yeong Jeong an den Ball zu gelangen, war es eindeutig Letzteres: schnöde Langeweile. Unmittelbare Gefahr wäre von Jeong nämlich auch dann nicht ausgegangen, hätte sich Neuer in dieser Situation um die Außenbeleuchtung der Münchner Allianz-Arena gekümmert.

Aber es passte ja ins Bild. Null. So hoch war der xG-Wert Unions nach der ersten Halbzeit. Also jener Wert, der die erspielten Chancen einer Mannschaft in eine statistische Torwahrscheinlichkeit übersetzt. Null zu drei hingegen lautete das Resultat nach diesen 45 Minuten aus Berliner Sicht. Was zugleich verdient und doch ein bisschen ungerecht war. Weil Union es eigentlich ganz gut machte in diesem ersten Durchgang.

Trimmel fehlen die Worte

Denn eigentlich passierte in einem anfangs hochgradig langweiligen Fußballspiel erstmal gar nichts. Bayern hatte den Ball, Union aber machte im Zentrum dank eines funktionierenden 4-2-3-1 gut die Räume zu und sorgte auch auf den Außenbahnen dafür, dass es so gut wie nie zu direkten Eins-gegen-Eins-Duellen und damit Chancen kam.

Eigentlich. Doch dann verlor Jeong gegen das krakenhafte Gegenpressing der Bayern den Ball und plötzlich ging alles zu schnell und zu präzise für die Berliner. Dem 1:0 durch Musiala (18.) folgten ein blöder Elfmeter (39.) und ein Fantasie-Tor des überragenden Michael Olise (43.), über den Union-Kapitän Christopher Trimmel nach der Partie sagte: "Mir fehlen die Worte ein bisschen. Weil es unmöglich ist, ihn zu verteidigen."

Überhaupt Trimmel. "Erste Halbzeit hat sich nicht schlecht angefühlt auf dem Feld", sagte der Kapitän, der für den verletzten Josip Juranovic in die Startelf gerutscht war und so hinterher aus eigenster Erfahrung berichten konnte: "Das war bis jetzt die stärkste Bayern-München-Mannschaft, gegen die ich je gespielt habe." Der gute Mann ist 39 Jahre alt. Es war sein 13. Spiel gegen die Münchner.

Der unfaire Kane

Dass es am Ende sogar sieben Gegentore hagelte und mithin so viele wie noch nie in der Bundesliga-Geschichte Unions, war dann auf gleich mehrere Probleme zurückzuführen.

Problem Nummer eins: Harry Kane. Der 33-jährige Engländer erzielte an diesem Abend einen Doppelpack. Was aus Sicht der Gegner leider furchtbar normal und an diesem Abend besonders deutlich wurde. Denn es waren die Bundesliga-Tore 100 und 101, die Kane in seinem gerade einmal 98. Bundesligaspiel erzielte. Unfair, könnte man meinen, ist es es gegen diese Bayern anzutreten. Die rein statistisch und sofern Kane spielt, also immer mit einer Art 1:0-Führung in die Begegnungen gehen.

Problem Nummer zwei war erwähnter, nicht zu verteidigender Olise, der am Ende sogar auf drei Tore kam, wobei eines schöner als das andere war. Problem Nummer drei betraf die nicht nachlassende Freude dieser Bayern daran, weiter Tore zu schießen. Und Problem Nummer vier ging dann auch mal Union selbst an, das vor allem beim 0:5 durch Ismail Saibari (70.) und in der Folge nicht mehr entschlossen genug bis fahrlässig verteidigte. Andererseits: Angesichts der bayrischen Übermacht war diese Form der zumindest momentanen Selbstaufgabe auch allzu nachvollziehbar.

Das Problem sind die anderen Spiele

Das größte Problem des 1. FC Union Berlin nach diesem 0:7 ist allerdings gar nicht dieses 0:7, sondern das Gesamtbild, in welches es sich einfügt. 0:7 hätte die Mannschaft angesichts der bayrischen Stärke auch verlieren können, wenn die restlichen drei Partien dieser bisherigen Bundesliga-Saison nicht so verlaufen wären, wie sie verlaufen sind. Sind sie aber.

Und so steht da nun also nicht nur diese Klatsche, sondern auch der historisch schlechteste Bundesliga-Start. Mit einem Punkt aus vier Partien. Vor allem aber steht da die Torbilanz von 4:17. Die schon vor der Bayern-Packung mit 4:10 viel zu schlecht ausgefallen war.

Am Ende wieder Fünferkette

Nach den nun drei Wochen Länderspielpause geht es für Union am 10. Oktober (15:30 Uhr) mit einem Heimspiel gegen Elversberg weiter. Ein Spiel, das die Mannschaft, das Trainer Mauro Lustrinelli dringend gewinnen sollte. Und bei dem sich vor allem die Defensive deutlich verbessert zeigen muss. Vielleicht ja doch wieder mit der Ur-Unioner Fünfer-Kette, so wie in den Schlussminuten bei den Bayern, nach der Einwechslung von Derrick Köhn. Und mit langen Bällen in Richtung Hoffnung. Auch wenn alle Beteiligten immer wieder betonen, dass es daran ja nicht liegen könne.

Manuel Neuer spielt am 10. Oktober übrigens zeitgleich mit seinen Bayern in Augsburg. Aber wer weiß. Vielleicht hat er ja Zeit für einen Ausflug.

Sendung: rbb|24, 19.09.2026, 08:00 Uhr

Audio: rbb|24, 19.09.2026, Daniel Gahn