Stand: 27.07.2026, 06:00 Uhr
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Während der Hitzewelle im Juni sind deutschlandweit 99 Menschen ertrunken, sechs davon in Hessen. Männer neigen häufiger zur Selbstüberschätzung – auch Alkohol spielt eine Rolle.
Frankfurt – Immer wieder Hitze, immer wieder scheint der Sprung ins Wasser die einzige Rettung durch etwas Abkühlung zu sein. Doch folgen auf Hitzewellen oft tragische Nachrichten von Menschen, die dabei ertrunken sind. Während der jüngsten Hitzewelle im Juni sind laut der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) deutschlandweit 99 Menschen ertrunken – allein in Hessen waren es sechs. Am Samstag tauchte dann ein 34 Jahre alter Mann nach einem Sprung in die Lahn bei Gießen nicht mehr auf. Taucher fanden in später leblos am Grund des Flusses.
Auffällig: Mehr als 90 Prozent derjenigen, die im Juni in ganz Deutschland ertranken, waren Männer. „Das ist ein Bundestrend, der sich auch hier abzeichnet“, sagt Philipp Hericks, Sprecher der DLRG Frankfurt. Das zeige die Erfahrung aus den Diensten. „Vor allem am Main ist es schon so, dass Personen im Wasser in der Regel Männer sind.“ Sie neigen häufiger zur Selbstüberschätzung, erklärt er. Auch Gruppendynamiken spielen eine Rolle. „Auch wenn Alkohol und Drogen im Spiel sind, ist das eher ein männliches Phänomen.“
Junge und Alte besonders gefährdet
Laut Henricks ist die Hauptgruppe derjenigen, die sich in Gefahr bringen, unter 30 und über 70 Jahre alt. Bei den Älteren komme die Gesundheitskomponente hinzu, erklärt er. „Probleme können im Wasser viel schneller tödlich enden als an Land.“ Einen Herz-Kreislauf-Stillstand könne man zum Beispiel an Land überleben, im Wasser gehe man unter.
Deshalb appelliere die DLRG immer, an bewachten Gewässern schwimmen zu gehen. Gut 50 Einsätze hatten die Frankfurter Retter dieses Jahr bis Mitte Juli bereits, bei denen Personen im Wasser waren. Für DLRG-Sprecher Hericks ist es aber schwierig zu sagen, ob jeder davon vor dem Tod gerettet wurde. „Ein Schwimmer im Wasser wird behandelt, als würde er gerade ertrinken“, erklärt Hericks. Aus der Ferne könne man nun mal nicht abschätzen, wie es der Person geht. „Wir haben auf jeden Fall schon Personen vor dem Ertrinken gerettet dieses Jahr“, sagt er. Ein Badeunfall, bei dem jemand gestorben ist, war laut Polizei aber nicht dabei.
Was kann man also tun? Die simpelste Antwort ist: schwimmen lernen. Das ist aber lange nicht so einfach getan wie gesagt. Dass immer weniger Menschen schwimmen können, ist laut Hericks ein echtes Problem. Einerseits sei es herausfordernd, Personal für Schwimmkurse zu finden – noch viel schwieriger seien aber die fehlenden Wasserflächen.
Auch dass Schwimmen lernen Geld kostet, ist ein Faktor. „Ökonomisch schlechter gestellte Familien schwimmen schlechter“, erklärt Hericks. Helfen soll hier das Programm „Hessen lernt schwimmen“, welches das Hessische Kultusministerium 2021 aufgelegt hat. Über 1200 hessischen Kindern und Jugendlichen konnten 2025 mithilfe kostenloser Schwimmkurse wichtige Schwimmfähigkeiten vermittelt werden, sagen die Verantwortlichen. Nun wird das Programm fortgesetzt.
In Frankfurt ist als einziger Verein der Erste Frankfurter Schwimmclub (EFSC) mit im Boot respektive Becken. Er bietet in den Sommerferien geförderte Kurse für Grundschulkinder an, die sich gezielt an Anfänger richten. In kleinen Gruppen und unter Anleitung erfahrener Trainer sollen die Kinder Schritt für Schritt an das Wasser gewöhnt werden. Rund zehn Einheiten sind vorgesehen, in denen vor allem Sicherheit im Wasser vermittelt und eine Grundlage für den späteren Schulschwimmunterricht gelegt wird.
Zeit, Übung und Wiederholung
Warum klinken sich nur so wenige Vereine in das Programm ein? „Sie bekommen nur einen Bruchteil dessen, was sie mit einem normalen Schwimmkurs verdienen würden“, erklärt Jürgen Ulmer vom EFSC. Kindern aus sozial benachteiligten Familien eine Chance zu geben, Schwimmen zu lernen, sei aber seit Vereinsgründung nach seinen Worten immer wichtig gewesen. Vor überhöhten Erwartungen warnt er jedoch: „Schwimmen lernt man nicht in zehn Unterrichtsstunden.“ Denn Schwimmen sei ein Prozess, der Zeit, Übung und Wiederholung benötige. Wenn am Ende eines Kurses zwei oder drei Kinder das Seepferdchen-Abzeichen schafften, sei das bereits ein großer Erfolg. Doch auch dieses Abzeichen bedeute noch keine echte Schwimmsicherheit. „Sicheres Schwimmen beginnt erst mit Bronze, dem früheren Freischwimmer. Bis dahin ist es ein weiter Weg.“
In den Kursen werden grundlegende Fähigkeiten trainiert. Dazu gehören das Springen ins Wasser, das Tauchen, die richtige Atmung sowie erste koordinierte Schwimmbewegungen. Ebenso wichtig sei es, dass die Kinder Vertrauen zum Wasser entwickeln und mögliche Ängste abbauen. Eine positive und spielerische Atmosphäre spiele dabei eine entscheidende Rolle.
Auch Eltern könnten einen wichtigen Beitrag leisten, betont Ullmer. Schon zu Hause in der Badewanne oder im Schwimmbad könnten sie mit ihren Kindern üben, etwa, indem sie sie spielerisch daran gewöhnen, Wasser ins Gesicht zu bekommen oder unterzutauchen. Für Ullmer steht fest: „Schwimmen ist kein Luxus und kein Hobby, sondern eine lebenswichtige Fähigkeit, die jedes Kind möglichst früh erlernen sollte.“
DLRG-Präsidentin Ute Vogt hat über die Jahre immer wieder erwähnt, dass vielen Kindern aus Familien mit Migrationsgeschichte das Schwimmen fremd sei, weil es nicht überall zur Alltagskultur gehöre. Um dem entgegenzuwirken, hat die Stadt Frankfurt 2025 in sieben ihrer größten Unterkünfte für geflüchtete und wohnungslose Menschen Schwimmkurse und Freibadbesuche angeboten oder organisiert, berichtet das Sozialdezernat auf Anfrage. Die Schwimmkurse richteten sich gezielt an Kinder und Jugendliche.